Wie die Schleswiger Werkstätten Arbeit für Menschen mit Autismus gestalten
Rückblick auf einen Einblick in die Praxis von InsideAut

Wie kann Werkstattarbeit für Menschen mit Autismus gelingen und wie viel Spezialisierung braucht es dafür? Darum ging es im Online-Seminar „Werkstattarbeit für Menschen mit Autismus – Praxisideen für ein eigenes Konzept“, zu dem 53° NORD am 17. September in der Reihe „Einblicke in die Praxis“ eingeladen hatte. Florian Nickel, langjähriger Leiter des Bereichs, und die Autismusfachkraft Navina Borchert stellten per Zoom das Fachzentrum InsideAut der Schleswiger Werkstätten vor.
Vom Sonderbereich zum Fachzentrum
InsideAut wurde nicht als reine Autismusabteilung geplant, sondern ist gewachsen. Ab 2018 entstand ein erstes Konzept, das Menschen mit einem besonderen (sprich höheren) Betreuungsbedarf und Menschen aus dem Autismusspektrum in einem Bereich zusammenzufasste. Beide Gruppen profitieren von den genannten methodischen Ansätzen. Aus dem klassischen Förderbereich wurde ein „Fachbereich für besondere Betreuung“ mit der Spezialisierung auf Autismus.
Heute stehen 30 Plätze in einem eigens eingerichteten Gebäude zur Verfügung; etwa ein Drittel der Beschäftigten sind Menschen im Autismus-Spektrum. Florian Nickel: „Wir sind überzeugt, dass eine reine Autismus-Einrichtung der falsche Weg wäre.“
Die Konzeption richtet sich an Menschen, die von Strukturierung, Reizreduktion und angepasster Kommunikation profitieren. Eine Diagnose allein ist weder Aufnahmegrund noch Ausschlusskriterium; entscheidend sind der individuelle Unterstützungs- und Teilhabebedarf sowie eine einzelfallbezogene Risiko- und Passungsprüfung. Vorausgesetzt werden Gruppenfähigkeit und ein Mindestmaß an wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung. Grundlage sind die §§ 58 und 219 SGB IX.
Struktur, die Orientierung gibt
Arbeitsplätze und Räume sind nach TEACCH-Kriterien gestaltet: mit Tages- und Wochenplänen, Piktogrammen, Timern, gekennzeichneten Funktionsbereichen und in Teilschritte gegliederten Arbeitsabläufen. Alles zielt auf Regelmäßigkeit und Vorhersehbarkeit. Unterstützte Kommunikation, von Gestik und Gebärden bis zu Tablets und Sprachausgabegeräten, gilt als Grundlage von Selbstbestimmung und Krisenprävention. Wer überfordert ist, findet Rückzug im Raum der Stille; nach Krisen werden Auslöser reflektiert und Rahmenbedingungen angepasst.
Gearbeitet wird an Kundenaufträgen insbesondere aus dem Verpackungsbereich, aber auch an Eigenprodukten, ergänzt durch individuelle Bildungs- und Entwicklungsangebote. Rund 30 Prozent der Beschäftigten nutzen Teilzeitregelungen. Es gibt drei Gruppen mit je einer Gruppenleitung und einer Betreuungsassistenz. Eine dauerhafte Einzelbetreuung durch Stammpersonal ist nicht vorgesehen; aktuell wird eine Person über Sonderregelung mit dem Kostenträger finanziert.
Die Autismusfachkraft als Schlüsselfigur
Besonders aufschlussreich war der Blick auf die Rolle der Autismusfachkraft Navina Borchert. Ihr Arbeitsplatz ist bei InsideAut angesiedelt, zuständig ist sie aber für alle Menschen im Autismus-Spektrum in den Schleswiger Werkstätten mit ihren rund 900 Beschäftigten. Diese setzen nicht allein auf die spezialisierte Gruppe InsideAut, sondern ermöglichen mit fachlicher Beratung auch Arbeitsplätze für diesen Personenkreis in anderen Werkstattbereichen. Borscherts Zuständigkeitsbereich reicht über die reine Diagnose „Autismus“ hinaus: Auch ADHS, Traumata, Zwänge und andere Formen von Neurodiversität gehören dazu, nicht alle Personen haben eine eindeutige diagnostische Abklärung.
Zu ihren Aufgaben zählen Beratung und Schulung der Fachkräfte, Netzwerkarbeit, Einzelangebote und Coaching, psychoedukative Angebote, Prävention und Dokumentation. Aus zwölf Jahren Erfahrung hat sie eigene Instrumente entwickelt: Formulare für Diagnostik und Abklärung, Anamnesematerial, Vorlagen für Kommunikationsprofile, Gesprächsleitfäden oder eine Möglichkeit zur Früherkennung von Reizüberflutung in Krisen. Ihre Schulungen werden auch von anderen Werkstätten, Schulen und Wohneinrichtungen gebucht.
Gesamteindruck
Wie das Seminar zeigte, ist den Schleswiger Werkstätten etwas Vorbildliches gelungen: Sie verbinden ein festes Spezialangebot mit flexiblen Angeboten in den regulären Werkstattbereichen. Überbrückt und zusammengehalten wird beides von der Autismusfachkraft, die zwischen Fachzentrum, Gruppen und Beschäftigten vermittelt. Entscheidend ist, dass die Werkstatt selbst über die nötige Fachlichkeit verfügt, um Menschen mit Autismus und benachbarte Personenkreise, etwa Menschen mit ADHS, Schädel-Hirn-Traumata und anderen Diagnosen aus dem Bereich der Neurodiversität bedarfsgerecht zu unterstützen. Als Praxisidee für andere Werkstätten ist dieses Zusammenspiel eine wichtige Anregung.
Zurück zur Artikelübersicht
