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Teilhabe 2020

Rainer Knapp – Geschäftsführer der GWW Sindelfingen:

Komplexe Dienstleistungen für die Wirtschaft

"Der wichtigste Trend in der beruflichen Teilhabe wird auch für die nächsten Jahre sein, dass behinderte Menschen eigene Vorstellungen von ihrem Leben und ihrer Arbeit haben und diese auch einfordern und sich nicht einfach durch den Verweis auf institutionelle Lösungen abspeisen lassen.

Die demografische Entwicklung wird sich um das Jahr 2015, zumindest was die Menschen mit geistiger Behinderung angeht, einpendeln. Mehr Arbeitsplätze werden von da an wohl nicht mehr benötigt. Wie sich dies im Bereich der Menschen mit psychischer Behinderung entwickelt, bleibt offen. Eine quantitative Ausweitung wird es danach also kaum mehr geben, wohl aber eine qualitative, d.h. die Angebote werden sich stärker differenzieren.

Bezüglich des Zugangs zum allgemeinen oder privatwirtschaftlichen Arbeitsmarkt ist allerdings eine Ausweitung unter den derzeitigen Rahmenbedingungen kaum zu erwarten. Viel versprechend ist hier nur die neue Maßnahmeform der "Unterstützten Beschäftigung", die mehr Zugänge erreichen wird, wobei z.Zt die Aufspaltung in leistungsberechtigte und nicht leistungsberechtigte Menschen Sorgen macht. Allgemein: Die Werkstätten bleiben weiter wichtig und sind gefordert.

Der Gedanke des Persönlichen Budgets ist im Prinzip richtig, weil er wegführt vom rein institutionellen Denken hin zu individuellen Ansprüchen, für die Leistungen erbracht werden müssen, egal von wem. Leider hat das Persönliche Budget so viel Webfehler, dass nicht zu erwarten ist, dass es auf absehbare Zeit große Bedeutung gewinnt. Damit ist es eine vertane Chance, wenn nicht deutlich nachgebessert wird.

Ein weiterer Trend liegt in der Zunahme von Kooperationen und Vernetzungen, etwa in Beschaffungen und im Vertriebsbereich, aber auch in gemeinsam betriebenen Integrationsprojekten oder Bildungsangeboten. Daneben steht die Tendenz, dass größere Träger selber unterschiedliche Maßnahmeformen in ihr Angebot aufnehmen und damit zu Komplexanbietern werden. Große Träger könnten zunehmend kleinere verdrängen oder übernehmen. Eine Alternative kann der freiwillige Zusammenschluss unter einem gemeinsamen Dach sein. Kleine könnten sich aber auch spezialisieren und Nischen abdecken. Das wiederum fördert die Ausweitung und Differenzierung des Angebotes.

Die Kostensatzentwicklung geht eindeutig in Richtung Reduzierung und Einsparung. Diese Tendenz kann Träger in die Knie zwingen und auf Dauer die Angebotsstruktur verschlechtern. Ein Gegentrend dazu wäre die Neudefinition von Messgrößen, die auch qualitative Kriterien, wie Übergänge in den Arbeitsmarkt berücksichtigt.

Der Bereich der Qualifizierung wird in Zukunft eine größere Rolle spielen, einmal auf Grund der Nachfrage und der Erwartung von behinderten Menschen, aber auch als Vorraussetzung, um am Markt zu agieren. Qualifizierung ist nicht nur für Menschen mit Behinderungen von Bedeutung, sondern zunehmend auch für das Personal: Insbesondere in der Technologieentwicklung, in der Prozessgestaltung und in der Kommunikation mit Unternehmen.

Im Bereich der Produktion und Dienstleistungen ist die klassische Form der Auftragsarbeit als verlängerte Werkbank der Industrie am Ende. Mit ihr sind auf Dauer die Löhne nicht mehr zu erwirtschaften. Im Aufwind sind dagegen der Dienstleistungsbereich und die Erbringung von komplexen Dienstleistungen für die Wirtschaft, etwa in der Steuerung der Lagerhaltung oder in der Einbeziehung in die Lieferantenkette. Wir suchen also nicht mehr Arbeit, die zu uns passt, sondern wir machen Arbeit passend für unsere Beschäftigten. Daraus entwickeln sich auch neue Tätigkeitsfelder und Anforderungen.

Das bedeutet unter dem Strich: Die Arbeitswelt für behinderte Menschen im Rahmen von Werkstätten und Integrationsfirmen wird im Jahre 2020 vielfältiger und attraktiver sein als heute."

(Download als PDF)

            
Letzte Aktualisierung der Webseite am 03.02.2012
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