53° NORD Agentur und Verlag

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53° Nord-Interview mit Diane Kingston am 13.10.2015 via Skype

53° Nord: Frau Kingston, Sie gehören als Berichterstatterin für Deutschland dem Komitee an, das im Auftrag der Vereinten Nationen die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in den Ratifizierungsstaaten überprüft. Wie sind Sie Mitglied geworden?

Diane Kingston: Wir sind von unseren Ländern vorgeschlagen worden. Alle vier Jahre wählen die 159 Unterzeichnerstaaten die 18 Komitee-Mitglieder in New York. Wir haben Vertreter aus Amerika, Afrika, Europa und Asien. Mein Land hat mich über ein transparentes Auswahlverfahren vorgeschlagen. Nächstes Jahr endet mein Vierjahres-Mandat.

53° Nord: Was sind Ihre Aufgaben?

DK: Die wichtigste Aufgabe liegt im Monitoring der UN-Konvention. Wir prüfen die Berichte der Regierungen chronologisch nach dem Datum der Ratifizierung. Deutschland haben wir 2014 untersucht. Ich habe mich auch deshalb als Berichterstatterin zur Verfügung gestellt, weil ich für eine deutsche Nicht-Regierungs-Organisation arbeite, die Christoffel-Blindenmission.

53° Nord: Sprechen Sie Deutsch?

DK: Nein, nur ein paar Worte.

53° Nord: Haben Sie Einrichtungen besucht, um sich ein Bild von der Situation in Deutschland zu machen?

DK: Üblicherweise erfolgt die Überprüfung ohne einen Besuch im Land. Ich habe Deutschland im Rahmen der Überprüfung besucht, aber das ist die Ausnahme. Ich war zweimal in Berlin beim Institut für Menschenrechte und habe mich mit der Föderation von Menschen mit Behinderung getroffen, die speziell für die Untersuchung zusammenkam.

53° Nord: Mit wem?

DK: Warten Sie. Die korrekte Bezeichnung ist BRK-Allianz, das ist ein Zusammenschluss von 78 Organisationen zur Umsetzung der Behindertenrechtskonvention. Sie wissen, wen ich meine?

53° Nord: Ich glaube ja. Ich habe mir die Liste angesehen und ich kenne die Meinung der meisten Verbände zu den Werkstätten. Haben Sie vor Ihrer Stellungnahme selbst Werkstätten besucht oder mit Werkstattvertretern gesprochen?

DK: Die Organisationen der BRK-Allianz repräsentieren die ganze Bandbreite von Menschen mit Behinderungen und ihren Verbänden in Deutschland. Sie vertreten auch Menschen, die in Werkstätten arbeiten.

53° Nord: Ich denke, das tun sie nicht.

DK: Oh, ich bin ziemlich sicher, dass sie das tun..

53° Nord: Es gibt in der Allianz einige Dachverbände, deren Mitglieder auch Werkstätten unterhalten, aber natürlich sollten Sie mit den Betroffenen selber sprechen, bevor Sie die Forderung aufstellen, die Werkstätten zu schließen.

DK: Für den Bericht war es mir wichtig, mit den Mitgliedern der Allianz zu sprechen. Ich bin sicher, dass sie auch die Interessen der Werkstattbeschäftigten wahrnehmen.

53° Nord: Entscheidend ist, dass jemand davon Kenntnis hat, was die Arbeit in einer Werkstatt bedeutet. In der Allianz gibt es eine Menge „akademischer Rollstuhlfahrer“, aber die repräsentieren nicht die Werkstattbeschäftigten.

DK: Ich kann diese Gruppe direkt kontaktieren, wenn Sie wollen. Aber wie gesagt, meine Vorabbesuche in Deutschland und meine Gespräche mit der Allianz waren unüblich. Normalerweise schauen wir uns die schriftlichen Informationen an, die vorgelegt werden, von der Regierung und von der Zivilgesellschaft. Zivilgesellschaft bedeutet, jede Organisation oder Personengruppe kann eine Stellungnahme abgeben, und da haben sie sich offenbar nicht zu Wort gemeldet.

53° Nord: Das muss man ja auch erst mal wissen. Wir sprechen hier von Menschen, die zum größten Teil nicht lesen und schreiben können und wenn ihnen niemand sagt, worum es geht und was daraus folgen kann, melden sie sich eben nicht von selbst und dann auch noch auf Englisch.

