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Arbeit gut gestalten – Menschen aus dem Autismus-Spektrum in Arbeit begleiten

Ein praxisorientierter Leitfaden von 53° NORD

Bild Arbeit gut gestalten – Menschen aus dem Autismus-Spektrum in Arbeit begleiten

 07. Oktober 2026 |  53° NORD | Textbeitrag

Menschen aus dem Autismus-Spektrum sind keine homogene Gruppe. Ihre Fähigkeiten, Interessen, Belastungsgrenzen und ihr Unterstützungsbedarf können sehr unterschiedlich sein. Entsprechend gibt es auch nicht den einen richtigen Arbeitsplatz und nicht die eine richtige Organisationsform.

Autismusgerechte Arbeit ist eine Frage der Gestaltung

Für Werkstätten stellt sich deshalb weniger die Frage, wie Menschen mit Autismus in bestehende Strukturen „eingepasst“ werden können. Entscheidend ist vielmehr: Wie müssen Arbeitsplätze, Arbeitsabläufe und Unterstützung gestaltet sein, damit Menschen aus dem Autismus-Spektrum ihre Fähigkeiten selbstständig und erfolgreich einsetzen können?

Dabei geht es nicht nur um die Einrichtung einer besonderen Gruppe. Sinnvoll ist ein System, das verschiedene Lösungen miteinander verbindet: eine besonders strukturierte Arbeitsgruppe für Menschen mit hohem Bedarf an Reizreduktion und Vorhersehbarkeit, individuelle Einzelarbeitsplätze und geeignete Arbeitsplätze in regulären WfbM-Gruppen.

InsideAut der Schleswiger Werkstätten

Das Praxisbeispiel InsideAut der Schleswiger Werkstätten zeigt, wie eine solche Kombination aussehen kann. Dort gibt es ein eigenes Fachzentrum mit 30 Plätzen, zugleich werden Menschen aus dem Autismus-Spektrum auch in anderen Bereichen der Werkstatt beschäftigt. Eine zentrale Rolle übernimmt dabei eine Autismusfachkraft, die nicht nur für das Fachzentrum, sondern für den gesamten Personenkreis in der Werkstatt zuständig ist.

Dieser Leitfaden beschreibt, wie Werkstätten ein solches Konzept entwickeln und schrittweise umsetzen können.

Schritt 1: Eine ehrliche Bestandsaufnahme

Bevor neue Angebote aufgebaut werden, braucht die Werkstatt ein realistisches Bild ihrer Ausgangslage.

Hilfreiche Fragen sind:

Beschäftigte

  • Wie viele Menschen aus dem Autismus-Spektrum arbeiten bereits in unserer Werkstatt?
  • Welche Unterstützungsbedarfe bestehen?
  • Welche Stärken, Interessen und besonderen Fähigkeiten bringen sie mit?
  • Welche Situationen führen regelmäßig zu Überforderung?

Arbeitsplätze

  • Welche Bereiche sind besonders ruhig und strukturiert?
  • Wo gibt es starke Geräusch-, Licht-, Geruchs- oder Bewegungsreize?
  • Welche Arbeitsplätze lassen sich individuell anpassen?
  • Wo bestehen Möglichkeiten für Einzelarbeitsplätze?

Personal

  • Gibt es Mitarbeitende mit vertieftem Wissen über Autismus?
  • Wer kann Fachkräfte in den Gruppen beraten?
  • Welche Schulungen werden benötigt?

Organisation

  • Arbeiten Menschen mit Autismus ausschließlich in bestimmten Gruppen?
  • Gibt es auch individuelle Lösungen außerhalb dieser Gruppen?
  • Können Beschäftigte zwischen unterschiedlichen Arbeitsformen wechseln?
  • Werden berufliche Entwicklung und mögliche Außenarbeitsplätze systematisch mitgedacht?

Eine solche Standortbestimmung ist die Grundlage für alle weiteren Schritte.

Schritt 2: Autismus verstehen – aber den Unterstützungsbedarf in den Mittelpunkt stellen

Eine Diagnose allein sagt wenig darüber aus, welche Arbeitsbedingungen eine Person benötigt.

