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Theater Augenblick

Wie aus einem Werkstattprojekt ein Theater der Stadt wurde

Bild Theater Augenblick

 22. September 2026 |  Dieter Basener | Textbeitrag

Seit 1998 arbeiten Menschen mit Behinderung im Theater Augenblick der Mainfränkischen Werkstätten als Schauspielerinnen und Schauspieler. Was mit einer kleinen Gruppe und ohne eigene Bühne begann, hat sich zu einem professionellen Theaterbetrieb entwickelt. Der Umzug in den Würzburger Kulturspeicher 2022 markiert dabei einen wichtigen Wendepunkt.

Am Anfang war Improvisation

Am Anfang stand kein Theaterhaus, sondern Improvisation. Am 8. Oktober 1998 brachte das neu gegründete Ensemble seine erste Produktion auf die Bühne eines Off-Theaters. Sechs Jahre lang war das Theater unterwegs: auf befreundeten Bühnen, bei Festivals und an wechselnden Spielorten. Schauspieler, Requisiten und Technik mussten jeweils mitreisen. „Einmal mussten wir vor der Vorstellung sogar aufs Dach klettern“, erinnert sich Theaterleiter Stefan Merk.

2004 änderte sich die Situation grundlegend. Die Mainfränkischen Werkstätten errichteten in Lengfeld einen Neubau und Augenblick erhielt dort eine eigene Bühne. Damit konnte kontinuierlich produziert und ein eigenes Publikum aufgebaut werden. Stefan Merk: „Wir konnten acht Arbeitsplätze für Schauspieler schaffen. Das Theaterwurde innerhalb der WfbM zu einem eigenständigen Arbeitsbereich.“

Das Besondere an Augenblick ist die Verbindung von Werkstattarbeit und professioneller Kunst. Das Theater spricht ausdrücklich von „Theater als Profession und nicht als Freizeitbeschäftigung“. Die Eintrittseinnahmen fließen in die Finanzierung der Löhne; für Bühnenbild, Requisiten und technische Ausstattung braucht es zusätzliche Kulturförderung und Spenden. Gefördert wird das Theater heute vom Bezirk Unterfranken, der Stadt Würzburg und dem Freistaat Bayern.

Auch die künstlerische Arbeitsweise unterscheidet Augenblick von einer klassischen Theaterproduktion. Die Stücke werden gemeinsam mit dem Ensemble entwickelt. Ausgangspunkt sind häufig Improvisationen, aus denen sich Szenen und Themen herausbilden. Bis zu einer neuen Premiere können zwei bis drei Jahre vergehen. Entscheidend ist, was die Schauspieler selbst einbringen. Die Bayerische Landesstiftung würdigte ausdrücklich, dass sie ihre eigenen Gedanken, Ideen und Vorstellungen in die Stückentwicklung einbringen können.

Wie sehr sich dabei das Selbstverständnis der Mitwirkenden verändert hat, zeigt ein Satz der Schauspielerin Lotte Brückl: „Ich bin der Schauspieler, ich versuche was aus mir zu machen.“ Das klingt selbstverständlich – und ist doch für eine Arbeit in einer WfbM bemerkenswert. Hier spricht keine Teilnehmerin eines Theaterprojekts, sondern eine Schauspielerin über ihren Beruf.