DK: Das müssten sie auch nicht. Es gibt einen Aufruf, Informationen zu übermitteln. Der geht an die Interessenvertreter, also auch an Leute wie Sie, Repräsentanten der Werkstätten. Sie können das an die Betroffenen weitergeben und deren Stellungnahme wieder bei uns einreichen. Jeder hat die Möglichkeit, niemand wird ausgeschlossen.

53° Nord: Wie ist Ihre persönliche Meinung zur Schließung der Werkstätten. Ist das Ihr Ziel, so wie es in England geschehen ist?

DK: Was in Großbritannien passiert ist, ist kein gutes Beispiel dafür, wie es laufen sollte. Der Übergang braucht einen strategischen Plan, der viele Einzelschritte umfasst und eine langfristige Perspektive. Niemand darf finanziell schlechter gestellt werden und niemandem darf es emotional schlechter gehen. Niemand darf dabei verlieren. Es darf keine Nachteile zu dem geben, was jemand in der Werkstatt bekommt. Aber Deutschland hat eine lange Geschichte der Aussonderung, nicht nur in Bezug auf Arbeit, sondern auch was Erziehung und Bildung betrifft. Was es also braucht, ist eine gedankliche Umstellung von der Aussonderung zur Inklusion. Das ist ein Langzeitprozess. Das passiert nicht in den nächsten fünf Jahren, sondern in Jahrzehnten.

53° Nord: Wenn Sie von Jahrzehnten reden, will ich Ihnen recht geben. Aber für mich stellt sich auch die Frage, was Ihre Vorstellung von Aussonderung ist. Sind Paralympics oder Special Olympics Aussonderung? Ist ein Hospiz, das nur Menschen aufnimmt, die im Sterben liegen, Aussonderung?

DK: Nein, ich glaube, wir alle wissen, was Aussonderung ist. Natürlich sind Paralympics eine Spezialveranstaltungen. Aber die Teilnehmer können sich dafür entscheiden, sie können ihre Wahl treffen, die auch anders ausfallen könnte. Sprechen wir über Werkstätten, dann zahlt der Staat dort in Deutschland beispielsweise sehr viel höhere Rentenbeiträge, als dies auf dem offenen Arbeitsmarkt möglich wäre. Durch diese einseitigen Leistungen für einen Werkstattbesuch ist die Wahlmöglichkeit in einer Gesellschaft, die auf Trennung angelegt ist, sehr beschränkt. Die Werkstattbeschäftigten arbeiten in einer eigenen Arbeitswelt. Sie sind unter sich, stigmatisiert, verdienen wenig Geld und haben keine Wahl, zumindest sind die Bedingungen sehr ungleich. Das Ganze ist eine klare Form von Aussonderung.
Deutschland braucht Vielfalt und die positive Erfahrung mit Vielfalt. Heute vielleicht mehr als je zuvor. Sie nehmen gerade Millionen von Flüchtlingen auf, darunter übrigens auch sehr traumatisierte Menschen und Menschen mit Behinderungen. Sie sind auf dem Weg zu einem sehr vielfältigen Deutschland. Ein Teil dieser Vielfalt ist es, Menschen mit allen Formen von Behinderung zu akzeptieren.

53° Nord: Da haben Sie recht, wobei ich glaube, dass behinderte Menschen in Deutschland immer mehr akzeptiert werden. Aber Tatsache ist, dass die meisten Beschäftigen sich in der Werkstatt wohlfühlen und nirgends anders arbeiten wollen.

DK: Ich kannte die Werkstätten in Großbritannien sehr gut. Sie waren angenehme Orte. Die Menschen fühlten sich dort wertgeschätzt und natürlich waren die Beschäftigten selbst - gemeinsam mit vielen anderen - gegen die Schließung ihrer Betriebe. Die Art, wie das Problem dort gelöst wurde, kann ich Deutschland nicht empfehlen. Sie haben viele behinderte Menschen verloren, sie gerieten von einer für sie stabilen Lebenssituation in Langzeit-Arbeitslosigkeit, hatten keine Unterstützung, waren sehr verunsichert, ihr Selbstbewusstsein litt. Und das in einer Situation, wo Menschen mit Behinderung in GB generell von Armut bedroht sind. Sie bekommen nicht die Hilfe, die sie benötigen und es sind nicht die Jobs verfügbar, die sie brauchen. Das war reine Sparpolitik. Diesen Weg würde ich keinem Land empfehlen. Ich sage ja: Deutschland braucht eine lange Zeit des Übergangs.