Menschen aus dem Autismus-Spektrum können beispielsweise besonders von Struktur, visueller Orientierung, Reizreduktion und eindeutiger Kommunikation profitieren. Bei anderen stehen ganz andere Bedürfnisse im Vordergrund.

Deshalb sollte für jede Person ein individuelles Profil erstellt werden:

  • Was kann die Person gut?
  • Was interessiert sie?
  • Wie verarbeitet sie Informationen?
  • Welche Reize belasten sie?
  • Wie kommuniziert sie am besten?
  • Was braucht sie, um möglichst selbstständig arbeiten zu können?

Die Werkstatt sollte sich damit nicht ausschließlich an der Diagnose orientieren. InsideAut geht beispielsweise ausdrücklich davon aus, dass nicht die Diagnose allein über die Aufnahme entscheidet, sondern der individuelle Unterstützungs- und Teilhabebedarf sowie die Passung zum Angebot.

Schritt 3: Arbeitsumgebung gestalten – Reize reduzieren, Orientierung schaffen

Die Gestaltung der Umgebung ist ein zentraler Bestandteil des Konzepts.

Menschen mit Autismus können auf akustische, visuelle, taktile oder olfaktorische Reize besonders empfindlich reagieren. Deshalb sollte die Werkstatt systematisch prüfen, welche Reize am Arbeitsplatz auftreten und wie sie reduziert werden können.

Akustik

  • ruhige Arbeitsbereiche schaffen
  • Hintergrundgeräusche möglichst reduzieren
  • Maschinen und Kommunikationsbereiche räumlich trennen
  • bei Bedarf Gehörschutz ermöglichen

Licht

  • blendfreie Beleuchtung
  • möglichst gleichmäßige Lichtverhältnisse
  • störende Lichtquellen vermeiden

Ordnung

  • feste Materialplätze
  • klar erkennbare Funktionsbereiche
  • übersichtliche Arbeitsflächen
  • eindeutig beschriftete Ablageorte

Rückzug

Ein Arbeitsplatzkonzept sollte außerdem Möglichkeiten vorsehen, sich bei Überforderung kurzfristig zurückzuziehen.

InsideAut verfügt beispielsweise über einen Raum der Stille. Nach Krisen werden dort nicht nur die Reaktionen der betroffenen Person betrachtet, sondern auch die Auslöser und die Rahmenbedingungen reflektiert.

Schritt 4: Arbeit strukturieren – Vorhersehbarkeit schaffen

Viele Menschen aus dem Autismus-Spektrum arbeiten besonders selbstständig, wenn Abläufe klar und vorhersehbar sind.

Hilfreich sind:

  • feste Arbeitszeiten
  • klare Zuständigkeiten
  • gleichbleibende Abläufe
  • visualisierte Tages- und Wochenpläne
  • eindeutige Arbeitsaufträge
  • in Teilschritte zerlegte Tätigkeiten
  • frühzeitige Ankündigung von Veränderungen

Zum Einsatz kommen können:

  • Fotos
  • Piktogramme
  • Checklisten
  • schriftliche Arbeitsanweisungen
  • Timer
  • digitale Hilfsmittel

InsideAut arbeitet bei der Gestaltung von Arbeitsplätzen und Räumen mit solchen TEACCH-Elementen. Tages- und Wochenpläne, Piktogramme, Timer und gekennzeichnete Funktionsbereiche helfen den Beschäftigten, sich im Arbeitsalltag zu orientieren.

Die Leitidee: Je klarer die Struktur, desto größer die selbstständigen Handlungsmöglichkeit.

Schritt 5. Arbeitsplätze passend auswählen

Ein Arbeitsplatz sollte nicht deshalb gewählt werden, weil er gerade verfügbar ist. Entscheidend ist die Passung zwischen Person, Tätigkeit und Arbeitsumgebung.

Mögliche Tätigkeiten sind beispielsweise:

  • Montage
  • Verpackung
  • Sortierung
  • Qualitätskontrolle
  • Digitalisierung
  • Archivierung
  • Dokumentation
  • Lager
  • Gartenbau
  • technische Prüfaufgaben
  • Büro- und Verwaltungsarbeiten

Dabei sollte die Werkstatt auch die Interessen der jeweiligen Person berücksichtigen.

