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„Wer es einmal ausprobiert hat, kommt davon nicht mehr los.“

Ein Interview zum Design Thinking-Training mit Seminarleiterin Eva Kleinferchner

Bild „Wer es einmal ausprobiert hat, kommt davon nicht mehr los.“

 21. April 2022 |  Dieter Basener | Printbeitrag

  Weiterentwicklung der beruflichen Teilhabe, Kostenfreie Artikel, Im Gespräch mit...

Wenn Werkstätten Problemstellungen lösen, ihr Rehabilitationsangebot neu ausrichten, neue Produktionen einführen oder Produkte und Dienstleistungen anbieten wollen, müssen sie sich in die Sichtweise der NutzerInnen hineindenken. Dies in der Praxis zu beherzigen, fällt nicht leicht. Zu verführerisch ist es, eigene Theorien über Ursachen und Zusammenhänge zu verfolgen und sich zu früh auf Lösungsansätze einzulassen. Eine Möglichkeit, diese Fehler zu vermeiden, ist die Anwendung der Entwicklungsmethode Design Thinking.

53° NORD: Frau Kleinferchner, Sie haben lange und erfolgreich in der beruflichen Eingliederung gearbeitet, sind heute als Organisationsentwicklerin und Entwicklungsbegleiterin tätig und haben sich auf das Konzept des Design Thinking spezialisiert. Warum empfehlen Sie dieses Verfahren besonders für den Bereich der Behindertenhilfe?

Eva Kleinferchner: Design Thinking ist eine sehr effiziente Herangehensweise für Entwicklungsprozesse jeglicher Art. Ihre Besonderheit ist es, dass sie durchgehend die Sicht der Nutzerinnen in den Mittelpunkt stellt. Das gilt für die Problemanalyse genauso wie für die Erarbeitung von Lösungen. Alles dreht sich darum, deren tatsächlichen Bedürfnisse und ihre Motivation zu verstehen. Lösungsansätze werden mit ihnen gemeinsam erprobt und solange weiterentwickelt, bis die beste Lösung gefunden wird.

Die Behindertenhilfe war lange vom Fürsorge-Gedanken geprägt. Dieses Prinzip beinhaltet die Sorge und das Sorgen für jemanden, aber auch das „fürsorglich“ für ihn handeln, ihn zu bevormunden und ihm Lösungen überzustülpen. Diese Herangehensweise hat sich geändert. Heute steht die Person mit ihren Wünschen und Bedürfnissen im Mittelpunkt, die Gesetzgebung fordert die Personenzentrierung von Maßnahmen und Angeboten. Darum ist Design Thinking mit ihrer Orientierung am Nutzer ein ideales Konzept für Weiterentwicklungen in der Behindertenhilfe.

Sie bieten im Juni über 53° NORD eine Online-Veranstaltung zum Design Thinking-Ansatz an. Für wen ist die gedacht?

Zum einen für alle, die ihre Angebote für Menschen mit Behinderungen neu planen oder optimieren wollen, aber auch für Verantwortliche aus dem Produktions- und Fertigungsbereich. Das Konzept stammt ja aus der Technik- und Produktentwicklung, SAP hat es bekannt gemacht. Die Fragestellung kann auch die Organisationsentwicklung oder den Personalbereich betreffen. Design Thinking eignet sich für alle, die sich in einem Entwicklungsprozess befinden, etwas gestalten oder verändern wollen.

Was ist die Absicht des Seminars?

Die Teilnehmer lernen einen neuen, effektiven Weg für ihre Problemlösungen kennen. Design Thinking arbeitet in kleinen Teams und ist ein offener Prozess mit einem strukturierten und eng geführten Vorgehen, in dem man sich nicht verlieren kann. Die Teilnehmer bringen ihre eigene Fragestellung ein, für die sie in den vier halbtägigen Modulen zwar wahrscheinlich keine fertigen Lösungen entwickeln, an denen sie aber mit dem Handwerkszeug weiterarbeiten können.

Können Sie den Entwicklungsprozess etwas ausführlicher beschreiben?

Er beginnt mit der Problemanalyse. Ausgangspunkt für eine Veränderung ist ja oft eine Störung. Etwas läuft nicht gut, es gibt Unzufriedenheit. Längst nicht immer ist allerdings das, was als „das Problem“ gesehen wird, die wirkliche Ursache. Falsche oder zu simple Zusammenhänge zu vermuten, führt dazu, dass die Problemlösung am Ende nicht greift. Design Thinking nimmt sich die Zeit, die Probleme in ihrer Tiefe zu erfassen.