53° Nord: Aber letztlich sind Sie für eine Schließung. Wir haben aber eine Menge psychisch erkrankter Klienten, die einen Platz in der Werkstatt haben und sagen: Lasst mich hier arbeiten. Ich habe im offenen Arbeitsmarkt gearbeitet und bin krank geworden. Wenn ich nicht die Chance habe, in der Werkstatt zu arbeiten, ist meine Alternative die Psychiatrie. Und unter den Menschen mit geistiger Behinderung, die in Deutschland einen Arbeitsplatz in der Werkstatt haben, sind viele, für die der Arbeitsmarkt kaum erreichbar ist. Früher waren diese Menschen ja zu Hause. Erst die Werkstatt hat ihnen eine Möglichkeit zur Arbeit geboten und wenn die schließt, ist die Alternative wieder Arbeitslosigkeit.

DK: Natürlich gibt es für sie kurzfristig keine Alternative. Wir empfehlen ja, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass es Wahlmöglichkeiten für diese Menschen gibt.

53° Nord: Und Sie glauben wirklich, in unserer Marktgesellschaft mit aktuell noch zusätzlich einer Million Flüchtlingen können wir außerdem noch 300.000 Schwerbehinderte auf dem Arbeitsmarkt unterbringen?

DK: Kurzfristig nicht. Aber es geht darum, die Grundlagen dafür zu legen, dass das möglich wird. Möglich wird nur das, was man auch will. Es geht darum, die Regierung auf diesen Weg zu bringen, nicht nur Werkstätten vorzuhalten, sondern Wahlmöglichkeiten einzuräumen. Das erfordert ein neues Denken in der gesamten Gesellschaft, behinderte Menschen nicht nur zu versorgen, sondern mit ihnen zu leben. In Deutschland besuchen viele Migrantenkinder Sonderschulen aufgrund ihrer Sprachprobleme. Deutsch ist nicht ihre Muttersprache und so können sie dem Unterricht nicht so folgen, wechseln auf die Sonderschule. Wenn Sie die aktuelle Flüchtlingskrise überwinden wollen, müssen Sie von Beginn an über Inklusion und gleiche Chancen nachdenken. Das ist dieselbe Ebene wie die Inklusion von Menschen mit Behinderung. Wenn Sie sagen: Für Menschen in ihrer Werkstatt gibt es nur die Wahl zwischen der Werkstatt und der Psychiatrie, dann ist das keine Wahl oder? Ich sage nicht, dass man die ideale Welt schaffen kann. Ich bin Realist. Jetzt und in naher Zukunft geht es um bessere Wahlmöglichkeiten, gleiche Bedingungen, um Chancengleichheit. Es geht darum, den Menschen zu ermöglichen, auch woanders zu arbeiten, zu tun was sie gerne tun würden und dabei das gleiche Maß an Unterstützung zu bekommen. Die Regierung hat Zugangsmöglichkeiten zu schaffen und insbesondere die großen Unternehmen wie Siemens oder VW dazu zu bringen, Beschäftigungsmöglichkeiten einzurichten. Menschen mit Behinderung einschließlich derer mit hohem Unterstützungsbedarf müssen Zugang zum Arbeitsmarkt bekommen.

53° Nord: Sie wissen, dass in Deutschland alle Unternehmen über eine bestimmte Größe, die nicht fünf Prozent Schwerbehinderte beschäftigen, eine Ausgleichsabgabe zahlen müssen? Das tun sie dann und sagen: Okay, wir sind quitt. Mehr machen wir nicht.

DK: Ja, ich kenne das System. Ich weiß, wie es funktioniert und dass jemand, der die Quote erfüllt, nicht zusätzlich noch jemanden beschäftigt, der in der Werkstatt versorgt ist. Es geht um die richtigen Anreize. Wir brauchen eine Zeitschiene und die richtigen finanziellen Anreize. Die hohen Rentenzahlungen für Werkstattbeschäftigte sind zum Beispiel ein typischer Fehlanreiz, der Aussonderung begünstigt. Wenn mit dem Geld zugängliche Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen würden, wäre schon viel geholfen.

53° Nord: Sie glauben wirklich, die Firmen schaffen Arbeitsplätze, wenn sie Geld bekommen? Ich glaube das nicht.

DK: Das werden wir sehen. Das ist jedenfalls die Vorgabe, die wir für die nächsten vier Jahre gemacht haben. Und wenn Deutschland den Prozess dann nicht begonnen habt, dann müssen sie beantworten, warum das nicht stattgefunden hat.

