Artikel

„Schutzraum oder Ausgrenzung?“

Nutzen oder Schaden von Förderschulen für Kinder?

Bild „Schutzraum oder Ausgrenzung?“

 30. März 2026 |  Gudrun Heyder & Dieter Basener | Textbeitrag

Seit 2009 fordert die UN-BRK die schulische Inklusion, doch in Deutschland verlangsamt sich die Umsetzung. Der Anteil der Förderschülerinnen und Förderschüler bleibt bundesweit stabil, die Politik reagiert zögerlich und bundesweit sehr unterschiedlich: In Mecklenburg-Vorpommern wurde das geplante Aus für Förderschulen „Lernen“ gerade von 2030 auf 2035 verschoben, in Niedersachsen wiederum wird der Ausstieg aus Förderschulen weiter vorangetrieben und NRW plant aktuell 30 neue Förderschulen.
Der Sozialaktivist Raúl Krauthausen hat diese Frage jüngst in seinem Newsletter aufgeworfen – wir greifen sie gerne auf und fragen: Schutzraum oder Ausgrenzung? Ob Förderschulen Kindern mit Behinderung nutzen oder schaden, wird kontrovers und zum Teil hoch emotional diskutiert. Zwei Perspektiven:

Pro Gudrun Heyder: Wie es der Name sagt, hier wird gefördert.

Ein Kind mit Autismus und geistiger Behinderung in einer Regelschule wird es schwer haben, sich dort wohlzufühlen und zu lernen. Es ist zu voll, zu laut und unruhig, oft kommt es im Unterricht nicht mit, es muss sich doofe oder gemeine Sprüche anhören, wird schlimmstenfalls gemobbt. Soll Inklusion in der Schule etwa so aussehen?

Die Situation aus der authentischen Perspektive einer Lehrerin: „In meiner Klasse sind viele Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen, mit unzureichenden Deutschkenntnissen und mehrere mit Verhaltens-Auffälligkeiten. Fast jedes Kind bräuchte eine individuelle Förderung. Wie soll ich da zusätzlich Kinder mit Beeinträchtigungen integrieren und sie so unterstützen, wie sie es jeweils brauchen? Das ist unmöglich zu schaffen.“

Ein Elternpaar sagt: „Unser Sohn ist in der Förderschule aufgeblüht. In der kleinen Klasse und mit der genau auf ihn abgestimmten therapeutischen Unterstützung hat er sich erheblich weiterentwickelt. Er hat Spaß am Lernen und ist mit Klassenkameraden befreundet. Er wird gefordert, aber nicht überfordert. Wir haben uns gegen die Regelschule entschieden, weil unser Sohn dort wahrscheinlich gelitten und Versagensängste entwickelt hätte.“

In einer idealen Welt könnten Förderschulen entbehrlich sein. Dafür bräuchte es jedoch mehr bestens qualifizierte Lehrkräfte und TherapeutInnen, kleinere Klassen und MitschülerInnen, die in der Lage sind, auf Kinder und Jugendliche mit speziellen Bedürfnissen Rücksicht zu nehmen. Sowie kleinere, barrierefreie und architektonisch ansprechend gestaltete Schulgebäude. Regelschulen ächzen bereits jetzt unter dem Mangel an LehrerInnen und SozialarbeiterInnnen. Die Gebäude sind oft auf Massen von SchülerInnen ausgelegt, bieten kaum Rückzugsräume und Spielmöglichkeiten und weisen vielfach Baumängel auf. Solange das so ist, sind junge Menschen mit Behinderungen im „Schutzraum“ Förderschule besser aufgehoben.

Dies gilt insbesondere für Kinder mit mehrfachen und schweren Behinderungen. In Förderschulen können sie so sein, wie sie sind, und mit anderen Kindern zusammen sein – ohne Stress und Druck, von einem kompetenten Team umgeben, dass die entsprechenden Berufsfelder bewusst gewählt hat und motiviert für seine Aufgaben ist.

Zudem gilt es, üble Vorurteile gegenüber den „Sonderschulen“ endlich abzubauen, was eine gesellschaftliche und politische Aufgabe ist. Familien und Schulkollegien können das nicht leisten. Unsere Leistungsgesellschaft muss begreifen – darunter auch allzu ehrgeizige Eltern – dass es im Leben nicht um lauter Einsen im Abiturzeugnis geht. Sondern um Mitmenschlichkeit, Akzeptanz und das individuelle So-Sein.   

Das alles heißt keinesfalls, dass Förderschulen der automatische Weg für Kinder mit Behinderungen sein sollen – im Gegenteil. Es sollte selbstverständlich sein, dass Eltern, das Personal in Kitas und Grundschulen sowie TherapeutInnen und KinderärztInnen für jedes Kind individuell mit diesem entscheiden, welche Schulform die geeignetste für es ist.

