Artikel

Irgendwann is‘ ja auch mal gut mit Hitler!

Ein Gastkommentar aus aktuellem Anlass der (politischen) Diskurse in Deutschland

Bild Irgendwann is‘ ja auch mal gut mit Hitler!

 07. Dezember 2025 |  Pascal Wink | Textbeitrag

  Kostenfreie Artikel, Gastbeitrag

Ein Gespräch im Bekanntenkreis. Ich erzähle von der geplanten Eröffnung eines Euthanasie-Gedenkfensters an meinem Arbeitsplatz. Der Bahnsteig 42 ist ein Außenarbeitsplatz der Iserlohner Werkstätten für Menschen mit Behinderung im denkmalgeschützten Bahnhof Iserlohn-Letmathe (NRW). Neben einem CaféBistro und einem klassischen Bahnhofs-Kiosk ist hier auch die Redaktion des inklusiven Reportage- und Lifestyle-Magazins „caput – Das etwas andere Magazin“ beheimatet. Euthanasie – die gezielte Tötung von Menschen mit Behinderung und/oder psychischer Erkrankung – ist seit jeher ein dauerhaft präsentes Thema. Im aktuellen Fall soll an Franz Trompeter, ein heimisches Opfer der NS-Euthanasie, erinnert werden. In Form eines Gedenkfensters. So weit die Fakten.

Ich erzähle dies unaufgeregt und wertfrei im größeren Bekanntenkreis, wir tauchen gemeinsam ein wenig in die Thematik rundum die zu jener Zeit sogenannten „Krankenmorde“ und die „Aktion T4“ ein – und schlagen anschließend einen Bogen zur aktuellen rechtsruckenden politischen Lage in Deutschland. Ein Teilnehmer der Gruppe kommentiert die Sachlage schließlich mit der Bewertung: „Na ja, irgendwann is‘ auch mal gut mit Hitler. Unsere Generation kann da ja mal nun gar nichts mehr zu!“ (Kurze Gedankenpause). „Ist doch klar, dass aktuell so viele AfD wählen. Das ist einzig und allein die Schuld der anderen Parteien und hat doch nichts mit Hitler zu tun!“

 

Stille.

 

Und zwar diese vor Bestürzung schreiende Stille, die zunächst niemand unterbrechen möchte.

Pädagogische Erklärungsansätze verpuffen an dieser Stelle, dicht gefolgt von diversen Stammtisch-Platituden, welche hier in der Aussage münden: „Man darf ja hier in Deutschland sowieso nichts mehr sagen, ohne, dass man sofort als Nazi tituliert wird!“

 

In dem Ort, wo nun unser Gedenkfenster als Mahnmal gegen das Vergessen geöffnet wurde, holte die AfD übrigens bei der letzten Kommunalwahl knappe 23 Prozent der Stimmen. Eine Partei, die – neben der offenbar schon gesellschaftsfähig gewordenen Nazi-Rhetorik – u.a. Inklusion als „Ideologieprojekt und Belastungsfaktor“ beschreibt, „von dem das Bildungssystem befreit werden müsse. Es sei ein Auslaufmodell, ein schwarzes Loch, eine Utopie, die zur großen Katastrophe führe!“

 

Kurz vor der eigenen Planung des Gedenkfensters besuchten wir die Euthanasie-Gedenkstätte Brandenburg an der Havel. Dort wurden Menschen mit Behinderung zu Tour-Guides ausgebildet. Ihr Credo: Wir berichten heute über die Geschichte an einem Ort, an dem wir selbst unter Hitler umgebracht worden wären.

 

Bei allen spürte man die latente Wut in ihren Worten, die gleichermaßen Antrieb ihrer Arbeit ist. Immer wieder die offenen Fragen: Wie konnte das passieren? Wieso hat keiner etwas getan?

Dann erzählten sie von Elvira Hempel, einem damals achtjährigen Mädchen, das nur durch einen Zufall kurz vor der Gaskammer umkehren konnte. In ihrer Biografie schreibt sie von den Machenschaften ihrer Peiniger und dem perfiden System der gezielten Tötungen.

