Mut zur Transformation in WfbM
Führungskräfte tauschten sich bei erster gemeinsamer GDW-Tagung aus

Werkstätten für Menschen mit Behinderung befinden sich mitten in einem echten Strukturwandel: So lautet das Resultat der ersten gemeinsamen Tagung der GDW Nord eG, GDW Mitte eG und GDW Süd eG. Unter dem Motto „Mut zur Transformation in WfbM – Geschäftsfelder, Technologien und Führung neu denken“ diskutierten in Kassel am 14. und 15. September 2026 52 WfbM-Führungskräfte aus dem gesamten Bundesgebiet intensiv, kontrovers und konstruktiv. Die Themen waren vielfältig, und der Handlungsbedarf ist enorm, um die WfbM stabil für die Zukunft aufzustellen. Die GDWs verstehen sich als Plattform, Netzwerk und Sparringspartner, um den herausfordernden Wandel gemeinsam aktiv zu gestalten. Die Teilnehmenden lobten die innovative Veranstaltung, eine Fortsetzung des Formats wurde gewünscht.
Führungskräfte als Gamechanger
Stabilität war lange der Normalzustand bei Sozialunternehmen in Deutschland, aber nun ist Schluss mit dieser Phase. Früher waren die Rahmenbedingungen gesetzt, Energie und Benzin waren zu moderaten Preisen verfügbar und die Märkte waren relativ berechenbar. Folglich gab aus institutioneller Sicht eine äußerst stabile und finanzstarke Finanzierung; das Modell Werkstatt wirkte sicher. Diese Zeit ist vorbei. Jede WfbM spürt den Druck und die neue Unübersichtlichkeit tagtäglich auf vielen Ebenen: in Lieferketten und Energiepreisen, im Fachkräftemangel, in schwächer werdenden Beschäftigten. Die politische Debatte dreht sich um Werkstattreform, Entgeltsysteme und Übergänge, neue Anforderungen an Teilhabe und Inklusion sowie darum, wie man Menschen mit Behinderung in eine sich wandelnde Arbeitswelt begleitet. Diese Forderungen machen zusätzlichen Druck.
Zukunft mutig und aktiv gestalten
Mit einer Themenvielfalt, die keinen Aufschub erlaubt, war der Rahmen für die Tagung klar abgesteckt: Die Teilnehmenden wollen kein „Business as usual“ verwalten, sondern die Zukunft aktiv gestalten. Das erfordert Mut, um die Transformation anzunehmen, Risiken zu kalkulieren, Chancen zu ergreifen und Werkstätten neu zu denken: als moderne, agile und zukunftsfähige Unternehmen. Um im Transformationsprozess zu führen, müssen Verantwortliche Kommunikator, Mutmacherin und auch Brückenbauer sein. Nur so können sie vermitteln, warum Veränderung nötig ist, wohin die Reise geht und wie jede und jeder Einzelne davon profitieren kann.
Tag 1: Mindset, Technologie, neue Geschäftsmodelle
Am ersten Tag ging es um Mindset, Technologie und neuen Geschäftsmodelle: Mit „BE THE GAMECHANGER – Transformation offen und mutig gestalten“ sorgten Loredana Meduri und Alessandro Spanu für einen energiegeladenen Auftakt. Sie ermutigten dazu, Wandel nicht nur zu bewältigen, sondern mit Offenheit, Neugier und Freude aktiv zu gestalten. Viele Tagungsgäste lobten diesen Impuls im Feedback als einen der Höhepunkte. Dann beleuchtete Holger Klein (Lebenshilfe Zollernalb) die Voraussetzungen für Arbeitsangebote von morgen. Er regte dazu an, bestehende Strukturen kritisch zu hinterfragen und zugleich mutig neue Wege zu gehen. Wichtig seien dabei ein klarer Blick auf veränderte Zielgruppen und Marktanforderungen. Karl-Heinz Land (neuland.ai) erörterte anschließend die Künstliche Intelligenz als Gamechanger für WfbM-Geschäftsführende und -Vorstände. KI skizzierte er nicht als Bedrohung, sondern als kollegiale Unterstützung für Führungskräfte und Teams. Dieses Thema wurde in der Auswertung vielfach als „wertvollster Aspekt“ genannt.
Kontakte vertiefen, Themen weiterdenken
Dr. Raimund Schmolze-Krahn (daaap-Netzwerk) zeigte schließlich auf, welche Rolle digitale Assistenz-Systeme in bestehenden und neuen Geschäftsfeldern spielen können. Deutlich wurde, dass digitale Technologien Motor für Inklusion, Teilhabe und neue Geschäftsmodelle zugleich sein können. Zum Abschluss des ersten Tages präsentierten VertreterInnen der drei GDWs die GDW-Geschäftsbereiche Social Franchise, didab und 53° NORD. Sie machten greifbar, welche konkreten Angebote und Verbundlösungen den Mitgliedsbetrieben bereits heute zur Verfügung stehen. In vielen Rückmeldungen gab es Lob für die großzügig eingeplanten Pausen für Networking, Austausch und Gespräche mit Ausstellern. Die Abendveranstaltung zum Ausklang wurde genutzt, um in entspannter Atmosphäre Kontakte zu vertiefen und die gemeinsamen Themen weiterzudenken.