53° Nord: Der entscheidende Unterschied zwischen unseren Werkstätten und dem offenen Arbeitsmarkt ist der, dass behinderte Menschen dort kein Recht auf Arbeit haben. Ein Werkstattplatz ist dagegen gesetzlich garantiert, wenn jemand leistungsberechtigt ist. Das sind insbesondere Menschen mit schweren Beeinträchtigungen. Wenn die Werkstätten schließen sollten, würden die bei allem Bemühen und allen finanziellen Anreizen wohl kaum eine Arbeit auf dem Arbeitsmarkt finden.

DK: Aber Sie können dafür sorgen, dass die Chancen steigen. In GB haben Menschen mit Behinderungen das Recht, zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, wenn sie sich bewerben und die Voraussetzungen erfüllen. Das ist noch keine Garantie auf den Job, aber sie sind schon einmal in der Auswahl. Menschen mit einem hohen Unterstützungsbedarf können kleine Unternehmen allerdings überfordern. Gewöhnlich können das nur größere Unternehmen leisten. Die Regierung muss sie dazu ermutigen und die zusätzlichen Kosten übernehmen. Wenn man so vorgeht, bekommt man den Fuß in die Tür.

53° Nord: Ich habe immer noch den Eindruck, wir reden über unterschiedliche Gruppen. Es gibt Rollstuhlfahrer mit hohem Hilfebedarf. Okay, unser Finanzminister sitzt auch im Rollstuhl, benötigt Barrierefreiheit und sicher auch Unterstützung.

DK: Worüber reden Sie denn?

53° Nord: Über Menschen, die nicht reden können, gefüttert werden, auf Fahrdienste angewiesen sind, eine Stunde brauchen, um einen Kuli zusammenzusetzen…

DK: Sie wollen dem keinen Job geben, wo er kommunizieren muss, wenn er auf Kommunikationshilfen angewiesen ist?

53° Nord: Ich kann mir solche Jobs vorstellen, aber das wäre eine synthetische Welt, mindestens so synthetisch wie die Werkstatt. Wenn Sie einfachste Tätigkeiten wie das Zusammensetzen eines Kulis nicht bewältigen, in welchem Betrieb wollen Sie dann arbeiten? Wer nimmt solche Leute? Keiner.

DK: Es geht nicht darum, wer sie beschäftigen will oder den Bedarf hat. Wir reden über den Bedarf an einer inklusiven Gesellschaft. Es geht um die Veränderung der Sichtweise, nicht nur bei Unternehmern, sondern bei jedem, Sie selbst eingeschlossen. Die Veränderung des Fokus von dem, was Menschen nicht können auf das, was sie können. In GB arbeiten auch Menschen mit schweren intellektuellen Einschränkungen in Betrieben, die ohne Unterstützung gar nicht arbeiten könnten. Ach übrigens: Hier ist mein Unterstützer. Wenn ich den nicht hätte, könnte ich auch nicht arbeiten. Ohne seine Unterstützung wäre ich sicher in der Psychiatrie. Ich habe das Glück, die richtige Unterstützung zu bekommen, um den Job zu tun, den ich ausübe. Und jemand mit einer schweren intellektuellen Einschränkung kann ebenso den Job machen, den er machen will, wenn er die richtige Unterstützung erhält.

53° Nord: Früher hat kein Unternehmer diese Menschen eingestellt. Die Möglichkeit zur Arbeit haben sie nur durch die Werkstatt, das erste Mal in ihrem Leben. Da sind sie willkommen.

DK: Genau. Wir müssen eine Gesellschaft schaffen, wo jeder willkommen ist. Das klingt utopisch, aber es ist möglich. Der Hebel sind die richtigen Anreize für Unternehmer, denn von alleine tun sie es natürlich nicht.

53° Nord: Noch einmal: Auf dem Arbeitsmarkt gibt es kein Recht auf Arbeit. Und wenn ein Unternehmer sagt, das geht bei mir nicht, dann wird er jemanden nicht einstellen. Werkstätten müssen das und die Kostenträger müssen die Kosten übernehmen. Wollen Sie das Gesetz wirklich kippen?

DK: Ich will das Gesetz nicht von heute auf morgen kippen. Ich hab gesagt, dass es einen Übergangsprozess geben muss und dass an die Stelle eines Rechts auf einen Werkstattplatz das Recht auf einen Platz auf dem offenen Arbeitsmarkt treten muss. Die Werkstatt ist eben nicht die reale Welt.