Eine Tätigkeit kann besonders geeignet sein, wenn sie:

  • klar strukturiert ist
  • nachvollziehbare Ergebnisse hervorbringt
  • eigenständiges Arbeiten ermöglicht
  • wenig ungeplante Unterbrechungen enthält
  • an vorhandene Interessen und Fähigkeiten anknüpft

Nicht die Tätigkeit ist „tauglich“ oder „ungeeignet“. Entscheidend ist die Ausgestaltung.

Schritt 6: Gruppen organisieren – Spezialangebot und Integration verbinden

Die zentrale organisatorische Frage lautet: Braucht die Werkstatt eine eigene Autismusgruppe? Die Antwort sollte nicht pauschal ausfallen. Eine spezialisierte Strukturgruppe kann für Menschen mit hohem Bedarf an Reizreduktion, Struktur und Vorhersehbarkeit sinnvoll sein.

Kennzeichen können sein:

  • ruhige Arbeitsatmosphäre
  • feste Bezugspersonen
  • überschaubare Gruppengröße
  • klar strukturierte Abläufe
  • individuell gestaltete Arbeitsplätze
  • Rückzugsmöglichkeit

Arbeitsplätze in regulären Gruppen

Andere Menschen aus dem Autismus-Spektrum können in den bestehenden Werkstattbereichen arbeiten, wenn ihr Arbeitsplatz und die Zusammenarbeit entsprechend angepasst werden.

Einzelarbeitsplätze

Für einzelne Beschäftigte kann wiederum ein besonders gestalteter Einzelarbeitsplatz die passendste Lösung sein.

Das bedeutet: Spezialisierung und Inklusion müssen kein Gegensatz sein.

Genau diese Verbindung kennzeichnet das Modell InsideAut: Ein fester spezialisierter Bereich wird mit individuellen Lösungen in anderen Werkstattbereichen verbunden.

Schritt 7: Eine Fachkraft für Autismus-Spektrum und Neurodiversität einsetzen

Ein zentrales Element eines solchen Konzepts sollte eine spezialisierte Fachkraft für Autismus-Spektrum-Störungen sein.

Das muss nicht zwingend eine zusätzliche Vollzeitstelle sein. Entscheidend ist, dass die Funktion verbindlich benannt, mit ausreichenden zeitlichen Ressourcen ausgestattet und fachlich qualifiziert ist.

Ihre Aufgabe besteht gerade nicht darin, ausschließlich eine spezielle Gruppe zu betreuen. Sie sollte als Fach- und Beratungsstelle für die gesamte Werkstatt wirken.

Zu ihren Aufgaben gehören:

Beratung der Fachkräfte

  • Unterstützung bei schwierigen Situationen
  • Beratung bei der Arbeitsplatzgestaltung
  • Hilfen bei der Strukturierung von Arbeitsabläufen
  • Reflexion von Krisen und Überforderungssituationen

Individuelle Begleitung

  • Einzelgespräche
  • Coaching
  • psychoedukative Angebote
  • Unterstützung bei Übergängen und Veränderungen

Arbeitsplatzberatung

  • Analyse der konkreten Arbeitsplatzanforderungen
  • Ermittlung von Reizbelastungen
  • Entwicklung individueller Strukturierungshilfen
  • Begleitung bei Einzelplatzlösungen

Qualifizierung

  • Schulungen für Mitarbeitende
  • Sensibilisierung der Werkstatt
  • Entwicklung von Arbeitshilfen und Standards

Vernetzung

  • Zusammenarbeit mit Fachdiensten
  • Angehörigenarbeit
  • Kontakte zu anderen Einrichtungen
  • Beratung von Betrieben bei Außenarbeitsplätzen

Dokumentation und Qualitätssicherung

  • Kommunikationsprofile
  • Anamnese- und Abklärungsunterlagen
  • Dokumentation von Unterstützungsbedarfen
  • Krisen- und Präventionsinstrumente

Das Praxisbeispiel von Navina Borchert bei den Schleswiger Werkstätten zeigt die besondere Bedeutung einer solchen Funktion. Ihre Zuständigkeit erstreckt sich über das Fachzentrum InsideAut hinaus auf Menschen aus dem Autismus-Spektrum in der gesamten Werkstatt. Dabei umfasst ihre Arbeit Beratung, Schulung, Netzwerkarbeit, Einzelangebote, Coaching, Prävention und Dokumentation.

