Artikel

Arbeit in teilautonomen Teams

Erfahrungen in Bad Soden-Salmünster

Bild Arbeit in teilautonomen Teams

 04. September 2022 |  Dieter Basener | Printbeitrag

  Haltung, Wahlfreiheit und Selbsbestimmung, Kostenfreie Artikel, Veranstaltungsrückblick

Produktionsplanung? Arbeitseinteilung? Kontakte zum Auftraggeber? Was in Werkstätten üblicherweise die Aufgabe des Gruppenleiters ist, erledigt in Bad Soden-Salmünster die Gruppe selber. Es gibt klare Zuständigkeiten, Kompetenzen und Regelungen. Die Gruppenleiter sind von Produktionsaufgaben weitgehend entlastet und widmen ihre Zeit dem Rehabilitationsprozess, Qualifizierungen, Kursen und administrativen Aufgaben.

Was für viele schwer vorstellbar sein mag, ist in dem südhessischen Zweigbetrieb des Behinderten-Werk Main-Kinzig seit sieben Jahren gelebter Alltag. Betriebsleiterin Christa Hummel wollte nach der Neugründung einer Werkstatt für psychisch erkrankte Menschen neue Wege gehen und hat mit einer Pädagogin das Konzept der teilautonomen Teams entwickelt.

Die teilautonomen Teams, so erfuhren sie, umfassen nicht die gesamte Arbeitsgruppe, sondern bilden eine Kernmannschaft, die für die Produktionssteuerung zuständig ist. Die verschiedenen Funktionen sind an Vorbedingungen geknüpft, Interessenten müssen sich um eine Position bewerben. An der Spitze der Hierarchie steht die "Verteilerfunktion". Der Verteiler – oder die Verteilerin – steuert den Prozess und hält engen Kontakt zum Auftraggeber. Für Teilprozesse der Produktion kann es zusätzliche Steuerungsaufgaben geben. Die weiteren Funktionen ergeben sich aus dem jeweiligen Tätigkeitsfeld.

Täglich werden die anstehenden Arbeiten in einer Frühbesprechung neu vergeben, die der Verteiler leitet. Jeder in der Gruppe ist in der Lage, unterschiedliche Tätigkeiten auszuführen. Die Zuständigkeiten werden auf einem Schaubild festgehalten. Das teilautonome Team wird für seine Produktionsaufgaben, aber auch in Bezug auf seine sozialen Fähigkeiten wie Konfliktlösungen intensiv geschult. Die Gruppen geben sich Gruppenregeln, für deren Einhaltung die Mitglieder des Teams zuständig sind.

Jedes Team hat entsprechend den Arbeitsabläufen sein eigenes Organigramm. Für die Erstellung dieses Ablaufplans mit den zugehörigen Funktionen ist eine spezielle "pädagogische Fachkraft" zuständig. Weil sie den Produktionsprozess gut kennen muss, sind für diese Aufgabe Gruppenleiter prädestiniert. Die Fachkraft übernimmt auch die Schulungen, bleibt Ansprechpartnerin für die Teams, besetzt Positionen gegebenenfalls neu und passt den Arbeitsablauf und das Organigramm an, wenn sich die Produktionsanforderungen ändern.

Für Christa Hummel und ihre Ko-Referentinnen ist eine andere Arbeitsform als die Übernahme der Produktionsverantwortung durch die Gruppe kaum noch vorstellbar. Die Selbstorganisation der Abläufe führt, so berichteten sie, zu einer hohen Mitarbeiterzufriedenheit. Für die Beschäftigten ergeben sich zuvor nicht gekannte Entwicklungsmöglichkeiten und Karrierechancen, die auch finanziell zu Buche schlagen. Die Identifikation mit der Arbeit und mit dem Betrieb ist gewachsen, weil die Mitarbeiter betriebliche Prozesse mitgestalten und optimieren können. Durch das Konzept ist die Produktivität der einzelnen Abteilungen und damit auch die Durchschnittsentlohnung deutlich gestiegen.

Und noch einen Effekt hat das eigenverantwortliche Arbeiten mit sich gebracht: Die Beschäftigen beteiligen sich auch außerhalb der Produktion an Fragen der Werkstattentwicklung. Sie informieren sich über die gesetzlichen Grundlagen der Werkstatt und suchen Beteiligungsmöglichkeiten. Es gibt ein Patenmodell für neue Beschäftigte. Im Gespräch ist auch ein Peer-Prinzip, bei dem Gruppenmitglieder andere in psychischen Krisen begleiten.

Die Idee des teilautonomen Teams und seine Umsetzung wurden für die Tagungsteilnehmer durch den Besuch vor Ort sehr anschaulich. Einen möglichen Hinderungsgrund für die Übernahme des Modells sahen sie in der Scheu der Gruppenleiter, Verantwortung abzugeben. Sie ist unbegründet, so lautete die einhellige Meinung. Der Gruppenleiter wird in diesem Modell nicht entmachtet. Er behält die Gesamtverantwortung und kann sich besser seinen pädagogischen Aufgaben widmen. Im Hamsterrad des Produktionsdrucks dürfte das für viele eine echte Entlastung sein.

Leichte Skepsis blieb bei der Frage der Übertragbarkeit auf Werkstätten für geistig behinderte Menschen. Christa Hummel beantwortete entsprechende Fragen mit dem Verweis auf die ebenfalls guten Erfahrungen der Murgtal-Werkstätten. Dort haben sich in Werkstattgruppen mit diesem Personenkreis ebenfalls teilautonome Teams gebildet, die seit Jahren erfolgreich arbeiten.

Rückblick auf einer 53° NORD-Fachtagung im Oktober 2015.

Fazit

Ihr Fazit: Das Konzept ist - mit geringen Abwandlungen - in allen Werkstätten umsetzbar.

Werkstattbeschäftigte Verantwortung übernehmen zu lassen, ist ein Schritt in eine Werkstatt der Zukunft. Er führt zu einer Werkstatt auf Augenhöhe, wie sie den aktuellen Forderungen nach Selbstbestimmung und Eigenverantwortung behinderter Menschen entspricht. So gesehen ist das Projekt in der Alten Wäscherei im kleinen Bad Soden-Salmünster richtungsweisend für die gesamte Werkstättenlandschaft

Zurück zur Artikelübersicht

Bleiben Sie informiert

Abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter und bleiben Sie auf dem neusten Stand

53° NORD wird gefördert durch:

 

Logo Evangelische BankLogo Evangelische Bank

 

Logo Rethink Robotics