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Zu viel Schonraum, zu wenig Herausforderung?

Brauchen Werkstätten für behinderte Menschen einen Kurswechsel?

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 30. Juni 2026 |  Katrin Euler | Textbeitrag

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Werkstätten bieten Rahmenbedingungen, die sich deutlich vom allgemeinen Arbeitsmarkt unterscheiden. Es gibt in WfbM keine Leistungspflicht, Aufgaben und Anforderungen werden gezielt an die Person angepasst, Arbeitsabläufe flexibel und individuell gestaltet. Auch die geregelte Arbeitszeiten, in der Regel ohne Schicht- oder Wochenendarbeit, schaffen Verlässlichkeit. Pausen sind großzügiger und können bei Bedarf individuell angepasst werden. In der Summe entsteht ein stabilisierender und beschützender Rahmen, der für viele Menschen die Voraussetzung für eine nachhaltige Teilhabe am Arbeitsleben schafft.

Gleichzeitig aber stellt sich in der Diskussion um mehr Übergänge in den allgemeinen Arbeitsmarkt zunehmend die Frage, ob durch diese stark strukturierenden und unterstützenden Settings nicht auch die Motivation sinkt, sich neuen, unsichereren Herausforderungen zu stellen. Entsteht so eine gewissen Bequemlichkeit, die Veränderung erschwert? Wenn zentrale Entscheidungen, Arbeitsorganisation und Entwicklungsimpulse überwiegend durch die Institution gesteuert werden, können Spielräume für eigene Erfahrungen von Wirksamkeit, Risikoübernahme und individueller Gestaltung eingeschränkt bleiben. Braucht es nicht nur Schutz und Stabilität, sondern auch konsequent Räume für Empowerment und eigenverantwortliches Handeln?

 

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Andreas Sperlich, Geschäftsführer der USE Berlin

Contra: Die Menschen wissen ganz genau, was sie wollen und können

Andreas Sperlich, Geschäftsführer der USE Berlin

Häufig wird behauptet, Werkstätten wären eine große Wohfühloase. Dort sei es so kuschelig, dass niemand mehr heraus möchte. Die Träger von Werkstätten täten deshalb alles, um dieses Gefühl aufzubauen und zu verstätigen, damit möglichst viele sich dort wohlfühlen und nicht auf die Idee kommen, andere Wege zu gehen.

Schaut man genauer hin, dann ist die Werkstatt nicht so attraktiv, wie man es erscheinen lassen will. Die berufliche Bildung in Werkstätten ist wenig anerkannt und findet sich trotz immenser Anstrengungen im Deutschen Qualifizierungsrahmen bis heute nicht wieder. Das in seiner Höhe zurecht viel kritisierte Arbeitsentgelt kann diesen Wohlfühleffekt ebenfalls nicht erzeugen. Die Arbeit selbst wird von den Werkstattkritikern ja auch häufig als wenig attraktiv und herausfordernd bezeichnet, so dass auch dadurch der Schonraum wohl nicht entstehen kann. Es wird den Werkstattbeschäftigten auch nicht gerecht, zu behaupten, sie würden über Ihre Zukunft nicht selbstbewusst entscheiden. Sie kennen durchaus ihre Möglichkeiten und fordern das auch über ihre Selbstvertretungen entsprechend ein. Trotzdem bleiben die Übergänge auf den Arbeitsmarkt hinter den allgemeinen Erwartungen zurück.

Sind dafür die Werkstätten verantwortlich, weil sie zu wenig Herausforderung und zu viel Schonraum anbieten? Bei den oben beschriebenen vermeintlich wenig attraktiven Rahmenbedingungen, was Bildung, Bezahlung und Arbeitskontext betrifft, muss es eher andere Gründe geben, warum sich viele Menschen mit Behinderung für eine Arbeit, Bildung und Teilhabe in einer Werkstatt entscheiden. Viele Werkstattbeschäftigte wissen über eigene Erfahrungen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt, wie das Arbeitsklima anderswo häufig ist. Sie wissen auch genau, welche Rolle sie in anderen Unternehmen spielen und wie wenig Respekt und Wertschätzung für das Geleistete dort häufig ausgesprochen wird.

Warum also sollen sich ausgerechnet die Werkstätten dafür entschuldigen, dass bei ihnen ein wertschätzender und von Augenhöhe geprägter Umgang gepflegt wird? Liegt nicht gerade hier ein Schlüssel dafür, warum Menschen mit Behinderungen diesen Ort für sich als geeignet wählen? Besonders für Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung ist ein beständiger, empathischer beruflicher Rahmen wichtig, um stabil zu bleiben. Das ist nicht Schonraum oder mangelnde Herausforderung, sondern gelebter inklusiver Umgang und einfach ein gutes Angebot!