Dabei kann es sinnvoll sein, den fachlichen Blick nicht auf Autismus allein zu begrenzen. InsideAut verbindet die Autismus-Fachlichkeit beispielsweise mit weiteren Formen von Neurodiversität, darunter ADHS und andere Unterstützungsbedarfe.

Schritt 8: Kommunikation anpassen

Kommunikation sollte möglichst eindeutig, konkret und vorhersehbar sein.

Hilfreich sind:

  • kurze und klare Sätze
  • eindeutige Arbeitsaufträge
  • schriftliche Ergänzungen
  • Fotos und Piktogramme
  • Checklisten
  • visualisierte Tagesabläufe

Auch Unterstützte Kommunikation kann eine wichtige Rolle spielen. Das Spektrum reicht von Gestik und Gebärden bis zu digitalen Hilfsmitteln und Sprachausgabegeräten. InsideAut versteht diese Möglichkeiten ausdrücklich als Beitrag zu Selbstbestimmung und Krisenprävention.

Schritt 9: Krisen vorbeugen – und aus Krisen lernen

Überforderung kann sich beispielsweise durch Rückzug, Unruhe, Verweigerung oder andere für die Umgebung schwer verständliche Reaktionen äußern.

Deshalb sollte jede Werkstatt klären:

  • Woran erkennen wir frühzeitig Überforderung?
  • Welche Reize sind typische Auslöser?
  • Was hilft der betreffenden Person?
  • Wer ist Ansprechpartner?
  • Wo kann sie sich zurückziehen?
  • Was ist im Krisenfall zu tun?

Wichtig ist dabei ein Perspektivwechsel: Eine Krise sollte nicht ausschließlich als „Verhaltensproblem“ der beschäftigten Person verstanden werden.

Nach einer Krise sollte deshalb gemeinsam geprüft werden:

Was ist passiert?

Was könnte die Überforderung ausgelöst haben?

Welche Rahmenbedingungen können verändert werden?

So kann aus einer Krisensituation eine Verbesserung des Arbeitsplatzes entstehen.

Schritt 10: Individuelle Entwicklung ermöglichen

Auch eine speziell strukturierte Arbeitsumgebung sollte kein statischer Endpunkt sein.

Für jede Person sollte regelmäßig geprüft werden:

  • Welche Fähigkeiten haben sich entwickelt?
  • Welche Tätigkeiten können erweitert werden?
  • Wo ist mehr Selbstständigkeit möglich?
  • Welche Interessen könnten beruflich genutzt werden?
  • Kommt ein Praktikum infrage?
  • Ist ein ausgelagerter Arbeitsplatz eine Möglichkeit?

Entwicklung kann dabei sehr unterschiedlich aussehen. Für die eine Person bedeutet sie eine anspruchsvollere Tätigkeit innerhalb der Werkstatt, für eine andere einen Einzelarbeitsplatz mit größerer Selbstständigkeit und für eine dritte den Schritt auf einen betrieblichen Arbeitsplatz.

Das Ziel ist deshalb nicht ein bestimmter Übergang, sondern eine passende berufliche Entwicklung.

Schritt 11: Das Konzept als System denken

Aus den einzelnen Bausteinen sollte ein zusammenhängendes System entstehen.

Eine Werkstatt kann beispielsweise über folgende Struktur verfügen:

Fachkraft für Autismus und Neurodiversität

↓ berät und unterstützt

Spezialisierte Strukturgruppe

↓ bietet besonders angepasste Arbeitsbedingungen

Reguläre Werkstattgruppen

↓ werden bei Bedarf fachlich unterstützt

Individuelle Einzelarbeitsplätze

↓ können innerhalb der Werkstatt flexibel eingerichtet werden

Außenarbeitsplätze und betriebliche Erprobung

Damit entsteht kein starres Stufenmodell, sondern ein durchlässiges System. Eine Person kann von einer Form in eine andere wechseln, wenn sich Unterstützungsbedarf, Fähigkeiten oder Interessen verändern.

Schritt 12: Umsetzung: Mit einem überschaubaren ersten Schritt beginnen

Eine Werkstatt muss nicht sofort ein vollständiges Fachzentrum einrichten.