Der Umzug in den Kulturspeicher

Dann kam die Pandemie. Die bisherige Spielstätte stand dem Theater nicht mehr wie zuvor zur Verfügung. Es musste ausweichen, zunächst in den Kulturkeller Z87 auf dem Bürgerbräu-Gelände. 2022 zog es schließlich in die ehemaligen Räume des Tanzspeichers im Kulturspeicher am Alten Hafen. Die Auswirkung des Umzugs beschreibt Merk so: „Nach über 20 Jahren ziehen wir jetzt in das Zentrum der Stadt, werden aufgenommen an einem Ort der Kunst und Kultur.“
Tatsächlich war es mehr als ein Ortswechsel. Aus dem Theater auf dem Gelände einer Werkstatt wurde ein Theater an einem etablierten Kulturstandort. Die Stadt Würzburg bezeichnet den Umzug als wichtige Entwicklung: Die zentrale Lage rücke das Theater stärker in den Fokus der Öffentlichkeit und mache es einem breiteren Publikum zugänglich. Damit werde eine Forderung des ersten Kommunalen Aktionsplans Inklusion nach einer Spielstätte in zentraler Lage umgesetzt. Für Merk ist diese neue Öffentlichkeit Teil des künstlerischen Anspruchs: „Wir können mit unserer künstlerischen Arbeit die Bandbreite der Kunst erweitern und die Gesellschaft dadurch bereichern.“

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Anerkennung aus der Kulturszene

Dass Augenblick längst nicht mehr allein als Projekt der Behindertenhilfe wahrgenommen wird, zeigen die Auszeichnungen. 2011 erhielt das Theater die Kulturmedaille der Stadt Würzburg. Im Kommunalen Aktionsplan der Stadt wird es als „herausragendes Projekt“ und wichtiger Teil des kulturellen Lebens in Würzburg und der Region gewürdigt.

2023 folgte der Kulturpreis der Bayerischen Landesstiftung. Die Jury hob die ästhetische und menschliche Vielfalt der Produktionen sowie die „Aufmerksamkeit, den Anspruch und die Ernsthaftigkeit“ der künstlerischen Arbeit hervor. Besonders bemerkenswert: In den entstandenen Kunstwerken müsse die Behinderung selbst keine Rolle spielen. Die Auszeichnung stellte Augenblick damit ausdrücklich in einen kulturellen und nicht nur sozialpolitischen Zusammenhang.

Diese Anerkennung spiegelt sich auch im Programm wider. Im Kulturspeicher ist Augenblick nicht nur Gastgeber für das eigene Ensemble. Das Theater nimmt das Würzburger Improtheaterfestival auf, arbeitet mit der TheaterWerkstatt Würzburg zusammen und beteiligt sich an Veranstaltungen wie der Kulturspeichernacht. 2026 steht das Haus erneut auf dem Programm des Improtheaterfestivals; zugleich entstehen eigene Schauspiel- und Tanzproduktionen.

Mehr als ein Theater

Seit 2024 gibt es bei den Mainfränkischen Werkstätten einen eigenen Geschäftsbereich Kunst und Kultur, zu dem neben dem Theater unter anderem bildende Kunst, Kunst im öffentlichen Raum, Tandemführungen im Museum im Kulturspeicher und Stadtführungen gehören. Beim Unterstützertreffen 2025 wurde deutlich, welchen Stellenwert dieser Bereich für die Werkstatt hat.

Dabei bleibt die Finanzierung eine Herausforderung. Beim Treffen erläuterte Merk die Struktur des Theaters anhand von vier Säulen: Fördermittel, Eintrittsgelder, Projektfinanzierungen und Spenden. Die Mainfränkischen Werkstätten betonen, dass gerade die langfristige öffentliche und private Unterstützung die professionelle Arbeit ermöglicht.

Der Weg des Theater Augenblick lässt sich als Geschichte eines Perspektivwechsels lesen. Es begann als ungewöhnliches Theaterprojekt innerhalb einer WfbM. Daraus wurde ein dauerhafter Arbeitsbereich mit professionellen Schauspielerinnen und Schauspielern, eigener Bühne und eigenem Publikum. Seit dem Umzug in den Kulturspeicher ist daraus ein Theater geworden, das organisatorisch zur WfbM gehört, kulturell aber mitten in der Stadt angekommen ist.

Genau darin liegt die eigentliche Leistung von Augenblick: Nicht ein besonderes Theater für Menschen mit Behinderung zu sein, sondern ein Theater, in dem Menschen mit Behinderung Kunst produzieren, als Künstler wahrgenommen werden und selbstverständlich Teil des kulturellen Lebens ihrer Stadt sind.

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