Ohne Moos nix los?
Anreize und Motivation in einer WfbM für psychisch erkrankte Menschen

Das Problem: Wer in der Werkstatt sitzt, hat faktisch ausgesorgt. Kann aber auch nichts mehr reißen. Man hat die Rente durch, das Ende der Fahnenstange erreicht, wurde aus dem Spiel genommen. So fühlt es sich jedenfalls an. Die klassischen Hebel für normalsterbliche Arbeitnehmer, sie fehlen gänzlich. Weder Verbesserung (Lohnsteigerung und Karriereaussichten) noch Verschlechterung (Abmahnung, Gehaltseinbußen, Jobverlust) sind in einer WfbM Instrumente zur Motivationssteigerung.
Für viele Beschäftigte, gerade für psychisch erkrankte Menschen ist dies zunächst eine spürbare Erleichterung: Sicherheit ohne Leistungsdruck. Im weiteren Verlauf kann jedoch ein Vakuum entstehen. Wenn mein Handeln keine Wirkmacht entfaltet, es also egal ist, ob ich mich anstrenge oder eben nicht, kann ein gewisses Phlegma entstehen, ein Verlust von Selbstwirksamkeit. Dieses Gefühl von Wirksamkeit jedoch, ist nicht nur für psychisch erkrankte Menschen ein enorm stabilisierendes Element. Hat mein Handeln keine Konsequenz, ist die Folge nicht Ruhe, sondern Lähmung: Antriebslosigkeit und Gleichgültigkeit schleichen sich ein, eine Trägheit, ein betreutes Leben, der Verlust von Sinn.
Die Lösung:
Es sollten alternative Hebel von „Auf“ und „Ab“ geschaffen werden, ohne dass die schützende Wirkung der Werkstatt verloren geht. Die klassische „Karriere“ kann man für unsereinen vielleicht sogar ganz anders definieren, im Sinne einer trotz allem gelungenen Biografie.
(Kleiner persönlicher Ausflug: Könnte man „Karriere“ nicht vielleicht umdeuten in ein erfolgreiches Krisenmanagement, einen gelungenen Umgang mit dem eigenen – schwer gefährdeten - Leben? Mit diesen nicht einfachen, druckvollen Umständen – kann eine Werkstatt nicht zentral hilfreich sein bei der Bewältigung dieses Schicksal?
Antwort: Ja, das war für mich so. Sehr hilfreich. Einerseits. Das Fehlen von Existenzdruck, das geregelte Leben, eine durchaus sinnvolle, anspruchsvolle Tätigkeit, das hat mir sehr geholfen. Andererseits waren da ein Stigma, das abgeschiedene Dasein, die Verwandlung von einem Subjekt in ein Objekt der Fürsorge. Das hat mir geschadet.)
Weiter im Text: Die vorhin angedeuteten Anreize dürfen nicht strukturell gefährden, müssen aber Wirkung schaffen. Hier geht es vor allem um Status, Wirkmächtigkeit, Sichtbarkeit und Biografiearbeit. Im folgenden nun ein paar Ideen, um mehr Wirkmacht zu entfalten.
1. Motivation durch sinnvolle Projekte
Viele Arbeitgeber schieben Projekte auf die lange Bank, die zwar nice to have wären, wofür ihnen aber Leute fehlen. (Datenbänke, Archive, Öffentlichkeitsarbeit, Umgang mit KI).
Werkstätten sollten gezielt solche Aufgaben einwerben. Beschäftigte, die mit solch wichtigen Aufgaben betraut würden, sollten Status und Lob erhalten – kein Gießkannenlob, sondern echte Anerkennung, vielleicht sogar mit einer kleinen finanziellen Belohnung verbunden. Es darf kein allzu großer Druck entstehen – viele psychisch erkrankte Menschen haben eine hohe intrinsische Motivation, kämpfen mit dem eigenen Anspruch. Doch sie freuen sich natürlich, wenn ihnen eine anspruchsvolle, schöne Aufgabe gelingt.
2. Die Aussicht auf Rückkehr in den allgemeinen Arbeitsmarkt
Hier geschieht m.E. viel zu wenig, und zwar viel zu viel zu wenig. Es müssen über Praktika und Außenarbeitsplätze echte Chancen für einen Übergang ins Berufsleben geschaffen werden, mit vertraglich geregeltem Rückkehrrecht. Das Sicherheitsnetz der Werkstatt muss intakt bleiben, aber man sollte sich ausprobieren können. Die Beschäftigten sollten hierbei nicht allzu lang auf einem Außenarbeitsplatz verbleiben ohne Aussicht auf einen regulären Arbeitsplatz, sonst besteht die Gefahr, dass Arbeitgeber das Werkstattsystem (und den Steuerzahler) ausnutzen.
3. Peerberatung
Die Peerberatung bietet ebenfalls eine echte Chance auf Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit und hier muss alles getan werden, um aus Objekten wieder Subjekte zu machen: Menschen, die anderen Menschen ihre Erfahrungen zur Verfügung stellen. Die Peerberatung ermöglicht nicht nur eine sinnvolle Aufgabe, sondern einen echten Karrieresprung,
Man könnte auch in der Werkstatt an einen Peer-Status durch Wissenstransfer denken, d.h.: Erfahrene Beschäftigte geben ihr Wissen weiter – nicht mit Lohn verbunden, aber ggfs. im Sinn einer anerkannten Rolle mit eigenem Titel -"Vorarbeiter", "Qualitätsbeauftragter" oder "Ausbilder-Assistent" – mit eigenem Bereich und gegebenenfalls einem sichtbaren Statussymbol wie einem eigenen Büro o.ä.