Ein sinnvoller Einstieg kann sein:

Erstens: Eine Fachkraft mit besonderer Verantwortung für Autismus benennen.

Zweitens: Die vorhandenen Beschäftigten und Arbeitsplätze analysieren.

Drittens: Zwei oder drei Arbeitsplätze beispielhaft autismusgerecht gestalten.

Viertens: Erfahrungen dokumentieren und daraus Standards entwickeln.

Fünftens: Prüfen, ob zusätzlich eine kleine Strukturgruppe sinnvoll ist.

Sechstens: Die Fachlichkeit schrittweise auf die gesamte Werkstatt übertragen.

So entsteht ein Konzept nicht am grünen Tisch, sondern aus der Praxis.

Zusammenfassung: Was Werkstätten zuerst anpacken sollten

Werkstätten, die ihre Arbeit für Menschen aus dem Autismus-Spektrum weiterentwickeln wollen, brauchen nicht zuerst eine neue Abteilung. Entscheidend ist ein klares fachliches Konzept, das unterschiedliche Formen der Unterstützung miteinander verbindet.

Die wichtigsten Bausteine sind:

  1. Individuelle Bedarfsermittlung statt Orientierung allein an der Diagnose.
  2. Reizarme, übersichtliche und strukturierte Arbeitsplätze.
  3. Klare und visualisierte Arbeitsabläufe.
  4. Eine Kombination aus Spezialgruppe, regulären Gruppen und Einzelarbeitsplätzen.
  5. Eine verbindlich benannte Fachkraft für Autismus-Spektrum und Neurodiversität.
  6. Fachliche Beratung der gesamten Werkstatt, nicht nur einer Spezialgruppe.
  7. Systematische Krisenprävention und Auswertung von Überforderungssituationen.
  8. Individuelle berufliche Entwicklung innerhalb und außerhalb der Werkstatt.

Das Beispiel InsideAut macht dabei einen wichtigen Punkt deutlich: Eine reine Autismus-Einrichtung ist nicht zwingend das Ziel. Ein spezialisiertes Angebot kann vielmehr als fachliches Zentrum innerhalb einer insgesamt inklusiveren Werkstattorganisation dienen.

Damit verschiebt sich der Blick: Nicht „der Mensch mit Autismus“ muss in eine vorgegebene Arbeitsorganisation passen. Die Werkstatt entwickelt unterschiedliche Arbeitswelten, in denen Menschen mit unterschiedlichen Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Unterstützungsbedarfen tätig sein können.

Das macht Autismusarbeit zu mehr als einem Spezialangebot. Sie wird zu einem konkreten Anwendungsfeld für eine personenzentrierte Gestaltung von Arbeit in der WfbM

Anhang: Materialien und Hilfsmittel für die Arbeit mit Menschen aus dem Autismus-Spektrum

Für autismussensible Arbeitsplätze braucht es nicht unbedingt teure Spezialausstattung. Viele Hilfen sind einfach, kostengünstig und können von der Werkstatt selbst entwickelt werden. Entscheidend ist, dass sie zum individuellen Unterstützungsbedarf passen.

Zur Grundausstattung können gehören:

  • Magnettafel oder Whiteboard für Tages- und Wochenpläne
  • Fotos, Piktogramme oder Symbole
  • klar gekennzeichnete Arbeitsplätze und Funktionsbereiche
  • beschriftete Materialboxen und feste Ablageplätze
  • getrennte Bereiche für „zu erledigen“ und „fertig“
  • Schritt-für-Schritt-Anleitungen und Checklisten

Visuelle Pläne und strukturierte Arbeitssysteme helfen, Abläufe vorhersehbar zu machen und selbstständiges Arbeiten zu fördern. Der TEACCH-Ansatz bietet hierfür zahlreiche Anregungen.

Zeit sichtbar machen

Hilfreich sind:

  • visuelle Timer und Countdown-Timer
  • Time Timer oder vergleichbare Systeme
  • Sanduhren
  • visualisierte Arbeits- und Pausenzeiten

Besonders sinnvoll sind solche Hilfen bei Tätigkeitswechseln, Pausen und zeitlich begrenzten Arbeitsaufträgen.