53° Nord: In der realen Welt wird jeder Job an den Bestqualifizierten vergeben. Nicht mit dem Kriterium der sozial besten Lösung, sondern danach, wer die Arbeit vermutlich am besten macht. Menschen mit schweren Behinderungen können da nicht gewinnen. Was hegen Sie für eine Illusion, dass der Markt sich ändert und 300.000 stark Leistungsgeminderte zusätzlich aufnimmt?

DK: Bei Ihnen in der Werkstatt zahlt die Regierung für diese Minderleistung einen hohen Ausgleichsbetrag. Für mich klingt es lächerlich, wenn Sie behaupten, dasselbe wäre nicht ebenso auf dem offenen Arbeitsmarkt möglich, wenn es die Möglichkeit gäbe, diese Mittel dort einzusetzen.

53° Nord: Die Betriebe werden es nicht machen.

DK: Wenn sie dazu gesetzlich verpflichtet sind, werden sie es müssen.

53° Nord: Okay, dann muss man bei der Systemänderung mit den Schwächsten anfangen. Wenn sie eine Lösung für die leistungsschwächsten 10.000 Personen aus Werkstätten finden, dann stimme ich Ihnen zu. Ich habe noch nicht gehört, wie Sie die in Arbeit bringen wollen, die keine einflussreichen Eltern haben, in einer strukturschwachen Region wohnen und für die sich niemand interessiert.

DK: Die gesamte Einstellung in der Gesellschaft zum Thema Behinderung muss sich von Grund auf ändern. Von Anfang an und das heißt schon vor der Geburt. Eine Mutter darf bei einem Ungeborenen mit Down-Syndrom nicht zur Abtreibung gedrängt werden. Sie braucht Hilfe, positive Beispiele dafür, dass so ein Kind eine reguläre Schule besuchen und eine hohe Lebensqualität haben kann. Heute ist oft das Einzige, was ihr angeboten wird, eine Abtreibung. Der Wert der menschlichen Vielfalt wird nicht geschätzt und gewürdigt. Und nach der Geburt geht es so weiter: Kein inklusiver Kindergarten, keine Regelschule, die dem Kind gerecht werden kann. Später das Sonderwohnheim und die Werkstatt. Der Weg der Aussonderung ist vorgezeichnet. Das muss sich ändern, auf allen Ebenen.

53° Nord: Wir haben viele tausend Menschen in Werkstätten, die vom Arbeitsmarkt kommen, die ihren Job verloren oder aufgegeben haben und in der Werkstatt Arbeit suchen. Das ist für sie die einzige Alternative. Sie hatten einen gutbezahlten Job und haben gekündigt.

DK: Wer spricht die Kündigung aus?

53° Nord: Sie kündigen selber. Sie sagen: Ich bin immer wieder mit einer Krise in der Psychiatrie gewesen, das psychiatrische Hilfesystem hat mir nicht geholfen, jetzt arbeite ich lieber auf einem geschützten Arbeitsplatz. Hier geht es mir gut, hier möchte ich bleiben. Vielleicht reden wir wirklich über unterschiedliche Personenkreise. Ich bin sicher: Herr Schäuble und Sie und die Menschen in unseren Werkstätten lassen sich nicht in einen Topf werfen. Der Begriff Behinderung macht Sie nicht gleich. Behinderung hat viele Facetten. Ich bin auch behindert, ich bin farbenblind.

