Teilhabe 2020
Clemens Russell - langjähriger Netzwerkmanager der EU im Behindertenbereich, Koordination des HELIOS-Programms; heute u.a. Tätigkeit bei den Lewitz- Werkstätten gemeinnützige GmbH, Parchim
Europäische Einflüsse möglich
Aus der demografischen Entwicklung ergibt sich, dass künftig, vor allem in Zeiten konjunkturellen Aufschwungs, Fachkräfte fehlen. Diese Tatsache wird den Arbeitskräften mit Beeinträchtigungen oder Benachteiligungen zu neuer Bedeutung verhelfen. Die Nachfrage wird steigen, die Möglichkeit der Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt entsprechend. Auf Dauer brauchen wir eine Eingliederungs-, keine Ausgliederungsstrategie. Der Zugriff auf Fachkräfte, auch aus diesem Personenkreis, kann für Firmen ein Wettbewerbsvorteil werden. Gefragt sind dann allerdings, wie immer beim Thema Übergang in den ersten Arbeitsmarkt, gute Personalkonzepte, eine flexible personelle Unterstützung, eine tragfähige finanzielle Regelung, gute Qualifizierungsangebote und ein Gleichgewicht zwischen ambulanten und stationären Angeboten.
Thema Kostensätze: Das Verhältnis zwischen Anbieter und Kostenträger wird sich weiter ökonomisieren. Es geht mehr und mehr in Richtung leistungerechte Vergütung, damit wird die Leistungsüberprüfung zu einem wichtigen Kriterium. Sie beinhaltet Qualitätsprüfung, Controlling aller Leistungsbereiche und auf Seiten des Anbieters qualitätssichernde Maßnahmen. In diesem Zusammenhang ist auch sozialer Neid eine Gefahr, die in Zukunft noch stärkere Auswirkungen haben wird. Leistungen zur beruflichen Integration kosten Geld, und diejenigen, die diese Leistungen erhalten, haben Arbeit. Andere Gruppen der Gesellschaft haben zwar Arbeitslosengeld oder Grundsicherung, aber oft keine Arbeit und fühlen sich ausgegrenzt. Hier gilt es, die soziale Balance nicht zu verlieren, Leistung und Gegenleistung sichtbar zu machen und sich der Überprüfbarkeit zu stellen.
Die Trägerlandschaft wird sich bis 2020 deutlich verändern, es wird zu Konzentrationsprozessen kommen. Die großen Träger können über günstigere Kostensätze ihre Marktmacht ausspielen, kleine Träger werden sich zusammenschließen oder von großen übernommen werden. Für die kleineren muss die Strategie sein, sich den Herausforderungen aktiv zu stellen und selber ihr Angebotsspektrum zu definieren, sei es in besonders günstiger Leistung, sei es in Angebotsnischen. Neben Übernahme und Konzentration gibt es auch abgeschwächte Varianten einer Zusammenarbeit. Sie liegen im gemeinsamen Einkauf, im gemeinsamen Personaleinsatz von Fachkräften, in partieller Zusammenarbeit durch outgesourcte Dienstleistungen oder in der gemeinsamen Akquise und Bearbeitung von Großaufträgen. Auch gemeinsames Facilitymanagement könnte zu dieser Form von Vernetzung gehören.
Interessant wird sein, wie sich Produktionen und Dienstleistungen von einfacher Auftragsarbeit und starker Abhängigkeit von industriellen Aufträgen entwickeln werden. Wird es vor allem in strukturschwachen Regionen gelingen, mehr zum Anbieter von lokal oder regional zu erbringenden Dienstleistungen zu werden? Wird es gelingen sich als eigenständiger Partner der Industrie, in Service, Logistik und Zulieferung zu positionieren, und damit attraktivere Wertschöpfungen zu ermöglichen. Oder wird die globalisierte Wirtschaft andere Konzepte erforderlich machen?
