Teilhabe–Revolution in Vorarlberg

Übersicht

Teilhabe-Revolution in Vorarlberg
53° NORD-Veranstaltungen: Das Herbstprogramm
Medienversand: Neu im Angebot
53° NORD Service: Nützliche Links
Reaktionen auf den Aufruf: Paulmichls gesucht!

 

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

in diesem Frühsommer behandeln etliche Großveranstaltungen die Frage, wie sich die UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen umsetzen lässt. Auf dem Weltkongress von Inclusion International, ausgetragen von der Bundesvereinigung Lebenshilfe in Berlin, trafen sich letzte Woche ca. 2.500 Teilnehmer und lauschten unter anderem den Bekenntnissen von Bundessozialministerin Ursula von der Leyen und – per Video – auch von Kanzlerin Angela Merkel zum Inklusionsgedanken. Inklusion in der beruflichen Teilhabe war das Thema von bundesweiten Tagungen, die Anfang Juni in Dresden und Marburg stattfanden. Anfang Juli folgt eine weitere in Frankfurt.

Während Deutschland noch über den richtigen Weg diskutiert, hat ein Bundesland in Österreich Fakten geschaffen. Im kleinen Vorarlberg werden mittlerweile 70 % der geistig und mehrfach behinderten Schüler in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse vermittelt. Mehr dazu im nachfolgenden Bericht.

Wir wünschen Ihnen wie immer gewinnbringende und gute Unterhaltung bei der Lektüre dieses Newsletters.

Ihr 53° NORD-Team

 

Teilhabe-Revolution in Vorarlberg

Foto Vorlaberg

Für bundesdeutsche Verhältnisse unvorstellbar: Aus den Abgangsklassen der Förderschulen in Bregenz, Bludenz, Dornbirn oder Feldkirch im österreichischen Bundesland Vorarlberg entscheiden sich mehr als 70% für den Zugang zu einem Arbeitsplatz in Betrieben des ersten Arbeitsmarktes.

Beraten und unterstützt werden sie von Mitarbeitern des Integrationsfachdienstes Spagat. Vor zehn Jahren war dies noch undenkbar: Berufliche Integration von behinderten Jugendlichen in Vorarlberg war im Jahre 2000, wie bei uns, nahezu ausschließlich Sache der Werkstätten.

Was ist passiert? In einer dreijährigen Erprobung eines leicht modifizierten Supported-Employment-Ansatzes entwickelte Spagat eine erfolgversprechende Alternative zum Werkstättensystem. Das Land als Kostenträger erkannte den Weg als gleichberechtigt an und finanzierte ihn mit einem Drei-Säulen-Modell. Es übernahm die Kosten für

  • dauerhafte personelle Unterstützung durch den Fachdienst - mit durchschnittlich 150 Std. pro Jahr,
  • Lohnkostenzuschüsse in Höhe der gutachterlich festgestellten Minderleistung (zwischen 50 und 95 %),
  • einen individuell festgelegten „Mentorenzuschuss“ an den Betrieb, der den Anleitungs- und Betreuungsaufwand der betrieblichen Ansprechperson abdeckt.

Eine Studie aus den Jahren 2004/5 belegte, dass diese aus deutscher Sicht sehr großzügige Finanzierung weniger Kosten verursacht als ein Werkstattarbeitsplatz. Allerdings: Die durchschnittliche Arbeitszeit beträgt in diesem Modell nur 20 Std. in der Woche.

Die Werkstätten in Vorarlberg haben sich auf die Situation eingestellt. Sie bieten u.a. Kombi-Modelle mit Tätigkeiten in Werkstätten und Betrieben sowie eigene Zugänge zum Arbeitsmarkt.

Sie kooperieren zudem mit dem Dienstleister Spagat, um die Durchlässigkeit der Angebote zu erleichtern. Markus Vögel von der Lebenshilfe Vorarlberg hält die neuen Wahlmöglichkeiten für behinderte Menschen grundsätzlich für einen Gewinn. Er konstatiert aber auch: "Der direkte Einstieg in unsere Werkstätten ist heute die Ausnahme. Zu uns kommen überwiegend Menschen mit sehr schweren Behinderungen. Arbeit verliert in unseren Angeboten dementsprechend an Bedeutung. Sozialraumorientierung steht im Vordergrund und die Anforderungen an unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verändern sich."

Aus bundesdeutscher Sicht sind in dieser Entwicklung zwei Punkte bemerkenswert:

  • Die Vermittlung in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung gelingt mit diesem Modell auch bei Personen, für die in Deutschland eine Tätigkeit auf dem Arbeitsmarkt nicht vorstellbar wäre.
  • Die Entwicklung hat sich in einem Zeitraum von nur zehn Jahren vollzogen.

Skeptiker werden einwenden, dass die die Bedingungen in Vorarlberg nicht ohne weiteres auf Deutschland übertragbar sind:

  • Das Land hat nur 360.000 Einwohner.
  • Das Werkstättenangebot besteht aus 30 Betrieben mit einer Größe von 10 bis 50 Plätzen.
  • Die gesetzlichen Grundlagen unterscheiden sich deutlich vom bundesdeutschen System.

