Zwischen Werkstattstatus und Theaterbühne
Ein Buch über Inklusion, Selbstbestimmung und künstlerische Arbeit

Klabauterin Emily Willkomm
Emily Willkomm war in den 1990er Jahren als Kind mit ›schwerer Mehrfachbehinderung‹ in einer Integrationsklasse. Nun ist sie mit Mitte 40 Ensemblemitglied des Theaters Klabauter in Hamburg. Durch ihr Leben zieht sich die Angewiesenheit auf Resonanz – und die Konfrontation mit Ignoranz. In diesem Band werfen diverse Menschen aus vielfältigen Perspektiven Blicke auf Emilys Gegenwart und Aspekte ihres Lebenswegs – auf ihr soziales Umfeld, ihren Bildungsweg, auf Wohnen und Freizeit sowie auf sie als Schauspielerin.
Buchrezension
Der Buchtitel schafft Aufmerksamkeit und polarisiert: Klabauterin Emily Willkomm – Leben, Lernen und künstlerisches Tätigsein zwischen inklusiver Resonanz und exklusiver Ignoranz. Wer das Buch in die Hand nimmt, ist schnell gefesselt und wird es kaum nach wenigen Seiten wieder aus der Hand legen. Die Publikation erzählt die Lebensgeschichte von Emily Willkomm und eröffnet zugleich einen vielschichtigen Blick auf die Möglichkeiten und Grenzen von Inklusion in Deutschland.
Die Besonderheit des Buches liegt in seiner Perspektivenvielfalt. Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter aus Familie, Schule, Freundeskreis, Wohnumfeld und Arbeitsleben schildern ihre Erfahrungen mit Emily Willkomm und zeichnen so das Bild eines Lebens, das von Beharrlichkeit, Entwicklung und dem Anspruch auf selbstverständliche Teilhabe geprägt ist. Die unterschiedlichen Stimmen ergänzen sich zu einem lebendigen Gesamtbild und machen deutlich, dass Inklusion nie das Werk Einzelner ist, sondern immer im Zusammenspiel vieler Menschen entsteht.
Besonders eindrucksvoll sind die Kapitel über Emilys Tätigkeit am Hamburger Klabauter Theater. Seit vielen Jahren steht sie dort als Schauspielerin auf der Bühne und prägt die Arbeit des Ensembles mit. Das Theater nimmt innerhalb der deutschen Inklusionslandschaft eine besondere Stellung ein: Es verbindet professionelle künstlerische Arbeit mit Strukturen der beruflichen Teilhabe. Die Schauspielerinnen und Schauspieler arbeiten beim Träger Rauhes Haus in einem Rahmen, der an die Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben angelehnt ist. Die ungewöhnliche Konstruktion wirft Fragen auf, die über den Kulturbereich hinausreichen. Wo verläuft die Grenze zwischen beruflicher Rehabilitation und professioneller Beschäftigung? Welche Anerkennung erfährt künstlerische Arbeit von Menschen mit Behinderung? Und welche Strukturen braucht es, damit Talente unabhängig von einer Behinderung sichtbar werden können?
Gerade diese Fragen machen das Buch auch für Fachkräfte aus Werkstätten für behinderte Menschen, Integrationsdiensten und anderen Bereichen der beruflichen Teilhabe lesenswert. Anstatt theoretische Konzepte zu diskutieren, zeigt die Publikation anhand eines konkreten Lebenswegs, wie Teilhabe gestaltet werden kann und welche Bedeutung Bildung, Kultur und persönliche Beziehungen dabei haben.
Klabauterin Emily Willkomm ist deshalb weit mehr als eine Biografie. Das Buch lädt dazu ein, vertraute Sichtweisen auf Behinderung, Arbeit und gesellschaftliche Zugehörigkeit zu hinterfragen. Wer sich mit Inklusion beschäftigt, findet hier keine Patentrezepte, wohl aber zahlreiche Denkanstöße und ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie ein selbstbestimmter Lebensweg trotz vieler Hindernisse gelingen kann.
Dorothea Willkomm | Ines Boban |Andreas Hinz (Hrsg.)
Klabauterin Emily Willkomm
Leben, Lernen und künstlerisches Tätigsein zwischen inklusiver Resonanz und exklusiver Ignoranz
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