„Ich war so gut, dass der Bürgermeister gesagt hat, ich soll bleiben"
Persönliche Zukunftsplanung macht Zukunft möglich

Lisa K. wusste genau, was sie wollte: „Ich wollte Polizistin werden, weil meine Schwester das auch macht. Schießen wollte ich lernen, und Selbstverteidigung." Doch sie hatte auch noch eine andere Idee: „Im Kindergarten arbeiten, weil ich gern was mit Kindern mache. Das ist auch eine Leidenschaft."
Lisa, Werkstattbeschäftigte im Berufsbildungsbereich einer hessischen Lebenshilfe-Werkstatt, stand vor einer wichtigen Entscheidung. Doch anders als in den üblichen Berufswegekonferenzen, in denen Experten zahlenmäßig überlegen sind und das Heft des Handelns in der Hand haben, ging es bei Lisa um etwas anderes: um ihre eigene Zukunft, ihre Träume, ihre Entscheidungen.
Eine Planung bei Kuchen und in vertrauter Atmosphäre
Die Planungssitzung fand bei Lisa zu Hause statt. „Meine Eltern und meine Großeltern waren dabei, mein Onkel und noch eine Tante von mir, und mein Patenonkel. Die kennen mich alle gut. Dann kamen auch meine Betreuer von der Lebenshilfe, und eine Moderatorin. Von früher war meine Lehrerin dabei und Freunde und Bekannte. Es war eine schöne Atmosphäre. Meine Betreuerin hat einen Kuchen gebacken und wir haben den Tisch schön gedeckt. Auf dem Kuchen stand ‚Lisas Planung'."
Was hier geschah, war eine Persönliche Zukunftsplanung, ein personenzentrierter Planungsansatz, der Menschen dabei unterstützt, ein selbstbestimmtes, sinnerfülltes Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Im Mittelpunkt steht nicht die Anpassung der Person an bestehende Angebote, sondern die Ausrichtung von Unterstützungsstrukturen an den individuellen Wünschen, Stärken und Lebenszielen.
Bei Lisa ging es nicht nur ums Arbeiten: „Wir haben besprochen, wie ich leben will. Auf einem Bauernhof mit meiner Familie und meinen Freunden. Das wär' mein Traum, und mit vielen Tieren. Dann gab es noch andere Träume: eine Reise nach Paris, einen Motorradführerschein machen und einen Freund finden."
Vom Traum zur Wirklichkeit, Schritt für Schritt
Das Besondere an der Persönlichen Zukunftsplanung: Träume dürfen Träume sein. Sie werden nicht sofort bewertet oder als unrealistisch abgetan. Stattdessen wird gemeinsam geschaut, was davon verwirklicht werden kann. Bei Lisa erwies sich vieles als möglich: „Ich spiele einmal in der Woche Theater, das macht Spaß. Wir sind auch schon mal im Stadttheater aufgetreten. Außerdem mache ich Yoga. Und gereist bin ich auch, ich war schon überall."
Doch der entscheidende Durchbruch gelang ihr bei der Berufswahl. Sie legte sich auf die Arbeit mit Kindern fest. „Nach der Planung habe ich zwei Praktika in Kindergärten gemacht, und im dritten hat es dann endlich geklappt: Dort habe ich eine feste Stelle bekommen. Ich war so gut, dass der Bürgermeister nach dem Praktikum gesagt hat, ich soll bleiben."
Heute arbeitet Lisa in der Hauswirtschaft des Kindergartens: „Die Arbeit macht Spaß, ich bin da am richtigen Ort. Ach ja, und Paris, das kommt auch noch."
Expertentum überwinden, Selbstbestimmung ermöglichen
Lisas Geschichte zeigt beispielhaft, was Persönliche Zukunftsplanung bewirken kann: einen Perspektivwechsel von „Versorgung" zu Ermöglichung, von fremdbestimmten Angeboten zu selbstgestalteten Lebenswegen.
Die Behindertenhilfe tut sich traditionell schwer damit, ihre Rolle des fürsorglichen Expertentums abzustreifen. In typischen Berufswegekonferenzen sitzen junge Menschen mit Behinderung oft einer Übermacht von Fachleuten gegenüber: Lehrkräfte, Vertreter der Arbeitsagentur, der Werkstatt, dazu die Eltern. Die Experten haben aufgrund ihres zahlenmäßigen Übergewichts und ihres besseren Überblicks das Heft des Planens in der Hand.
Die Persönliche Zukunftsplanung dreht dieses Verhältnis um. Sie macht die Person zum Experten in eigener Sache und gibt ihr die nötige Zeit zur Entwicklung ihrer Ziele. Den Fachleuten kommt die Rolle der Unterstützer zu, die im Suchprozess und bei der Umsetzung behilflich sind.
Was die Methode auszeichnet
Die Persönliche Zukunftsplanung folgt klaren Prinzipien: Die planende Person bestimmt Inhalte, Tempo und Zielrichtung. Ausgangspunkt sind nicht Defizite, sondern Fähigkeiten, Interessen, Lebenserfahrungen und Träume.
Ein wesentliches Merkmal ist die aktive Einbindung eines persönlichen Unterstützerkreises aus Familie, Freunden, Kollegen und Fachkräften. Dieser Kreis trägt Mitverantwortung für die Umsetzung der Ziele. Die Planung erfolgt häufig mit grafischen Darstellungen, Symbolen und Farben. Dies erleichtert Verständlichkeit und emotionale Bindung.
Aus der Zukunftsvision werden realistische Teilziele, klare nächste Schritte, Zuständigkeiten und Zeitpunkte entwickelt. Die Planung ist dynamisch und wird regelmäßig überprüft und angepasst.
Fortbildung: Werkzeugkoffer für den Alltag
53° NORD bietet aktuell zwei praxisorientierte Fortbildung an, die das Thema persönliche Zukunftsplanung als zentralen Teil der Bildungsplanung mit aufnehmen.
Am 4. und 5. März 2026 in Kassel die „Werkzeugkoffer für den Alltag – Persönliche Zukunftsplanung praktisch nutzen". Referentin ist Carolin Emrich, Dipl. Behindertenpädagogin mit langjähriger Berufserfahrung.
Am 13. Und 14. April 2026 ebenfalls in Kassel „Personenzentrierung als Auftrag des neuen Fachkonzepts. Methoden und Haltung in der Bildungs- und Entwicklungsplanung im EV/BBB“. Referentin ist Susanne Müller, langjährigen Mitarbeiterin bei der Hamburger Arbeitsassistenz ist sie eine Fachfrau im Themengebiet Weiterentwicklung der beruflichen Teilhabemöglichkeiten.
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