Detailliert beschrieben werden in der Gedenkstätten-Ausstellung zudem u.a. die beiden Regime-Gegner Lothar Kreyssig, damals Vormundschaftsrichter im Ort und Kardinal von Galen, die die menschenverachtenden Strukturen recht früh erkannten. Als einziger deutscher Richter übrigens wandte sich Lothar Kreyssig gegen dieses Unrecht, unter anderem mit einer Strafanzeige gegen Reichsleiter Philipp Bouhler. Er verlor sein Amt und war zeitweise mit der Deportation in ein KZ bedroht. Nach dem Krieg war er an den Gründungen der Aktion Sühnezeichen und der Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt beteiligt.

Im Außengelände stehen noch die Überreste der Gaskammer. Der Ruß der Öfen auf der verklinkerten Rückwand haftet symbolisch für all diejenigen, die leider nicht mehr umkehren konnten. Jeden und jede aus dieser Gruppe hätte es an dieser Stelle treffen können.

 

Die Eröffnung unseres Gedenkfensters ist zwar gut besucht und dennoch überschaubar. Führende Politiker*innen fehlen. Dafür sind die Omas gegen Rechts als Großgruppe vor Ort. Sie sind kein Verein, politisch unabhängig und erhalten keine öffentlichen Mittel. Ihr wichtigstes Ziel: Die Erhaltung der Demokratie. Diese gerät aktuell erneut ganz schön ins Wanken.

 

Vieles, was noch vor ein paar Jahren nur hinter vorgehaltener Hand an Stammtischen gesagt wurde, ist heute bereits gesellschaftsfähig, wird auf der Straße gegrölt oder in den Kommentarspalten von Sozialen Netzwerken in einer Form niedergeschrieben, die einen gleichermaßen wütend und verzweifelt zurücklässt.

 

Meine Oma Anna hat immer gesagt: „Junge, so etwas wie Hitler darf nie wieder in Deutschland passieren – dafür seid ihr jetzt verantwortlich!“ Und ich dachte, wir hätten eine derartige Form der Mahnung nicht (mehr) nötig. Wie naiv – oder dachte ich einfach nur, gerade wir Deutsche hätten aus unserer eigenen Geschichte gelernt.

 

„Irgendwann ist ja auch ‘mal gut mit Hitler!“

Ich selbst war in Auschwitz, Dachau, Buchenwald, Hadamar, Brandenburg.

Was hätte ich damals gemacht, um die Demokratie zu retten?

Ich weiß es nicht.

 

Heute stehe ich – mehr denn je – aufrecht gegen jegliche Form rechter Gesinnung.

Doch was passiert, wenn sie mich bedrohen – meine Familie, meine Freunde?

Habe ich die Kraft, die Courage, ihnen stets die Stirn zu bieten, Widerstand zu leisten, laut zu sein? Was passiert nach den nächsten Kommunal- und Landtagswahlen – nach der nächsten Bundestagswahl? Das Vertrauen, das die aktuellen politischen Kräfte für ein Gleichgewicht sorgen, habe ich verloren.

 

Irgendwann muss ich dann meiner Oma Anna erklären, wie das alles noch einmal in Deutschland passieren konnte. Dann wird sie mich eventuell fragen, ob ich ihr nicht richtig zugehört hätte. Ob ihre Geschichten nicht deutlich und schrecklich genug gewesen wären.

Und ich muss ihr dann antworten, dass dies auch passieren konnte, weil viele Menschen 2025 der Meinung waren: „Irgendwann ist ja auch ‘mal gut mit Hitler!“ Meine Oma wird es nicht verstehen!

 

Pascal Wink ist Chefredakteur des Magazins caput – das auch über 53° NORD erhältlich ist, nämlich hier.

Zurück zur Artikelübersicht
Bild Irgendwann is‘ ja auch mal gut mit Hitler!

Bleiben Sie informiert

Abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter und bleiben Sie auf dem neusten Stand

Logo Evangelische Bank eGClaim Evangelische Bank eG

53° NORD wird gefördert durch Evangelische Bank

Die Evangelische Bank unterstützt die Inklusion von Menschen mit Behinderung, weil Diversität eine Bereicherung für unsere Gesellschaft und Ausdruck unserer christlich, nachhaltigen Grundeinstellung ist.

Erfahren Sie mehr