Vom Bedürfnis zum Bedarf – Wie wir Bildung und Arbeit für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf wirklich ermöglichen können
Bericht von einer 53° NORD-Fachtagung am 11. und 12. November 2025 in Kassel
Ausgebucht war sie, die Fachtagung von 53° NORD in Kassel – und das sagt schon einiges über die Dringlichkeit des Themas aus. Wie können wir Bildung und Arbeit für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf ermöglichen? Eine Frage, die uns alle umtreibt, und eine Frage, bei der wir endlich vom Reden ins Handeln kommen müssen.
Arbeit ist mehr als Erwerbsarbeit
Dr. Caren Keeley von der Uni Köln brachte es gleich zu Beginn auf den Punkt: Wenn wir von Arbeit sprechen, meinen wir nicht den engen Begriff der Erwerbsarbeit. Es geht um etwas Grundlegenderes: Um gesellschaftliche Teilhabe, um die Identität als erwachsener Mensch, um sinnvolles Tun und darum, Teil gesellschaftlicher Prozesse zu sein. Und berufliche Bildung? Die ist davon untrennbar, denn sie bedeutet Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten durch und in der Arbeit.
Allerdings: Nach der gesetzlichen Definition ist die Teilhabe am Arbeitsleben Menschen mit komplexen Behinderungen eigentlich nicht zugänglich. Trotzdem gehen immer mehr Tagesförderstätten und Förder- und Betreuungsbereiche dazu über, genau diese Möglichkeit zu erschließen.
Erst das Bedürfnis, dann der Bedarf
Die Frage Leistungsträger bei der Hilfeplanung lautet grundsätzlich: Was ist der Bedarf? Hier wird es spannend, denn Dr. Keeley stellte klar: Diese Frage ist zweitrangig. Zuerst geht es um das Bedürfnis der Nutzerinnen und Nutzer – also das, was die Person selbst möchte, braucht und wohin sie sich entwickeln will. Der Bedarf kommt dann als Ausgestaltung und Versachlichung hinterher. Das Bedürfnis ist grundlegend. Aber gerade bei Menschen mit komplexen Behinderungen ist es eine echte Herausforderung, die Bedürfnisse zu erheben und herauszufinden, was jemand wirklich braucht und will. Menschen brauchen verschiedene Wahlmöglichkeiten und eine besondere Unterstützung, um diese zu erkennen, zu erfahren, weiterzuentwickeln und umzusetzen.
Das GPS-Projekt: Gemeinsam Perspektiven schaffen
Genau hier setzt ein Forschungsprojekt an, das Dr. Keeley leitet: GPS – Gemeinsam Perspektiven schaffen. Das Ziel: Bedürfnisse und Bedarfe in Werkstätten und Förderstätten zu ermitteln und Methoden zu entwickeln, die das überall möglich machen. Das Projekt läuft in Kooperation mit der BAG WfbM, wie der stellvertretende Geschäftsführer der BAG, Konstantin Fischer, unterstrich.
Dr. Keeley präsentierte bereits ein erstes Ergebnis: zwölf Bedürfniskategorien, die ermittelt wurden. Ein zweiter Aspekt des Projektes ist die Identifizierung von Erfahrungs- und Erlebnisräume für Arbeit und Bildung. Diese Erfahrungsräume sind gleichzeitig die Bildungsräume, die die Aufnahme von Arbeit und Tätigkeiten ermöglichen und erweitern.
Parallele Workshops: Von Technologie bis Sozialraum
Nach diesem Input teilten sich die Teilnehmenden auf verschiedene Workshops auf, die bereits gefundene Lösungen präsentierten:
- Empowerment durch Technologie: Wie können digitale Assistenzsysteme und KI in Tätigkeiten einbezogen werden?
- Kooperation schaffen: Wie gestaltet man Übergänge zwischen Förderstätte und Werkstatt?