Dazu wird eine offene Frage formuliert, anhand derer die Teammitglieder die Zusammenhänge ergründen. Sie erforschen mit Interviews, Analysen oder Beobachtungen die Motive und Bedürfnisse der Zielgruppe, sprechen mit anderen Beteiligten, schauen sich externe Lösungen an. Am Schluss kann sich ein ganz anderer Zusammenhang herausstellen als der, den sie am Anfang vermutet haben.

Wie hält das Team seine Erkenntnisse fest?

In Statements bzw. Thesen. Im Design Thinking spricht man vom „Point of View“.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wenn es um die Vermittlung von Werkstattbeschäftigten auf den Arbeitsmarkt geht, könnte eine Erkenntnis sein, dass sowohl den Gruppenleitern wie auch den Eltern eine wichtige Rolle zukommt. Wenn sie nicht einbezogen sind, können sie den Prozess empfindlich stören oder eine Lösung sogar verhindern. Das entsprechende Statement lautet also: Wenn wir Menschen mit Behinderung erfolgreich in den Arbeitsmarkt vermitteln wollrn, müssen Gruppenleiter und Eltern von Beginn an eng in den Vermittlungsprozess einbezogen und immer über den Stand informiert sein. Das gilt es bei der Ideenentwicklung dann zu berücksichtigen.

Okay, wenn die Problemanalyse beendet ist und die Statements formuliert sind, dann geht es um Lösungen.

Genau. Design Thinking unterscheidet den Problemraum und den Ideenraum. Auf der Grundlage des Point of View entwirft das Team Ideen, die es zu einem ersten „Prototypen“ weiterentwickelt. Dieser Prototyp wird mit den Nutzern gemeinsam getestet. Das Testergebnis verändert den Prototypen und es gibt einen erneuten Test. Das wiederholt sich solange, bis alle mit dem Ergebnis zufrieden sind. Es ist ein „iterativer Entwicklungsprozess“, eine schrittweise Annäherung an das Endergebnis, ein Vorgehen in Schleifen.

Klingt ein wenig technisch...

Ist es aber nicht, es ist ein offener Prozess mit vielen Erkenntnissen und Überraschungen. Oft kommt dabei etwas Anderes heraus, als man am Anfang erwartet hätte, etwas völlig Neues. Die Entwicklung hat etwas Kreatives, es macht den Teammitgliedern Spaß, an solch einem Prozess mitzuwirken und es verändert ihre Art des Problemlösens.

Der Gewinn liegt nicht nur im Ergebnis, im Produkt, sondern auch im Prozess?

So ist es. Das Team arbeitet anders miteinander als in anderen Methoden. Design Thinking verändert die Haltung. Wer einmal infiziert ist, kommt davon nicht mehr los.

Wie lange dauert so ein Entwicklungsprozess?

Das liegt an der Fragestellung. Bei komplexen Problemen dauert er maximal zwei bis drei Monate, bei einfachen manchmal nur zwei Tage.

Kann man sich zu Ihrem Online-Seminar nur als Team anmelden?

Nein, dies ist ja ein Kennenlernen, ein erstes Training. Das können auch Einzelpersonen buchen, die die Methoden dann in ihr Unternehmen hineintragen.

Wie ist das Seminar aufgebaut?

Es sind zwei Einheiten an einem Nachmittag und an einem darauffolgenden Vormittag. Im ersten Block geht es um die Grundlagen und um das Finden einer gemeinsamen Sichtweise für das Problem. Danach haben die Teilnehmer 14 Tage Zeit, um zu recherchieren und Interviews zu führen und dann folgt wieder ein Nachmittag und ein Vormittag. Im zweiten Block werden die Erkenntnisse aus der Rercherche bearbeitet, Personas erstellt, Thesen formuliert und dann geht’s ins Ideen entwickeln und Prototypen bauen.

Und was nehmen die Teilnehmer konkret mit?

Einen Einstieg in die Lösung ihrer eigenen Fragestellung, ebenso Ansätze zu den Problemlösungen der anderen Teilnehmer. Viel Inspiration und konkrete Tools, die sie in ihrem Unternehmen nutzen können, auch abseits des Design Thinking-Prozesses, etwa für die Gestaltung von Meetings. Das Veranstaltungsskript, Vorlagen, weiterführende Literatur…

Ziemlich viel für die kurze Zeit.

Ja, zumal der zeitliche Aufwand durch das Online-Format sehr gering ist, aber man kommt ins Tun und bekommt einen praktischen Einblick in die Methode, in die Arbeitsweise und mögliche Ergebnisse. Ich finde, es ist ein super Preis-Leistungs-Verhältnis.

Ist die Zahl der Teilnehmer begrenzt?

Ja, es können maximal 15 Personen teilnehmen. Wir arbeiten in drei Kleinteams, das ist online gut möglich und die Teilnehmer*innen können die Design Thinking-Dynamik erleben.

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