Mit inklusiver Arbeit die Zukunft gestalten
Wie Werkstätten sich öffnen und sichtbarer werden

Wettbewerb der Ideen
Stellen Sie sich vor: Sie haben 20 Minuten Zeit, um das Herzensprojekt Ihrer Einrichtung zu präsentieren. Ihre Kolleginnen und Kollegen aus anderen Werkstätten hören intensiv zu, wägen ab und entscheiden am Ende, welche vier der acht Projekte sich im kommenden Jahr auf einer großen Fachtagung in Frankfurt ausführlich vorgestellt dürfen. Genau diese besondere Atmosphäre entstand am 4. November 2025, als 53° Nord zusammen mit dem Verein UN-Konventionell e.V. zur Online-Veranstaltung „Mit inklusiver Arbeit die Zukunft gestalten" einlud.
Das Ziel: Raus aus der Nische, rein in die Stadt
Werkstätten für behinderte Menschen, Tagesförderstätten und andere Leistungsanbieter stehen vor einer gemeinsamen Herausforderung: Wie können wir stärker als bisher im Sozialraum sichtbar werden? Wie werden wir Teil eines vielfältigen Angebots an Arbeit, Beschäftigung und Bildung? Und vor allem: Wie tragen wir mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, zu einer wirklich inklusiven Gesellschaft bei?
Die acht eingeladenen Einrichtungen waren sehr unterscheidlich: Große etablierte Werkstätten mit ausgefeilten Öffnungsstrategien präsentierten sich neben kleinen und sogar sehr kleinen Einrichtungen. Eine Tagesförderstätte war dabei, ein anderer Leistungsanbieter und ein Inklusionsunternehmen. Was sie eint: der Wille, sich zu öffnen und Begegnung zu ermöglichen.
Begegnung schaffen – mit werkstatteigenen Mitteln
Die Ulrichswerkstätten Schwabmünchen, eine Zweigwerkstatt der CAB Caritas Augsburg mit 220 Plätzen, haben sich diese Begegnung auf die Fahnen geschrieben. Und zwar ohne Sonderprojekte, sondern mit dem, was eine Werkstatt mit einfachen Mitteln und viel Enthusiasmus leisten kann: Das werkstatteigene Kunstatelier veranstaltet inklusive Workshops mit nichtbehinderten Menschen. Die Bürger von Schwabmünchen können in der Werkstatt Konzerte besuchen, organisiert in Kooperation mit der örtlichen Buchhandlung. Räume werden für private Feiern vermietet, bei einem Werkstattbesuch begegnen sich im Arbeitsalltag Schulklassen und Werkstattbeschäftigte, zu besonderen Anlässen wie dem St. Patricks Day ist die Werkstatt Gastgeber eines Festes.
Trotz der Lage im Industriegebiet versteht sich die Werkstatt bewusst als Teil der Gemeinde – einladend und offen. Ein Beweis dafür, dass Inklusion nicht zwingend teure Projekte braucht, sondern vor allem Offenheit und Haltung.
Mitten im Zentrum: Präsenz zeigen, wo alle sind
Mehrere Werkstätten haben den Schritt in die Innenstädte gewagt. Das Behindertenwerk Main-Kinzig betreibt im Stadthof Hanau, einem Einkaufs- und Erlebniszentrum, eine Genusswerkstatt mit Kaffee, Schokolade und Feinkostartikeln sowie eine Tagesbar. „Wir müssen Kontakte im Sozialraum knüpfen und dahin gehen, wo alle sind", erklärt Pressesprecherin Dorothee Müller die Strategie. „Wir müssen selbst aktiv sein und uns als Teil der Gemeinde präsentieren."
Die Stiftung Liebenau kooperiert in St. Georgen im Schwarzwald mit dem Bürgerzentrum Roter Löwe und betreibt dort das inklusive Café Vielfalt. Arbeits- und Praktikumsplätze für Werkstattbeschäftigte sind dort entstanden, wo Menschen verschiedener Generationen und Kulturen zusammenkommen. Zusätzlich betreibt die Stiftung eine kleine Werkstatt nach dem Konzept der virtuellen Werkstatt: stadtnah und integrativ ausgerichtet.
Tagesförderung mitten im Laden
Die Lebenshilfe Gießen hat den üblicherweise für die Öffentlichkeit nicht sichtbaren Förderbereich radikal geöffnet: In der Gießener Innenstadt betreibt sie eine Tagesförderstätte mit dem Namen „Begegnungsladen PlusPunkt“. Die Ladenräume sind gleichzeitig der Gruppenraum für die Beschäftigten. Im Laden und mit Dienstleistungen für die Nachbarschaft, für Privatleute wie für Firmen, entstehen Sichtbarkeit, Kommunikation und sinnvolle Tätigkeiten für die Nachbarschaft.