Einflüsse aus dem Europäischen Rahmen sind vor allem über die Dienstleistungsrichtlinien zu erwarten. Sie zielen auf Marktderegulation und ermöglichen Anbietern, sich in anderen Ländern zu etablieren. Der Bereich der Gesundheit und des Sozialen ist dabei zwar z.Zt noch relativ stark ausgeklammert, eine Liberalisierung ermöglichte deutschen Unternehmen aber, sich auch in anderen Ländern zu etablieren. Dies setzt allerdings eine europaweite Standardisierung von Angeboten, Leistungsrichtlinien und Qualitätsvorschriften voraus. Es ist eine Gegenbewegung zu aktuellen Tendenzen im Wohn- und Pflegebereich, wo Billiganbieter aus Europäischen Niedriglohnländern auf den Markt drängen (Stichwort: "Mc Pflege"). Die Definition von Qualitätsstandards muss übrigens nicht nur die Input-Standards, sondern kann auch die Outcome-Standards betreffen.
Die Auswirkungen der Globalisierung, insbesondere die Öffnung der Grenzen nach Osteuropa, sind in ihren schlimmsten Wellen wahrscheinlich bereits überstanden. Auf alle Fälle kennen wir mittlerweile die Prozesse besser und können uns entsprechend verhalten. Hier gilt es, die Globalisierung zu entdämonisieren und die Kunst der Kooperation zu suchen. Chancen könnten sich etwa in Kooperationen mit osteuropäischen und fernöstlichen Partner finden, die nach Westeuropa expandieren und aufgrund der Zollbestimmungen eigene Produktionsstätten errichten. Bezüglich der Standards der Eingliederungshilfe und der beruflichen Teilhabe ist das deutsche und das europäische Sozialmodell besonders fortschrittlich und wir sollten es in die osteuropäischen Länder des Europarates, die nicht zu den EU Mitgliedsstaaten gehören und auch in Schwellen- und Entwicklungsländer "exportieren". Wohlwissend, dass ein 1:1 Export weder möglich noch erwünscht wird. Die Berücksichtigung nationaler Gegebenheiten ist bei allen Formen des Transfers oder Exports eine wichtige Voraussetzung. Hier müssen die Verbände, aber auch die nationalen und europäischen Institutionen ihre Entwicklungen aktiv vertreten.
Bezüglich der Darstellung von Einrichtungen der beruflichen Rehabilitation in der Öffentlichkeit gibt es einen großen Nachholbedarf in Richtung Selbstbewusstsein und positiven Selbstbild. Werkstätten und andere soziale Unternehmen haben Probleme damit, sich als Partner der Industrie zu etablieren. Die Zukunftsthemen heißen also "positive Imagepflege" und "Professionalisierung". Dies ist vor allem eine Frage der eigenen Selbstwahrnehmung, die sehr von der Fremdwahrnehmung abweicht. Als Dienstleister haben die Anbieter eigentlich ein hohes Maß an Kundenzufriedenheit erreicht, die aber nicht genügend offensiv in den Markt vertreten wird. Damit wertet man auch die Leistungsfähigkeit behinderter Menschen indirekt ab und riskiert der Diskriminierung Vorschub zu leisten.
Der Bereich des Persönlichen Budgets ist noch nicht wirklich ausgereift. Hier ist noch viel zu tun an gesetzlicher Klarstellung und Propagierung der Angebote und der Ziele des Persönlichen Budgets. Im Prinzip passt dieser Zug jedoch in die Landschaft, in der die Begriffe "Teilhabe" und "Kundenstatusstatus behinderter Menschen" die Richtung prägen. Wie bei allen Innovationen muss die Einführung genau beobachtet werden, zum Beispiel ob Wünsche und Erwartungen erfüllt wurden. Oder ob nicht wie schon mancherorts vernehmbar, zu hohe Erwartungen an das persönliche Budget bitter enttäuscht wurden. Für den Personenkreis geistig und lernbehinderter Menschen müssen angemessene Angebote teilweise noch geschaffen und erprobt werden. Die Entwicklung kann als "vorsichtig positiv" eingestuft werden.