- Wahlmöglichkeiten bereitstellen: Wie leitet man vielfältige Angebote aus den Bedürfnissen der Teilnehmenden ab?
- Sozialraum erschließen: Wie organisiert man Arbeitsangebote außerhalb der Einrichtung?
- Berufliche Bildung: Wie stellt man diese Möglichkeiten bereit?
In einer anschließenden Runde vertieften die Teilnehmenden diese Themen und brachten ihre eigenen Fragen, Probleme und Lösungen ein.
Arbeitsphase: Vom Konzept zum Plan
Nach den Inputs und ihren Vertiefungen begann die die Arbeitsphase. In kleinen Gruppen oder einzeln erarbeiteten alle ihr eigenes Thema: Was möchte ich in meiner Einrichtung weiterentwickeln? Welche Schritte sind dafür nötig? Die Veranstalter clusterten zum Ende des ersten Veranstaltungstages die eingebachten Projektideen und bildeten daraus Oberthemen.
Am zweiten Tag entstanden aus dieser Systematik Arbeitsgruppen mit ähnlichen Eentwicklingsideen. Sie tauschten sich aus, diskutierten, konkretisierten und stellten ihre Ergebnisse danach in einer besonderen Rollenspielrunde vor: Mitglieder anderer Gruppen bewerteten die Vorhaben, Euphoriker arbeiteten die Vorzüge heraus, Kritiker die Nachteile, Realisten bewerteten pragmatisch. Aufgrund dieser Anregungen überarbeiteten die Gruppen ihre Konzepte noch einmal und präsentierten die fertigen Ergebnisse dem Plenum.
Die Ergebnisse: Eine Vielfalt von Projekten
Die Ergebnisse waren beeindruckend:
- Eine Gruppe will gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen Strukturen für Arbeits- und Bildungsangebote schaffen, Bedürfnisse ermitteln und Wahlmöglichkeiten bereitstellen.
- Mehrere Gruppen fokussieren auf sozialräumliche Teilhabe – bedarfsgerechte Angebote außerhalb der Einrichtung schaffen und die Tagesförderstätte im Alltag sichtbar machen.
- Eine Gruppe konkretisiert die Bedürfniserhebung, strebt dabei die Zusammenarbeit mit dem GPS-Projekt an und will dessen Ergebnisse nutzen.
- Empowerment durch digitale Hilfen steht auf einer weiteren Agenda.
- Mehrere Gruppen wollen Übergänge zwischen Tagesförderstätte und Werkstatt gestalten und Durchlässigkeit herstellen.
- Eine größere Gruppe aus einer Einrichtung will die bisherige Trennung zwischen Tagesförderstätte und Werkstatt aufheben und ein gemeinsames Konzept erarbeiten. Sie nutzte die Tagung, um das Vorhaben durchzuplanen und „schon am nächsten Tag mit der Umsetzung zu beginnen“.
- Ambitioniert: Eine Gruppe will Wissen und Methoden im Zusammenhang mit Bildung und Arbeit sammeln und teilen, am besten über eine bestehende Plattform. Die Überzeugung: Damit lassen sich viele Ressourcen einsparen.
Fazit: Der gute Auftakt
Am Ende stand die Frage: Was kann ich aus den erarbeiteten Konzepten für meine Einrichtung mitnehmen? Wie muss ich es anpassen?
Alles in allem war dies eine intensive Tagung mit vielen Arbeitseinheiten, viel Austausch und mit Ergebnissen, die tatsächlich Einfluss nehmen können auf die Arbeit vor Ort. Die Rückmeldungen zeigten: Diese Mischung aus Information und Projektarbeit hat genau die Bedürfnisse der Teilnehmenden getroffen. Wie es eine Teilnehmerin auf den Punkt brachte: „Dies war ein guter Auftakt, sich zu sortieren und die Weiterentwicklung zu planen. Die eigentliche Arbeit liegt aber noch vor uns."
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