Contra Dieter Basener: Italien macht’s vor. Seit fast 50 Jahren

Förderschulen werden oft mit guten Absichten verteidigt: Kinder mit Behinderung bräuchten Schutz, kleine Gruppen und spezielle Fachlichkeit. Diese Argumente wirken vertraut, vor allem in Deutschland, wo das bestehende System den meisten als alternativlos erscheint. Ein Blick nach Italien - meine Erfahrungen stammen aus Südtirol - zeigt jedoch seit Jahrzehnten ein anderes Bild. Dort wurden Sonderschulen bereits 1977 abgeschafft. Heute besuchen mehr als 99 % der Schülerinnen und Schüler „mit besonderen Bildungsbedürfnissen“ reguläre Klassen. Unterstützung findet im Klassenraum statt, nicht außerhalb. Zusätzliche Lehrkräfte und Fachpersonen arbeiten im Team mit den Klassenlehrern, Förderung ist Teil des Alltags und kein Sonderfall. Niemand wünscht sich die Rückkehr zur Sonderschule.

Der zentrale Unterschied liegt im System selbst. Wo es getrennte Einrichtungen gibt, werden Kinder auch getrennt. Nicht, weil es nötig ist, sondern weil die Strukturen darauf ausgelegt sind. Fördersysteme schaffen ihren eigenen Bedarf: Es gibt Plätze, also gibt es Zuweisungen. In inklusiven Systemen kehrt sich diese Logik um: Das Kind gehört ganz selbstverständlich in ein inklusives Schulsystem, die Unterstützung kommt dazu. Verantwortung liegt bei der Schule, nicht bei einer gesonderten Institution.

Deutschland hält bis heute an seinem stark ausgebauten System von Sondereinrichtungen fest und bleibt damit hinter vielen internationalen Entwicklungen zurück. Norwegen und Großbritannien liegen ebenfalls bei einem Anteil von über 90 % an Schülern mit Beeinträchtigung in Regelklassen. Die deutschsprachigen Länder mit ihrem ausgebauten Parallelsystem bilden die Schlusslichter des Rankings. Dabei ist lange bekannt: Die frühe Trennung nach Förderstatus prägt Bildungsbiografien langfristig. Wer einmal ausgesondert ist, wechselt nur selten zurück. Übergänge in reguläre Ausbildung und Arbeit sind deutlich erschwert. Förderschulen wirken deshalb nicht nur pädagogisch, sondern auch sozial: Sie begrenzen die berufliche und gesellschaftliche Teilhabe.

Ein häufiges Gegenargument ist die Sorge von Eltern, Kinder ohne Behinderung würden. im gemeinsamen Unterricht gebremst Diese Angst ist nachvollziehbar, aber fachlich nicht haltbar. Studien zeigen seit Jahren: gemeinsames Lernen verschlechtert die Leistungen nicht. Was sich verändert, ist der Unterricht. Die unterschiedliche Lernstände machen nur das sichtbar, was ohnehin Realität ist: Alle Schüler sind unterschiedlich. Problematisch ist nicht Vielfalt, sondern ein Unterricht, der nur auf ein mittleres Niveau ausgerichtet ist.

Damit Inklusion gelingt, braucht es deshalb offene Lernformen: unterschiedliche Aufgaben, verschiedene Tempi, Teamarbeit im Unterricht und realistische Leistungsrückmeldungen. Viele preisgekrönte Schulen arbeiten längst so, oft ohne sich ausdrücklich „inklusiv“ zu nennen. Sie zeigen, dass gute Schule immer auf Unterschiedlichkeit eingeht.

Förderschulen lösen letztlich ein Problem, das sie selber festschreiben: Sie machen die Unterschiede zum Ausgangspunkt ihrer Existenz und zu einer festen Kategorie. Die Erfahrung aus Italien zeigt, dass mit dem Ende der Trennung weder Förderung noch Qualität verloren gehen, wohl aber Stigmatisierung. Inklusion ist keine Zusatzaufgabe der Behindertenhilfe, sondern eine Frage guter Organisation des Schulsystems. Und sie tut nicht nur einigen Kindern gut, sondern allen.

Zurück zur Artikelübersicht

Bleiben Sie informiert

Abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter und bleiben Sie auf dem neusten Stand

Logo Evangelische Bank eGClaim Evangelische Bank eG

53° NORD wird gefördert durch Evangelische Bank

Die Evangelische Bank unterstützt die Inklusion von Menschen mit Behinderung, weil Diversität eine Bereicherung für unsere Gesellschaft und Ausdruck unserer christlich, nachhaltigen Grundeinstellung ist.

Erfahren Sie mehr