Kommunikation

Je nach individuellem Bedarf können eingesetzt werden:

  • Kommunikations- und Symbolkarten
  • Fotos
  • „Ja/Nein“-, „Hilfe“-, „Pause“- und „Stopp“-Karten
  • Kommunikationsbücher oder -tafeln
  • Tablets und Sprachausgabegeräte
  • Gesten und Gebärden

Für Symbolarbeit kann beispielsweise das METACOM-System genutzt werden. Wichtig ist, dass Kommunikationshilfen selbstständige Entscheidungen und das Äußern von Unterstützungsbedarf ermöglichen.

Reizreduktion

Die Umgebung sollte möglichst reizarm gestaltet werden. Ergänzend können helfen:

  • Gehörschutz, Ohrstöpsel oder Kopfhörer
  • Noise-Cancelling-Kopfhörer
  • Sichtschutz und Raumteiler
  • blendfreie, individuell regulierbare Beleuchtung
  • ruhige Pausenbereiche
  • Rückzugsraum oder Einzelplatz

Nicht jedes Hilfsmittel ist für jede Person geeignet. Entscheidend ist die konkrete Reizempfindlichkeit.

Krisenprävention

Eine Werkstatt sollte einen klar definierten Rückzugsbereich und individuelle Krisenpläne vorhalten.

Ein Krisenplan kann festhalten:

  • frühe Anzeichen von Überforderung
  • mögliche Auslöser
  • hilfreiche Maßnahmen
  • Rückzugsmöglichkeiten
  • Ansprechpartner
  • notwendige Nachsorge

Nach Krisen sollte nicht nur das Verhalten der Person betrachtet werden, sondern auch die auslösenden Rahmenbedingungen.

Individuelle Arbeitsplatzprofile

Für jede Person kann ein kurzer Praxisbogen hilfreich sein:

Das kann ich gut – Das interessiert mich – So bekomme ich Arbeitsaufträge am besten – Das stresst mich – Diese Reize sollte man vermeiden – Daran erkennt man Überforderung – Das hilft mir.

Solche Profile sollten gemeinsam mit der beschäftigten Person erstellt und regelmäßig aktualisiert werden.

Materialien für die Autismus-Fachkraft

Die spezialisierte Fachkraft sollte auf einen eigenen Materialpool zurückgreifen können, beispielsweise:

  • Arbeitsplatzanalyse
  • Reizprofil
  • Kommunikationsprofil
  • Beobachtungsbogen
  • Gesprächsleitfäden
  • Krisenplan
  • Tages- und Wochenplan
  • Vorlagen für Arbeitsanweisungen
  • Materialien zur Vorbereitung auf Veränderungen und Praktika

Grundausstattung für Einzelarbeitsplätze

Arbeitsplatz: klare Abgrenzung, eindeutige Kennzeichnung, geordnete Materialablage

Struktur: Tagesplan, Arbeitsboxen, Arbeitsanweisung, Fertig-Kiste, Timer

Kommunikation: Hilfe-/Pause-/Stopp-Signale, individuelle Kommunikationshilfe

Reizreduktion: Sichtschutz, Kopfhörer oder Gehörschutz, störungsarmer Arbeitsplatz

Sicherheit: Rückzugsmöglichkeit, Krisenplan, feste Ansprechperson

Empfehlenswerte Quellen

Besonders relevant sind:

  • „Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit Autismus“ – autismus Deutschland und BAG UB
  • „Autismus und Arbeit“ – Materialien zur Arbeitsplatzgestaltung und beruflichen Teilhabe
  • TEACCH Autism Program – visuelle Strukturierung und Arbeitssysteme
  • LVR/LWL – Materialien zur beruflichen Teilhabe und Arbeitsplatzgestaltung

Grundsatz

Die Ausstattung sollte nicht nach dem Motto „möglichst viele Autismus-Hilfsmittel“ erfolgen. Sinnvoller ist:

Person verstehen → Arbeitsplatz analysieren → Barrieren erkennen → passende Hilfe auswählen → Wirkung überprüfen.

Das Ziel ist nicht der möglichst perfekt ausgestattete Spezialarbeitsplatz, sondern ein Arbeitsplatz, an dem die beschäftigte Person möglichst selbstständig und mit möglichst wenig zusätzlicher Unterstützung arbeiten kann.

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