Dennoch: Bei den anstehenden Gesetzesänderungen in der Eingliederungshilfe lohnt ein Blick über die Grenze.

Einen ausführlichen Bericht über das Vorarlberger System und das Erfolgsgeheimnis von Spagat gibt es in der neuen Ausgabe von KLARER KURS, die Mitte August erscheint.

Informationen für ein Abonnement von KLARER KURS finden Sie auf unsere Abo-Seite.

 

53° NORD-Veranstaltungen: Das Herbstprogramm

Foto Veranstaltungen

Das Veranstaltungsprogramm von 53° NORD bietet Ihnen im Herbst wieder eine Fülle praxisorientierter Themen. Hier eine kleine Auswahl:

13./14. September, Hamburg
Arbeit im Sozialraum – Praxisfragen zum Aufbau gemeindenaher Arbeitsplätze

21./22. September, Bamberg
Lokaltermin: Integra Mensch

7. Oktober, Braunschweig
Lokaltermin: Kunstateliers und ihre Vernetzung in der Region

20./21. Oktober
Arbeitsangebote für Menschen mit Autismus

27.-29. Oktober, Berlin
Vermittlung von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt – Open-Space-Kongress

24.-26. November, Leipzig
Trainerschulung ZERA

25./26. November, Kassel
Arbeit und Bildung für Menschen mit schwerst-mehrfachen Behinderungen

1.-3. Dezember
Aus Werkstätten werden Beschäftigungsträger
in Kooperation mit der LAG:WfbM Hessen

 

Rückmeldung eines Teilnehmers an unseren Veranstaltungen:

"Mit dem Abstand von einigen Wochen und der Aufarbeitung der umfangreichen und kompetenten Tagungsunterlagen möchte ich mich für die sehr gelungene Veranstaltung bedanken. Es waren ereignis- und lehrreiche Tage in Hamburg, die auch durch die fruchtbare Diskussion mit anderen Werkstätten und Trägern geprägt waren. Die zugesandten Materialien dienen als sehr gute Grundlage zur Weitervermittlung an die Gruppenleiter in entsprechenden Schulungen. Also nochmals recht herzlichen Dank, auch für die vorzügliche Bewirtung."

Eckard Schönau, Werkstattleiter Lebenshilfe Leinefelde- Worbis e.V.

Das komplette Veranstaltungsprogramm finden Sie hier.

 

Medienversand - Neu im Angebot

Logo Buchcover

Gerhard Grunick, Nicola J. Maier-Michalitsch (Hg.), Leben Pur – Kommunikation bei Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen, € 14,90

Im Februar 2010 ist der vierte Band aus der Reihe Leben Pur im Eigenverlag des Bundesverbandes für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e.V. zum Thema Kommunikation erschienen. Das Leben von Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen ist häufig von dem Problem geprägt, sich nicht so ausdrücken zu können, dass sie von ihrer nahen Umgebung eindeutig verstanden werden.

Die Folgen dieser mangelhaften Kommunikation können Rückzug, Frustration und in manchen Fällen sogar auto- oder fremdaggressives Verhalten sein. Im Vorwort erinnern die Herausgeber daran, dass es oft andersherum ist: "Es sind nicht immer die Menschen mit Behinderung, die sich nicht ausdrücken können. Es sind auch wir, die 'Fremdsprachen' lernen müssen, um Andere zu verstehen."

Der vorliegende Sammelband enthält Beiträge verschiedener Autoren, die viele Wege zu einer besseren Kommunikation beschreiben. Die Kapitel spannen dabei einen weiten Bogen: Unterstützte Kommunikation, Sensumotorische Kooperation, Taktiles Gebärden, Besonderheiten der Kommunikation bei Menschen mit Sehschädigung oder bei sehr kleinen Kindern sind einige der Themen ebenso wie die Kommunikation im Alltag oder Kommunikation im System der Sozialgesetzgebung.

Auch Beispiele aus der Praxis fehlen in diesem lesenswerten Band nicht: Im siebten Kapitel „Betroffene schildern ihre Erfahrungen“ folgt der eindrucksvolle Bericht eines jungen Mannes, der gelernt hat, mit einem Talker zu kommunizieren: "Ich rede nur anders als Sie."

Das letzte Kapitel beschreibt ein Projekt für Jugendliche mit Mehrfachbehinderungen, das ein neues Kommunikationsangebot via Internet aufbaut.

Dieses Buch und das komplette Programm des Medienversands von 53° NORD finden Sie hier.

