Mitwirkung und Mitbestimmung: Warum sich der Aufwand lohnt
Ein Gespräch mit Dirk Bennemann von den Hellweg-Werkstätten, warum Beteiligung mehr ist als eine gesetzliche Pflicht.

Dirk Bennemann im Gespräch mit dem Werkstattsrat
Mitwirkung und Mitbestimmung gehören spätestens seit der Novellierung der Werkstätten-Mitwirkungsverordnung (WMVO) zum Alltag in WfbM. Vor 2017 besaßen Werkstatträte im Wesentlichen nur beratende Mitwirkungsrechte. Im Zuge der 1. Reformstufe des BTHG änderte sich dies grundlegend. Ziel war ein Systemwechsel hin zu mehr Selbstbestimmung und personenzentrierter Teilhabe. Um dies in den WfbM rechtlich zu verankern, wurden die Strukturvorschriften im SGB IX angepasst, was wiederum die Überarbeitung der WMVO nach sich zog.
Ressource Werkstattrat
Seitdem sind Werkstatträte – und mir ihnen auch die Frauenbeauftragte - gesetzlich verankert und mit Ressourcen hinterlegt. Sie sind fester Bestandteil der Organisation und vertreten die Perspektive der Beschäftigten – also genau die Perspektive, die im Zentrum von BTHG und UN‑Behindertenrechtskonvention stehen soll. Trotzdem zeigt die Praxis: Diese Perspektive wird häufig noch nicht konsequent als strategische Ressource genutzt. Doch wie viel Potenzial steckt tatsächlich in der Beteiligung von Werkstatträten? Und warum lohnt es sich, über gesetzliche Vorgaben hinauszudenken?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Seminar „Mitwirkung und Mitbestimmung in WfbM: Warum nicht gleich richtig?“ am 10./11. November 2026 in Kassel.
Einer der ersten Interessenten an dem Angebot war Dirk Bennemann von den Hellweg-Werkstätten aus Kamen. Im Gespräch berichtet er von seinen Erfahrungen aus der Praxis und davon, warum Beteiligung für ihn kein zusätzlicher Aufwand, sondern ein Gewinn für die gesamte Organisation ist.
Nicht nur informieren, sondern ernsthaft beteiligen
„Mitwirkung“ wird in vielen Einrichtungen zunächst als formaler Prozess verstanden: Informationen werden weitergegeben, Stellungnahmen eingeholt, Vorgaben erfüllt. Für Bennemann greift das zu kurz. „Wenn wir uns schon zusammensetzen und über die Themen reden, dann möchte ich die Werkstatträte als kompetente Mitdenkende und Partner dabeihaben.“ Seine Erfahrung: Dort, wo Werkstatträte frühzeitig beteiligt werden, entstehen oft bessere Lösungen. Nicht, weil sie alles anders sehen, sondern weil sie Dinge sehen, die andere übersehen.
Die Perspektive der Beschäftigten macht Angebote besser
Ein gutes Beispiel war das für ihn bei der Einführung einer neuen Entgeltabrechnung. Aus Sicht der Verwaltung war alles vorbereitet und quasi in Sack und Tüten. Der Werkstattrat machte jedoch auf ein Problem aufmerksam: Viele Beschäftigte würden die neue Abrechnung nicht verstehen. Die Lösung war einfach. Ein zusätzliches Erklärblatt sollte die wichtigsten Informationen erläutern. „Die Beschäftigten haben sofort gesagt: Da brauchen wir eine Erläuterung, eine Übersetzung.“
Das Ergebnis überraschte selbst die Mitarbeitenden der Verwaltung. Denn auch viele Fachkräfte hatten Schwierigkeiten, alle Angaben auf der Abrechnung zu verstehen. Die Idee des Werkstattrats half am Ende allen Beteiligten.
Beteiligung verbessert Entscheidungen
Darin liegt der eigentliche Wert von Mitwirkung. Werkstatträte bringen die Perspektive derjenigen ein, die die Angebote täglich nutzen. Sie stellen andere Fragen als Leitungen oder Fachkräfte. „Es geht um die Nutzerperspektive. Nicht nur um die des Anbieters.“ Ob Mittagessen, Arbeitsorganisation, Arbeitssicherheit oder Veränderungen in Arbeitsbereichen: Wer die Erfahrungen der Beschäftigten ernst nimmt, erhält oft Hinweise, die sonst fehlen würden.
Mitbestimmung entwickelt nicht nur die Organisation
Gleichzeitig beobachtet Bennemann noch einen weiteren Effekt. Menschen, die Verantwortung im Werkstattrat übernehmen, entwickeln sich weiter. Sie lernen, Positionen zu vertreten, Entscheidungen einzuordnen und ihre Interessen selbstbewusst zu formulieren. „Ich mache gerade die Erfahrung, wie stark der Werkstattrat Menschen macht.“ Aus seiner Sicht geht es deshalb nicht nur um Organisationsentwicklung, sondern auch um Persönlichkeitsentwicklung.
Selbstbewusstsein, Kommunikationsfähigkeit und Verantwortungsübernahme entstehen nicht durch theoretische Schulungen allein. Sie entstehen vor allem dann, wenn Menschen erleben, dass ihre Meinung tatsächlich etwas bewirkt. Und das verändert dann auch das Miteinander von Fachkraft und Beschäftigten.
Von der Fürsorge zur Partnerschaft
Die Auseinandersetzung mit dem Thema Mitwirkung und Mitbestimmung macht außerdem deutlich, wie sehr sich die Rolle von Werkstätten verändert hat. Früher stand häufig die Vorstellung im Vordergrund, Fachkräfte wüssten am besten, was gut für die Menschen sei, sie waren die Experten. Heute wird zunehmend gefragt, was Menschen selbst wollen und welche Erfahrungen sie selbst einbringen können. Sie selbst sind die Experten in eigener Sache. Für Bennemann ist das ein wichtiger Schritt. „Das ist heute auf jeden Fall anders als früher.“
Mitwirkung bedeutet dabei nicht, dass Fachkräfte ihre Verantwortung abgeben. Vielmehr geht es darum, Entscheidungsprozesse gemeinsam zu gestalten und unterschiedliche Sichtweisen einzubeziehen.
Warum lohnt es sich, dranzubleiben?
Auf die Frage, warum Werkstätten das Thema weiterentwickeln sollten, antwortet Bennemann ohne Zögern: „Mitbestimmung und Mitwirkung machen Entscheidungen transparenter. Nicht nur die Entscheidung selbst, sondern auch den Weg dahin.“
Wenn mehr Menschen beteiligt werden, entsteht mehr Verständnis für Entscheidungen. Gleichzeitig erhalten Leitungen einen besseren Einblick in die Bedürfnisse und Erfahrungen der Beschäftigten. Genau darin liegt vielleicht die wichtigste Erkenntnis: Mitwirkung und Mitbestimmung sind kein zusätzlicher Programmpunkt. Sie sind ein Instrument, mit dem Werkstätten ihre Angebote verbessern, Beschäftigte stärken und ihre Organisation weiterentwickeln können. Oder, wie Dirk Bennemann es am Ende des Gesprächs auf den Punkt bringt:
„Gespräche und das Einbeziehen von unterschiedlichen Perspektiven bringen einen immer weiter. Das ist kein Stillstand. Am Ende steht immer ein Erkenntnisgewinn. Auch, wenn wir weiterhin noch viel lernen können – beide Seiten“
Kontakt
Hellweg-Werkstätten
Evangelische Perthes-Stiftung e. V.
Dirk Bennemann
Übergangsförderung
Dirk.Bennemann@Perthes-Stiftung.de