Wir sollten aufhören, die Entscheidung von Menschen für eine Tätigkeit in einer Werkstatt zu kritisieren, sondern sie als solche ernst nehmen! Unsere Aufgabe ist es, die Rahmenbedingungen in den Werkstätten für Bildung, Arbeit und Teilhabe zu verbessern. Dazu gehören bessere und anerkannte Bildungschancen, ein höheres Entgelt, attraktivere Arbeitsangebote und eine intensive Unterstützung beim Übergang auf den Arbeitsmarkt. Das Leisten Werkstätten schon heute und fordern Menschen mit Behinderungen damit eher heraus, als dass sie geschont werden.

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Dirk Gerstle, Geschäftsführer der BWB Berlin

Pro: Wohlfühlen reicht nicht, Werkstätten müssen Motor für Veränderung sein

Dirk Gerstle, Geschäftsführer der BWB Berlin

Werkstätten werden gerne mal als Wohlfühloasen bezeichnet – was die Motivation zum Wechsel (auf den allgemeinen Arbeitsmarkt) in der Folge gering halten würde. Ich möchte auf diese Bewertung und Schlussfolgerung hier nicht inhaltlich eingehen, da es den Rahmen sprengen würde. Richtig ist unzweifelhaft, dass ich weniger Wechselmotivation habe, wenn ich mich bei meinem Arbeitgeber wohl fühle. Und wenn bei Befragungen zur Mitarbeiterzufriedenheit in den Werkstätten sehr hohe Zufriedenheitswerte erreicht werden, entsteht (viel)leicht der Eindruck „Alles ist gut, wir müssen nichts ändern“. Wenig Veränderung, wenig Herausforderung durch Neues – das ist für alle Beteiligten bequem, eingespielte Abläufe und Teams - alles vertraut.

Aber wer immer das tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist. Deshalb sind wir in den Werkstätten gefordert, auch bei hohen Zufriedenheitswerten uns immer wieder zu hinterfragen, ob und was wir tun können, um den Menschen mit Behinderung (noch) mehr Appetit auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu machen.

Das Selbstverständnis der BWB ist, dass wir „Wegbereiter und Wegbegleiter“ im Arbeitsleben sind. Es ist unsere Aufgabe, regelmäßig zu prüfen, ob es neue Wege gibt, die für die Mitarbeitenden neue Perspektiven eröffnen. Neue Wege erfordern immer auch Mut – Mut sie zu erkunden, Mut sie zu gehen. Insbesondere wenn der bisher bekannte Weg so schön bequem war. Was, wenn dann bisher unbekannte Hindernisse kommen? Das ist dann tatsächlich alles andere als die bisherige „Komfortzone“.

Veränderung ist nicht gleichbedeutend mit der Aufgabe unseres Anspruchs, für unsere Beschäftigten individuell behinderungsgerechte Arbeitsbedingungen zu schaffen. Im Kontext dieses Anspruchs sind wir mehr denn je gefordert, selbst nicht zu leicht zufrieden zu sein. Wir können als Werkstätten für uns in Anspruch nehmen, über vertiefte Kenntnisse und große Erfahrung zu den Anforderungen und Möglichkeiten behindertengerechter Arbeitsplätze und Arbeitsprozesse zu verfügen. Die Steuerung von Arbeitsabläufen und Belastungen unter Berücksichtigung individueller behinderungsbedingter Erfordernisse ist für uns Alltag, für andere wenig vertraut. Wenn es uns gelingt, dieses Wissen an andere zu vermitteln, es dort zur Anwendung kommt und Beschäftigte feststellen, dass sie gut angenommen und begleitet sind, dann fördern wir bei mehr Menschen die Motivation, sich anders auszuprobieren. Und geben ihnen die Chance, durch den Vergleich auf der Basis aktueller Erfahrung eine Entscheidung zu treffen.

Dies setzt bei vielen Beteiligten eine Änderung voraus. Insbesondere bei potentiellen Arbeitgebern bzw. auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ist hier noch viel (mehr) zu tun als in den Werkstätten selbst. In den Werkstätten gibt es Möglichkeiten, noch stärker zum Wegbereiter zu werden, der neue Wege findet und animiert, diese zu gehen. Auch indem jeder einzelne vorlebt, dass Veränderung durch neue Wege gewinnbringend sein kann.

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