Qualifizierung im eigenen Tempo
Die Isar-Würm-Lech-Werkstätten in Landshut und München verfolgen einen anderen Ansatz: Sie schaffen untere dem Titel „Freunde finden Wege“ Zugänge zum allgemeinen Arbeitsmarkt durch Ausbildungsgänge für werkstattberechtigte Personen - mit individualisierte Qualifizierungen im eigenen Tempo. Das Ziel: die Kreise und Gemeinden für gemeinsame Verantwortungsübernahme beim Übergang aus der Werkstatt in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu aktivieren.
Arbeiten auf dem Bauernhof
Einen speziellen Weg beschreitet das Netzwerk alma (Arbeitsfeld Landwirtschaft mit allen). Es schafft Teilhabemöglichkeiten mit Arbeitsplätzen auf dem Bauernhof. Nach Jahren als Projekt ist alma nun ein anderer Leistungsanbieter. Das Modell: Die Mitarbeiter des Hofes fungieren als Anleiter und erhalten dafür einen Teil des Kostensatzes. Unterstützt werden sie von alma-Fachfrauen, die ihre Expertise einbringen.
Gründerin Rebecca Kleinheitz bekennt freimütig: „Ich bin dem Inklusionsgedanken verpflichtet und habe eine kreative Form der Finanzierung gefunden: Das Geld für Anleitung und Begleitung kommt denjenigen zugute, die diese Aufgabe im Alltag auch übernehmen."
Der neue Name wird zum Programm: Neuausrichtung einer Werkstatt
Den größten Schritt unter den acht Einrichtungen wagte die Lebenshilfe Bad Kreuznach: Die ehemalige Werkstatt für Behinderte firmiert heute als Lebenshilfe ChancenZentrum. Der neue Name ist Programm: Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten für die Beschäftigten stehen im Zentrum. Der Fachdienst zur Integration in den Arbeitsmarkt heißt „ChancenSchaffen", die berufliche Bildung „ChancenBilden", und diese Bildungschancen beziehen sich auf Werkstattarbeit ebenso wie auf Arbeit in Betrieben.
Der Theorieanteil des BBB findet im „ChancenHaus“ statt, einem Gebäude im Zentrum von Bad Kreuznach mit Seminarräumen, die auch für andere Gruppen aus der Stadt buchbar sind. Dort gibt es auch einen Laden und ein Café. Ungewöhnliche Projekte wie die Übernahme der Huttentalfähre, einer traditionellen handgezogene traditionelle Fähre über die Nahe bei Bad Münster, runden das vielfältige Angebot ab.
Social Media aus der WfbM
Die Lebenshilfe Lüneburg-Harburg präsentierte schließlich ihr supersozial.projekt: eine Social-Media-Agentur, die mit und von Werkstattbeschäftigten betrieben wird. Mit einer dreijährigen Finanzierung aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und des Landes Niedersachsen versetzen zwei Kommunikationsdesigner und eine Fotografin die Beschäftigten in die Lage, Fotos, Videos und Social-Media-Contents zu erstellen.
Ab Januar 2027 will sich das Projekt am Markt etablieren und seine Fähigkeiten insbesondere Sozialunternehmen und sozialen Vereinen zur Verfügung stellen. Neben der eigenen Einrichtung arbeiten die Beschäftigten u.a. für die LAG Arbeit | Bildung | Teilhabe Niedersachsen.
Die Jury hat entschieden
Nach allen Präsentationen standen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor der schweren Aufgabe, vier der acht beeindruckenden Projekte auszuwählen. Die Entscheidung fiel auf:
- supersozial.projekt der Lebenshilfe Lüneburg-Harburg
- ChancenZentrum der Lebenshilfe Bad Kreuznach
- Netzwerk alma
- Begegnungsladen PlusPunkt der Lebenshilfe Gießen
Seien Sie in Frankfurt dabei!
Diese vier Projekte werden am 20. und 21. April 2026 auf einer Fachtagung in Frankfurt am Main ausführlich vorgestellt. Unter dem Titel „Mit inklusiver Arbeit die Zukunft gestalten – Wie Werkstätten sich öffnen und sichtbarer werden" werden die Veranstalter dort das Thema Öffnung und Sichtbarwerden von Einrichtungen der beruflichen Teilhabe vertiefen.
Freuen Sie sich auf informative Vorträge, Einblicke in die Praxis und vor allem auf einen intensiven Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, die eigene kreative Lösungen gefunden haben und planen Sie Ihren eigenen Weg in den Sozialraum. Interessentinnen und Interessenten können sich bereits jetzt für die Tagung anmelden.
Termin: 20.–21. April 2026
Ort: Frankfurt am Main
Veranstalter: 53° NORD in Kooperation mit UN-Konventionell e.V.
Thema:Mit inklusiver Arbeit die Zukunft gestalten – Wie Werkstätten sich öffnen und sichtbarer werden
Weitere Informationen und Anmeldung
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