DK: Verstehen Sie nicht, wovon ich rede? Ich rede davon, das ganze System zu ändern. Die deutschen Werkstätten sind eine Spätfolge der speziellen deutschen Geschichte. Nach dem zweiten Weltkrieg hat sich das Sondersystem aus guten Gründen so entwickelt. Es war ein Wohlfahrts- und Fürsorgeansatz: Wir müssen die Menschen schützen und sie gut versorgen. Aber wenn wir heute von Wahlfreiheit sprechen und davon, das eigene Leben zu kontrollieren, dann erfüllt dieses System diesen Anspruch nicht mehr. Was Sie ein Recht auf einen Werkstattplatz nennen, ist symptomatisch für ein aussonderndes System. Aber Deutschland hat die Konvention unterschrieben, wohl wissend, was die Anforderungen waren. Das ist jetzt sechs Jahre her und Sie tun sich immer noch schwer, Veränderungen einzuleiten. In Sachen Arbeit hat sich in Wirklichkeit nichts getan. Nur ein Stück Papier zu unterschreiben, worauf steht: Wir wollen tun, was die Konvention beinhaltet, ist nicht genug. Es geht darum, Diskriminierung zu verhindern, die Rechte behinderter Menschen zu schützen. Die Möglichkeit einzuräumen, gemeinsam mit anderen gleichberechtigt und gleichwertig zu arbeiten. Das alles geschieht nicht. Wenn es möglich wäre, dann wären die meisten Menschen, von denen wir reden, in regulären Jobs bzw. erhielten eine gute Ausbildung. Aber das zu Recht bewunderte deutsche Ausbildungssystem ist leider für diese Menschen auch nicht zugänglich. Es ist nicht offen und nicht flexibel genug, um beispielsweise die Zeit bereitzustellen, die diese Menschen brauchen. Und es fehlen Arbeitsmöglichkeiten im öffentlichen Bereich. Wenn jemand in einem Ministerium arbeitet, hat das eine Identifikations- und Vorbildfunktion für andere Menschen mit hohem Hilfebedarf. Und es wirkt auch vorbildlich auf andere Arbeitgeber. Das alles hätte Deutschland schon auf den Weg bringen können, aber es hat sich nichts getan.

53° Nord: Haben die Verantwortlichen vielleicht nicht gewusst, worauf sie sich einlassen?

DK: Sie kamen mit 45 Leuten zum Prüftermin in Genf und sie wussten genau, was sie zu tun hatten.

53° Nord: Gibt es denn ein Land, dass als vorbildlich in der Umsetzung der Konvention gelten kann? Großbritannien ist es ja offensichtlich nicht, wie Sie sagen.

DK: Speziell für den Arbeitssektor könnte ich mich erkundigen und Ihnen gute Beispiele nennen. Jedes Land, das geprüft wird und ein Werkstättensystem hat, erhält die gleiche Empfehlung wie Deutschland. Alle werden aufgefordert, langfristig ihr Werkstättensystem abzuschaffen und eine Übergangsplanung vorzulegen. Was offenbar noch fehlt, ist ein Masterplan in einem Land, nach dem sich auch andere richten können. Wenn erst einmal ein bestimmter Punkt erreicht ist, dann gehen alle Anstrengungen in die gleiche Richtung: Gesetzgebung, Unterstützung, Hilfen. Artikel 8 der Konvention sagt: Die Gesellschaft als Ganzes versteht, wozu Menschen mit Behinderung in der Lage sind. „Behinderung“ ist eine Vereinfachung, eine Verkürzung. Alles bezieht sich auf das, was die Menschen nicht können anstelle dessen, was sie können. Wir müssen Lösungen finden, die die Behinderung überwinden. Ich bin sicher, Sie haben sie für sich gefunden, wenn Sie farbenblind sind. Sie kommen damit zurecht.

53° Nord: Das ist ein feines Leben…

DK: Um manches würde ich Sie sicher nicht bitten, weil es gefährlich wäre. Manches würde ich persönlich auch nicht ausprobieren, weil mir ein Bein fehlt. Aber ich habe Lösungen dafür gefunden, was ich in meinem Leben anstrebe und mit meinen Fähigkeiten am besten kann. Den Wert dessen, was ein behinderter Mensch leisten kann, haben Arbeitgeber noch nicht auf der Rechnung. Eine höhere Aufmerksamkeitsrate, weniger Krankheitstage, Loyalität als Arbeitnehmer, Kreativität und ungewöhnliche Lösungen …

53° Nord: Diese Erfahrungen machen Werkstätten auch. Das ist genau das, was das Personal dort täglich erlebt.

DK: Wäre es nicht großartig, wenn VW diese Erfahrung auch machen könnte?

53° Nord: Die Werkstätten zu schließen ist keine Lösung. Von meinem Standpunkt aus ist das keine Segregation. Im Gegenteil: Werkstätten unterhalten eine Menge Läden, bieten Dienstleistungen und Möglichkeiten der Begegnung. Sie sind nicht nur große Betriebsstätten für industrielle Fertigung. Sie betreiben auch Coffeeshops in den Innenstädten. Ich finde dort eine Menge Arbeitsmöglichkeiten, die ich für eine gute Lösung im Sinne der Inklusion halte und es wäre eine Schande, wenn sie verlorengingen. Ich möchte die Aussagen der UN-Konvention ändern, die sich auf die Werkstätten beziehen. Wer sagt, dass das für die Leute eine schlechte Lösung sein muss? Wer? Wer kann für diese 300.000 Menschen sprechen und verlangen, dass sie ihren Job aufgeben? Ich meine jetzt nicht Sie persönlich, aber ich denke, das ist arrogant. Wer hat die Beschäftigten um ihre Meinung gefragt? Niemand. Sie sprechen mit deutschen Organisationen, mit Menschen, die Werkstätten ablehnen, ohne sie zu kennen. Das ist arrogant.