Durch die sichtbare Übertragung von Verantwortung und den Respekt der Kollegen und Kolleginnen wirkt dies fast stärker, als eine finanzielle Leistung, da der soziale Aufstieg in der Gruppe erlebt wird. Wichtig sind hier echte Entscheidungsbefugnis und Mitspracherecht – keine „Dutzi-Dutzi“ Mitsprache.
4. Der Werkstattrat
Eine lange von mir unterschätzte und abschätzig beurteilte Größe, die aber im Hinblick auf Status echte Power entfalten kann, echte Ämter innerhalb der WfbM ermöglicht und sogar ein Sprungbrett in die große Politik werden könnte.
5. Qualifizierung und Weiterbildung
Hier denke ich an Fachpraktikerausbildung oder IHKnahe weiterführende Qualifikationen, die Lob und Status verleihen und auf dem Weg nach draußen hilfreich sind. Kein Verbleib im Status Quo, sondern ein Dranbleiben am beruflichen Werdegang.
6. Der Steigerungsbetrag
Das ist aus meiner Sicht ein Instrument, das zu wenig genutzt wird, aber echte finanzielle Anreize bietet. Ein Gespräch im Jahr ist da zu wenig – mindestens vierteljährlich sollte ein Feedback über die Leistung erfolgen, ggfs. verbunden mit einem kleinen finanziellen Aufstieg. Hier sollte das Augenmerk wirklich auf den einzelnen Beschäftigten gelegt werden: Viele psychisch erkrankte Menschen vertragen überhaupt keinen Druck, weil sie ohnehin stark mit sich selbst kämpfen. Oder sie sind sehr stark gehandicapt, verstehen vielleicht die Zusammensetzung des Werkstattlohns gar nicht. Andere wieder kennen sich im laxen Werkstattsystem ganz gut aus. An der Stelle muss der Soziale Dienst gut differenzieren können.
Ohnehin gilt: Da die großen Hebel Kündigung und Beförderung fehlen, braucht man engmaschigere, kleinteiligere, klar definierte Erfolgserlebnisse, d.h. Wochen- oder Monatsziele statt Jahresziele. Das ist speziell bei einer psychischen Erkrankung sinnvoll, die auf zu große, zu ferne Ziele vielleicht mit Resignation einhergeht.
7. Spürbare Vergünstigungen bei langer Zugehörigkeit und Erfahrungsweitergabe
Keine Pseudowertschätzung, sondern eine spürbare Anerkennung: mehr Mitspracherecht, freie Aufgabenwahl, eine Mentorenrolle für neue Kollegen, vielleicht ein gemeinsames Erinnern der Werkstattgeschichte. Zeit und Erfahrung verleihen Status.
8. Fehlen von Druck aktiv nutzen statt passiv hinzunehmen
Der große Vorteil einer Werkstatt ist es nun mal, dass man einfach nichts falsch machen kann. Dadurch wird man frei, bestimmte Dinge einfach mal ohne Druck auszuprobieren. Das sollte immer und immer wieder kommuniziert werden, gerade bei Versagensängsten oder massiver eigener Selbstkritik.
9. Bereichswechsel
In einer (großen) Werkstatt kann man „rumkommen“. Ich selbst habe in 18 Jahren WfbM vier Arbeitsbereiche innerhalb der WfbM und drei betriebsintegrierte Arbeitsplätze/Praktika kennengelernt. Das funktioniert ganz gut als Kompetenzerwerb und als Mittel gegen Langeweile und Stagnation.
10. Flucht nach vorn oder „Anti-Stigma“
Ich habe mein Schicksal – die psychische Erkrankung, die Werkstatt – lange schamvoll verschwiegen und es fällt mir noch heute schwer, die Tatsachen anzunehmen und offen damit umzugehen. Eine WfbM ist im Bewusstsein der Öffentlichkeit nun mal ganz weit draußen. Wenn du erwähnst, dass du als behinderter Mensch in einer solchen Einrichtung arbeitest, fällt die Klappe und du hast deinen sozialen Status mal eben um einhundert Prozent geschreddert. Jedoch sehe ich mittlerweile einige Kollegen und Kolleginnen, die sehr offen sind und selbstbewusst in der Peer Beratung oder im Werkstattrat arbeiten, ja, ihr Schicksal geradezu umdeuten. Das macht Mut.
Schlussendlich gilt: Kommunikation ist alles. Die passive Stimmung, die mir in der WfbM so oft das Leben schwer gemacht hat, entsteht auch dadurch, dass bestimmte Faktoren gar nicht erst angesprochen werden, um niemanden aufzuregen.
Ein klarer, sachlicher Dialog, Transparenz, echtes Lob für gute Arbeit und das Fehlen von Dutzi-Dutzi Pseudo-Wertschätzungsrhetorik sind hier gefragt.
Denn viele, wenn nicht sogar alle psychisch erkrankten Kollegen sind grundsätzlich auf der Höhe ihrer Zeit – vielleicht sogar überlegen - und immer nur vorübergehend out of order. Das muss man grundsätzlich immer mitdenken und darf sich nicht von einem laxen Anschein täuschen lassen.
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