Tag 2: Digitale Lösungen und Strategieübersetzung
Der zweite Tag führte die inhaltlichen Fäden konsequent fort: Peter Schwarz von der Evangelische Bank eröffnete ihn mit einem Impuls zu digitalen Lösungen für KlientInnen und Einrichtungen. Erkennbar wurde, wie digitale Tools nicht nur Prozesse effizienter machen, sondern auch neue Formen der Teilhabe ermöglichen können. Mit „Zukunft wirksam machen: Von der Führungskraft zur Strategieübersetzung“ zeigte dann Nico Gundlach von der Markenagentur „Bestes Pferd im Stall“, wie Führungskräfte Strategie lebendig machen können: über klare Bilder, verständliche Sprache und konsequente Übersetzung in den Alltag. Viele Teilnehmende fanden insbesondere diese Impulse zum eigenen Führungsverhalten besonders wertvoll.
Ein Höhepunkt: Diskussion „WfbM 2030“
Ein Höhepunkt war dann die Podiumsdiskussion „WfbM 2030 – Zwischen Werkstattreform, neuen Technologien und neuen Geschäftsfeldern: Wie gestalten wir die Zukunft?“. Claudia Salterberg (daaap Netzwerk), Christian Dreiss (BAG WfbM) und Karl-Heinz Land (neuland.ai) diskutierten mit den GDW-Aufsichtsräten Thomas Stengel (GDW Nord eG), Thomas Schmitter (GDW Mitte eG) und Holger Klein (GDW Süd eG). Unterschiedliche politische, technologische und praktische Perspektiven prägten die Debatte mit einem gemeinsamen Ziel: Lösungen nicht gegeneinander, sondern miteinander zu denken.
Feedback: „Initialgefühl“ mitgenommen
Den emotionalen Abschluss des zweiten Tages bildete erneut das italienische Duo Meduri & Spanu mit der „DOLCE VITA STRATEGIE – Mit Leichtigkeit und Freude das volle Potenzial entfalten“. Viele Teilnehmende meldeten zurück, dass sie nicht nur fachlichen Input mitgenommen haben, sondern auch ein „Initialgefühl“ - ein neues oder geschärftes Bild ihrer Rolle und ihres Handlungsspielraums. „Eine sehr gelungene Veranstaltung“ hieß es oftmals in der Auswertung. Positives Netzwerken und wichtige Impulse von KollegInnnen bedeuteten Mehrwert für die Führungskräfte. Auch die „hoch professionellen Vorträge“ und die „sehr gute kollegiale Atmosphäre“ wurden hervorgehoben. Viele Teilnehmende wünschten sich für das nächste Mal mehr Zeit für Vertiefung und „echten Dialog“.
Ausblick: Diskussions- und Vernetzungsformate ausbauen
Das Bedürfnis ist groß nach Orientierung gebenden Impulsen, konkreten Beispielen und kollegialem Austausch - so das Fazit der Tagung. Die Wünsche für zukünftige Veranstaltungen geben einen klaren Auftrag: Die Teilnehmenden möchten noch mehr praxisnahe Best-Practice-Beispiele und Vertiefungsthemen zu KI, Digitalisierung und Robotik. Der Fokus soll auf Spannungsfeldern liegen wie Produktion und Rehabilitation, veränderte Klientel, Finanzierung und Einbringung der Kundenperspektive. Die Führungskräfte wünschen sich einen Ausbau der Diskussions- und Vernetzungsformate. Eine positive Rückmeldung formuliert es so: „Die GDW hat neue Aspekte zur Entwicklung aufgezeigt, wie Werkstätten sich transformieren sollten. Es gibt nicht den einen perfekten Weg, aber es muss gelingen, die verschiedenen Impulse zu vereinbaren. Dies ist in der Veranstaltung sehr gut gelungen.“
Sicherheiten loslassen, Neues ausprobieren
Fazit: Die erste gemeinsame GDW-Tagung war ein Startpunkt, um das Bild von der „WfbM 2030“ gemeinsam zu schärfen und praktikable Anregungen für konkrete nächste Schritte mitzunehmen. Denn Transformation passiert nicht von selbst: Menschen müssen dafür alte Sicherheiten loslassen, Neues ausprobieren und die Zukunft bewusst gestalten. Genau solche Menschen haben sich in Kassel getroffen. Alles spricht dafür, dass es nicht bei dieser Tagungs-Premiere bleiben wird. Zum Beispiel diese Rückmeldung eines Teilnehmers macht Lust auf mehr: „Meine Erwartungen wurden weit übertroffen. Tolle Themen, tolle Referent*innen und der so, so, so wichtige positive Drive nach vorne!“
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