DK: Ich bin nicht überrascht, all diese Dinge zu hören, die Sie sagen, weil Sie in einer hochgradig ausgrenzenden Gesellschaft leben und nichts anderes kennen. Sie haben eine andere Situation nie erlebt.

53° Nord: Ich habe den größten Teil meines Lebens mit behinderten Menschen verbracht.

DK: Aber verstehen Sie den Sinn, der hinter den Vorschlägen steckt?

53° Nord: Es geht um die Zukunft, es geht darum, welchen Weg wir einschlagen sollen. Und ich sage: Werkstätten zu schließen, ist der falsche Weg.

DK: Ja, es geht um die grundsätzliche Ausrichtung, dazu sind Menschenrechtskonventionen da. Diese Konvention wurde von Menschen mit Behinderung für Menschen mit Behinderung verfasst. Das ist die einzige UN-Konvention, mit der das passiert ist. Die Konvention für indigene Völker wurde beispielsweise nicht von indigenen Völkern verfasst. Deshalb: Diese Konvention für die Rechte behinderter Menschen ist sehr radikal. Sie bricht mit der Bevormundung, mit dem alten Rollenverständnis. Aber wenn man über die Zielrichtung nachdenkt, dann ist es dasselbe, was die Schwarzen in ihrem Kampf um Civil Rights gefordert haben, die Frauen im Kampf um Gleichberechtigung. Beide Gruppen hatten nicht einmal das Recht zu wählen und das geht vielen behinderten Menschen, die unter Betreuung stehen, bis heute nicht anders.

53° Nord: Fast alle Werkstattbeschäftigten können wählen.

DK: Im deutschen Betreuungsrecht ist der Entzug des Wahlrechts nach wie vor verankert. Das, was in der Konvention steht, ist, Sie sagen arroganterweise, von der UN beschlossen worden. Mit seiner Unterschrift unter der Konvention ist Deutschland, ob es will oder nicht, auf dem Weg zur Inklusion. Und der Weg dahin mag Sie hoffentlich dazu bringen, Dinge mit anderen Augen zu sehen. Vielleicht können Sie das im Moment nicht erkennen, aber ich bin sicher, er wird viele neue Möglichkeiten schaffen. Wenn mir 3.000 Euro dafür bezahlt würden, dass ich mit einer Gruppe anderer behinderter Menschen zusammensäße, ein wirklich nettes Leben hätte, mich nicht um Arbeitslosigkeit sorgen müsste, wäre das meine Wahl? Oder würde ich lieber ein Leben in einer inklusiven Gesellschaft wählen? Das ist nicht leicht zu entscheiden, wenn man die Alternative nie erlebt hat, wenn die finanziellen Fehlanreize so groß sind, die Bedingungen so unterschiedlich sind. Aber das ist nicht wirklich fair oder?

53° Nord: Wie wollen Sie verhindern, dass wir, wie Sie es für England gesagt haben, viele Menschen unterwegs verlieren?

DK: Unter den augenblicklichen Strukturen in Deutschland wäre das sicher so. Deshalb rede ich ja von einem kompletten Neustart, auf allen Ebenen, in allen Lebensbereichen. Von der Schwangerschaft mit einem behinderten Kind bis ins Alter. Das ganze System muss neu gedacht werden, einschließlich der Kirchen oder der Freizeitaktivitäten. Alle Bereiche müssen voll zugänglich werden. Wir müssen die Vielfalt des Lebens feiern. Ich verstehe und kann anerkennen, was die deutsche Gesellschaft getan hat, als sie den besten Fürsorge-Ansatz für diese Menschen entwickeln wollte. Aber es geht nicht mehr um Fürsorge. Diese Menschen haben Rechte, sie haben das Recht zu wählen, was sie tun wollen. In Deutschland ist die Finanzierung beruflicher Teilhabe für diesen Personenkreis an die Werkstatt gebunden, und das lässt keine Wahlmöglichkeit zu. Sie haben keine Wahl.

