Teilhabe 2020
Michael Kröselberg, Direktor der Caritas Werkstätten Mayen
Systemwandel zu einem Modell der Lohnsubvention
"Ich bin kein Prophet und kann deswegen keine eindeutige Prognose abgeben, wie die Entwicklung beruflicher Teilhabe im Jahre 2020 aussehen wird. Ich muss deswegen mit best-case- und worst-case-Szenarien arbeiten.
Bzgl der gesetzlichen Grundlagen sehe ich im besten Fall, dass das bestehende Werkstättenrecht durch ein Teilhaberecht auf Arbeit abgelöst wird. Wir hätten es dann zu tun mit einem umfassenden Teilhabesystem mit flexiblen Ansprüchen und Rechten, abgestimmt auf den individuellen Bedarf. In einem solchen System würde der monopolhafte Charakter von Leistungsfeldern wie der Werkstatt, dem Berufsbildungswerk oder dem Berufsförderungswerk entfallen. Im schlimmsten Falle gibt es eine Rückentwicklung hin zur preiswertesten Maßnahme der Beschäftigung im allgemeinen Arbeitsmarkt, ohne begleitende Qualifizierung oder Bildung, bestenfalls noch mit drei Monaten diagnostischer Abklärung und ohne individuelle Unterstützung.
In der Nachfragesituation wird sich in unserer postindustriellen Arbeitsgesellschaft die Anzahl der Menschen erhöhen, die außerhalb des allgemeinen Arbeitsmarktes stehen. Dies betrifft wahrscheinlich alle Personen unterhalb des Fachkräftesektors. Damit wächst der Anteil der Menschen im unterstützten Beschäftigungsbereich.
Die Träger müssen sich diesen neuen Herausforderungen stellen. Ich bin davon überzeugt, dass diejenigen Werkstattträger, die sich rein auf ihren angestammten gesetzlichen Auftrag beschränken, große Wettbewerbsprobleme bekommen und auf Dauer nicht mehr marktfähig sind. Das beweisen die heute schon zu verzeichnenden Fusionen, Kooperationen und Netzwerke. Möglicherweise gibt es in der Geschwindigkeit dieses Prozesses Unterschiede zwischen den Metropolregionen und dem ländlichen Bereichen. In Metropolen wird dieser Prozess schneller voranschreiten, aber die Entwicklung wird sich auch auf dem land vollziehen - analog zur Jugendhilfe, zu den Krankenhäusern und auch zur Altenhilfe - und das auch schon innerhalb der nächsten 10 - 15 Jahre.
Für den Bereich der Qualifizierung sehe ich wieder eine best-case- und einen worstcase- Variante: Im besten Fall geht die Entwicklung in Richtung einer modularen beruflichen Bildung mit zertifizierten Abschlüssen und Teilqualifikationen unterhalb des derzeitigen Ausbildungsniveaus und die Werkstättenträger sind für diesen Bereich als Bildungsträger anerkannt. Im schlimmsten Fall gibt es nur noch preiswerte Angebote im Sinne eines Training on the Job, die keinen Zugang zum ersten Arbeitsmarkt ermöglichen.
In Bezug auf Produktionen und Dienstleistungen gehen Werkstätten im schlimmsten Fall zurück auf das Niveau von Beschäftigungsangeboten, nämlich dann, wenn sie den Stand der Technik und der Ausbildung nicht halten und damit nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Im besten Fall halten sie Schritt in der Technikentwicklung und der Mitarbeiterqualifizierung mit und bleiben so ein Teil der Wertschöpfungskette – vielleicht sogar als einer der wenigen deutschen Anbieter auf dem Weltmarkt.
Schließlich halte ich es für grundsätzlich erforderlich (und ich glaube, wir sind davon auch nicht mehr weit entfernt), über einen grundsätzlichen Systemwandel nachzudenken, indem wir das gesamtes Finanzierungssystem von der Subventionierung der Betreuungsleistung auf eine Lohnsubventionierung umstellen, wie dies bereits in Holland oder in Skandinavien der Fall ist. Die notwendigen Betreuungsund Assistenzleistungen sollten über persönliche Budgets finanziert werden. Ein solches System würde alle Anbieter gleichbehandeln. Es ermöglichte einen Mindestlohn als Nachteilsausgleich, wobei das Lohnniveau nach oben hin offen wäre. Das System würde Werkstätten nicht anders behandeln als andere Anbieter auch, Chancengleichheit, Flexibilität und auch Wettbewerb wären gegeben. Werkstätten hätten dabei eine faire Chance, weil sie in ihrer Ausrichtung stark auf die Bedürfnisse der Person bezogen und die betriebliche Orientierung gleich mitliefern. Ein solches System müsste man nicht gleich flächendeckend einführen, sondern es könnte zunächst regional erprobt werden."


