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Teilhabe 2020

Professor Dr. Wolfgang Seyd, Institut für Berufs- und Wirtschaftspädagogik der Universität Hamburg

Qualifizierung gewinnt zunehmend an Bedeutung

"Ein wichtiger Trend der nächsten Jahre ist die Öffnung der Sondereinrichtungen, also Werkstätten oder Berufsbildungswerke, in Richtung der Betriebe des ersten Arbeitsmarktes. Werkstätten werden sich vernetzen und Arbeitsplätze und Arbeitsgruppen in Betrieben ansiedeln. Für die Übergänge werden die gesetzlichen Grundlagen besser strukturiert, so dass Leistungen, die heute der Werkstatt gewährt werden, auch in Betriebe übernommen werden können.

Kostensätze müssten angehoben werden, da die Leistungserbringung mit Blick auf den Arbeitsmarkt immer mehr Kosten verursachen wird. Deshalb ist es unredlich, wenn die Reha-Träger nicht nur Vermittlungsergebnisse optimiert haben, sondern auch die Preise für die Reha-Leistungen der Einrichtungen drücken wollen. Die Behindertenverbände müssen sich flankierend stärker einbringen, um die Interessen der Betroffenen hier zum Zuge zu bringen.

Bei den Personengruppen, die stärker im System der beruflichen Rehabilitation berücksichtigt werden müssen, ist besonders der Personenkreis der Menschen mit psychischer Behinderung zu nennen. Deren Anteil wächst in allen Industrieländern mit einer Rate von 3 bis 5% jährlich. Arbeit als Möglichkeit der gesundheitlichen Stabilisierung wird in der Psychiatrie zunehmend erkannt. Allerdings gibt es in diesem Bereich auch Zuschreibungsphänomene: Menschen werden als "psychisch behindert" klassifiziert, die ein Arbeitgeber gar nicht als solche ansehen würde.

Die These, dass bei einer alternden Gesellschaft ein Arbeitskräftemangel herrschen wird, der Menschen mit Beeinträchtigungen einen Vorteil verschafft, ist mir zu simpel. Die demografische Entwicklung könnte durchaus durch Rationalisierungs- und Outsourcing-Prozesse kompensiert werden, so dass der Mangel gar nicht so stark ins Gewicht fällt. Schließlich sind erst einmal runde 6 Mio. Erwerbspersonen in die bezahlte Beschäftigung zurückzuführen.

Auch der These vom stärkeren Zusammenwachsen von Angebotsformen unter dem Dach einzelner Träger kann ich nicht zustimmen, weil in Deutschland Zuständigkeiten stark getrennt sind und die zugehörige Bürokratie solche an sich wünschenswerte Prozesse verhindert.

Für wahrscheinlich halte ich jedoch die These von den sich abzeichnenden Konzentrationsprozessen unter vergleichbaren Anbietern. Dies ist bereits im Gesundheitsund im Pflegebereich zu beobachten und ich glaube, dass dies in absehbarer Zeit auch auf Leistungsanbieter im Behindertenbereich durchgreifen wird. "Sozialkonzerne" mit eigener Entlohnungsstruktur können günstigere Angebote unterbreiten und erhalten dadurch den Zuschlag – vorausgesetzt, es existiert ein Markt für diese Leistungen. Dies führt zu Übernahmen, freiwilligen Zusammenschlüssen oder Kooperationen.

Das Persönliche Budget hat in Deutschland nach meinem Kenntnisstand nach wie vor noch nicht seine volle Wirksamkeit erreicht. Bis jetzt ist die Wahl dieses Instrumentes noch sehr bescheiden ausgefallen. Hier sehe ich Entwicklungspotential. Ein solches System braucht Anlaufzeit, aber die Beispiele aus den Niederlanden oder Dänemark zeigen, dass die Möglichkeiten zur Selbstbestimmung auf Dauer doch genutzt werden.

Im Bereich der Produktion und Dienstleistungen wird es künftig immer mehr intelligente Lösungen geben. Hier ist in den Betrieben unternehmerischer Geist gefragt, wobei letzten Endes nicht Rationalisierung, sondern das Entstehen von immer neuen Arbeitsplätzen im Mittelpunkt stehen muss.

Eine starke Bewegung wird es im Bereich der Qualifizierung geben, die zunehmend an Bedeutung gewinnt. Allerdings nicht in der herkömmlichen Form der Vermittlung von kompletten Ausbildungen und Umschulungen mit der Betonung umfassender Fachkenntnisse, sondern im Erwerb von umfassenden Kompetenzen, allgemeinen Fähigkeiten und Schlüsselqualifikationen. Diese müssen immer im Arbeitszusammenhang vermittelt werden und die Lernprozesse werden mehr und mehr in die Eigensteuerung der Lernenden übergehen. "Hilfe zur Selbsthilfe" war schon das Leitmotiv des Reha-Angleichungsgesetzes von 1974. Im Zuge der "Individualisierung" wird es endlich durchgreifend und konkret umgesetzt. Selbstbestimmtes Lernen und eigene Lern-Fahrpläne sind die Entwicklung der Zukunft. Das ist auch bei Menschen mit geistiger Behinderung möglich, wie ein Modellversuch in Hamburg nachweist. Lebenslanges Lernen gilt nicht nur Facharbeiter in Industrie und Handwerk als unverzichtbar, sondern auch für beeinträchtigte Menschen. Künftig wird mehr elektronisch gelernt. Beratung wird eingefordert. Lernen am Computer und Lernen im Gruppenkontext werden sich ergänzen. Das Jahrgangsklassensystem, die Ziffernbenotung und die punktuellen Abschlussprüfungen werden die nächsten 20 Jahre nicht überdauern."

(Download als PDF)

            
Letzte Aktualisierung der Webseite am 03.02.2012
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