53° Nord: Wenn Werkstattbeschäftigte die Wahl haben sollen, dann müssen wir auch das akzeptieren, was sie wählen, oder?

DK: Natürlich.

53° Nord: Und wenn jemand sagt: Ich möchte in der Werkstatt arbeiten?

DK: Unter behinderten Menschen zu arbeiten, kann großartig sein, aber es ist nicht das reale Leben.

53° Nord: Das ist Ihr Standpunkt, aber jemand kann sagen: Für mich ist das das Richtige, das möchte ich. Warum kann man das nicht akzeptieren?

DK: Weil das nicht die reale Welt ist. Weil Sie eine so hochgradig segregierte Gesellschaft haben. Wenn bei Ihnen jeder Mensch mit Behinderung auf der Straße anzutreffen wäre, im Café säße, dort wäre, wo gearbeitet wird, bei der Freizeit, in der Kirche, überall, dann wäre das das reale Leben, die Teilhabe an allen Lebensbereichen, ohne Ausnahme.

53° Nord: Die Menschen, an die ich denke, würden sagen: Genauso wie das Café oder der Fußballplatz ist meine Werkstatt Teil der Gesellschaft. Was ist falsch daran?

DK: Dass es für sie zur Werkstatt keine Alternative gibt.

53° Nord: Der Arbeitsmarkt …

DK: Das ist es ja eben nicht. Sie haben gerade gesagt: Die Alternative heißt Arbeitslosigkeit oder Psychiatrie. Und das darf es nicht sein. Wir müssen zum Ende kommen. Haben Sie noch weitere Fragen?

53° Nord: Was drohen Deutschland für Konsequenzen, wenn Sie bei der nächsten Prüfung wieder zu dem Schluss kommen, dass es keine Fortschritte gegeben hat?

DK: Das UN-Komitee ist kein Gericht. Die Stellungnahmen und Empfehlungen des vorherigen Reports sind die Grundlage für die nächste Überprüfung. Sie bekommen eine Liste von Fragen, was Sie getan haben und dann schaut man sich alle Empfehlungen einzeln an. Wenn es dann zur Frage der Werkstätten kommt und die Regierung sagen muss, sie hat keine Fortschritte erreicht, dann wird es Empfehlungen geben, die eindeutiger und detaillierter sind, mit klaren Zeitvorgaben. Wie gesagt, wir sind kein Gericht, aber ein dauerhaftes Ignorieren der Empfehlungen wäre eine Provokation. Die behinderten Menschen selbst und die Medien werden die Empfehlungen als Prüfstein nutzen und die Regierung unter Druck setzen. Einzelpersonen und Gruppen können zudem ihre Rechte einklagen, zumal die Konvention ja geltendes Recht ist, in diesem Fall das Recht auf die freie Wahl des Arbeitsplatzes unter gleichen Bedingungen. Das sind die Mechanismen.

53° Nord: Was können Werkstattbeschäftigte tun, damit ihr Standpunkt vom Komitee gehört wird?

DK: Sie können sich als Gruppe zusammenschließen und jemanden bitten, ihren Standpunkt zu erläutern, falls sie das nicht selbst können, warum sie weiter in der Werkstatt arbeiten möchten und warum sie den Empfehlungen nicht zustimmen. Sie können auch bei der nächsten Prüfung nach Genf kommen und ihren Standpunkt dort präsentieren.

53° Nord: Sind Sie demnächst in Deutschland, können wir Sie in eine Werkstatt einladen, oder halten Sie bewusst Abstand zu solchen Institutionen?

DK: Das ist nicht wirklich mein Job als Reporterin für das Komitee, und Deutschland ist gerade überprüft, steht also für mich nicht oben auf der Liste. In den kommenden Monaten bin ich zuständig für die Überprüfung mehrerer weiterer Länder, darunter die Slowakei und Italien. Ich würde Ihnen wirklich empfehlen, mit der BRK-Allianz zusammenzuarbeiten und natürlich mit dem Institut für Menschenrechte. Außerdem gibt es ja ein deutsches Mitglied im Komitee, Theresa Degener, die hier lebt und die Situation gut kennt. Sie ist ein unabhängiges Mitglied und ich bin sicher, sie wäre sehr glücklich, mit Ihnen zu reden.

53° Nord: Ein gutes Schlusswort, Frau Kingston. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben.




 

 

 

            
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