 

53° NORD-Service

Foto

Nützliche Links zur beruflichen Teilhabe

http://www.bruecken-bauen-marburg.de/beitraege/

Die Konferenz "Brücken bauen" des Vereins Arbeit und Bildung am 10. und 11. Juni in Marburg gab einen Überblick über die europäischen Ansätze zur beruflichen Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. In dieser Tagungsdokumentation finden sich unter anderem Tagungsbeiträge folgender Referenten:

  • Martha Stecher, Sozialdienste Vinschgau/Südtirol
  • Markus Vögel, Lebenshilfe Vorarlberg
  • Clemens Russell, Ex-Koordinator des EU-Programms HELIOS
  • Monika Scholdei-Klie, BAG Gemeinsam Leben – Gemeinsam Lernen
  • Rolf Behncke, Hamburger Arbeitsassistenz
  • Peter Stadler, FAF Berlin
  • Dieter Basener, 53° NORD, Hamburg

 

http://www.beb-ev.de/content/seite15.html

Auf seiner Dokumentationsseite bietet der Bundesverband evangelischer Behinderteneinrichtungen eine Fülle von informativen und zum Teil richtungsweisenden Beiträgen aus Tagungen und Kongressen. Hervorzuheben ist die Psychiatrie-Jahrestagung vom Mai 2010 in Bonn. In Kürze werden auch die Materialien aus der Fachtagung Teilhabe am Arbeitsleben eingestellt. Sie trug den Titel "Übergänge gestalten" und fand vom 07.- 09. Juni in Dresden statt.

 

Reaktion auf den Aufruf "Paulmichls gesucht"

Foto Logo BruderhausDiakonie

In unserem letzten Newsletter haben wir dazu aufgerufen, der Redaktion Texte von Menschen mit Behinderung zu schicken, die zeigen, dass die Literaturszene nicht nur aus Georg Paulmichl besteht.

Von der BruderhausDiakonie in Reutlingen erreichte uns folgende Mail:

Liebe Literaturinteressierte!
Seit 2 Jahren biete ich eine Literaturgruppe in einer WfbM an. In der Gruppe sind Menschen mit geistiger Behinderung und psychischer Erkrankung. Wir beschäftigen uns mit Literatur, besonders Gedichten, und die Gruppe erstellt selber kurze Texte zu vorgegebenen Themen.

Letztes Jahr haben wir ein Literaturdomino erstellt und auf dem Marktplatz zu einer Feier der Werkstatt präsentiert. (Ich hänge es zur Einsicht an, beim fertigen Domino ist es auf großen Karten mit passenden Fotos gedruckt). Ich bin Ergotherapeutin und Dichterin und habe viel Spaß an dieser Arbeit.

Annette Koppenborg

Hier eine kleine Auswahl der Texte:

Brigitte Kraus
Einen Tag jemand anders sein - Bild Prominente
Steffi Graf.
Sie ist sehr sportlich und kann sich schnell bewegen.
Hat eine gute Familie und zwei nette Kinder
Sie kann sehr gut Tennis spielen.
Sie hat eine gute Figur.
Sie macht einen glücklichen Eindruck

Petra Denzel
Einen Tag jemand anders sein - Bild Prominente
Ich wehre gern einen Tag lang Luke Skywaker. Einen
Tag lang mit Lichtschwert und der Fähigkeit Dinge meine Gedanken
zu bewegen durch die Gegend laufen.
Luke bekam seine verlorene Hand perfekt ersetzt
Das wehre das Gröste für mich

Petra Volz
Einen Tag jemand anders sein - Bild Phantasiefigur wie ein kleines Männchen
Ich möchte für einen Tag so ein Männlein sein
das durchs Schlüsselloch guckt ob die anderen
zu hause aufgeräumt haben oder sie alles nur
unordentlich alles weiter hin schmeißen.
Wenn man alles hinschmeißt findet man nichts mehr.
Dann muß Heinzelmännchen kommen u. aufräumen für einen Tag.

Gerhild Böttcher
Einen Tag jemand anders sein - Bild Phantasiefigur
Da gibt es doch so ein Lied von Reinhard Mey, daß er gerne Hund wäre
Und dann am Schluß weiß ich noch – es ist doch gut,
daß er ein Mensch ist, weil ein Hund kann nicht an den Kühlschrank
und so eine Kühlschranktür aufmachen.
Als Hund wäre ich viel im Freien,
kann auch treuer Begleiter sein.

Petra Seemaier
Vor 200 Jahren - Bild Wohnung/altes Haus
Wie die Leute gelebt haben vor 200 Jahren
Früher gab es noch keine Auto u. keinen Bus
Früher mußte man alles laufen
Früher hat man Kuchen gebacken im Backhaus.
Manche Leute haben sogar zu zweit im Bett geschlafen.
Ganz früher hat man Essen und bestimmte Sachen
Auf Marken bekommen.
Vom schlechten Essen gab es Kolera
Fleisch am offenen Feuer braten.
Viele Leute mußten als große
Familie in einem Raum wohnen.

Vielen Dank, liebe Reutlinger, für Eure Texte. Über weitere Zusendungen würden wir uns freuen.

 

Wir wünschen allen unseren Leser eine sonnige Woche.

 

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Team von 53° NORD Agentur und Verlag
Ein Geschäftsbereich der Elbe-Werkstätten GmbH

Behringstraße 16a
22765 Hamburg
Telefon: 040 – 414 37 59 88

Mail: info@53grad-nord.com
Internetpräsenz: www.53grad-nord.com