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Wenn Werkstätten Verantwortung an Beschäftigte delegieren

Ein Tagungsbericht

Bild Wenn Werkstätten Verantwortung an Beschäftigte delegieren

 06. Januar 2022 |  Dieter Basener | Printbeitrag

  Haltung, Wahlfreiheit und Selbsbestimmung, Kostenfreie Artikel, Veranstaltungsrückblick

"Werkstattkritiker werfen uns vor, wir würden behinderten Menschen nicht genügend Entwicklungsmöglichkeiten einräumen. Ein scheinbar abstruser Vorwurf, betrachtet man den Aufwand, den wir gerade im Hinblick auf Entwicklungsplanung betreiben." - so die Äußerung eines langjährigen MItarbeiters eine Werkstatt. Vielleicht könnte in dieser Ansicht aber doch ein Körnchen Wahrheit stecken. Gemeint ist die Übernahme von Verantwortung für die Abwicklung von Arbeitsaufträgen. Können Beschäftigte auch hier mehr oder sogar alleinige Verantwortung übernehmen oder bleibt dies den Produktionsleitern und Fachkräften vorbehalten?

53° Nord ging dieser Frage in einer Fachtagung nach. Ihr Titel: "Gemeinsam Verantwortung tragen, Erfahrungen mit dem Teamprinzip in Werkstattarbeitsgruppen". Die Veranstaltung wurde zu einem klaren Votum. Fünf Einrichtungen waren eingeladen, die auf sehr unterschiedlichen Wegen Verantwortung delegieren, bis hin zur nahezu vollständigen Selbstorganisation von Aufträgen durch die Arbeitsgruppe und damit beste Erfahrungen gemacht haben. Beeindruckend waren die Vorträge schon deswegen, weil Beschäftigte selber berichteten, welche Aufgaben sie übernehmen, wie sehr sie in die Abläufe eingebunden sind und was dies für sie bedeutet. Gruppenleiter bleiben bei der Auftragsabwicklung weitgehend im Hintergrund und haben die Zeit, sich den pädagogischen Aufgaben zu widmen. Besonders verblüffend: Die Realisierung des Teamprinzips steigert die Produktivität erheblich. Außerdem steigt die Arbeitzufriedenheit, Ausfallzeiten reduzieren sich und – was Fundamentalkritikern der Werkstatt nicht behagen dürfte – die Bindung an die Werkstatt verstärkt sich. Wo das Teamprinzip realisiert ist, wirkt das Angebot eines Arbeitsplatzes außerhalb der WfbM fast wie eine Drohung.

      Auf der Tagung wurde aber auch klar: Diese Übertragung von Verantwortung muss von der Leitung gewollt sein. Sie benötigt Vorbereitung, Schulung, Neustrukturierung der Abläufe und Spezialistentum. Nicht jeder kann jede Aufgabe übernehmen, aber sie eröffnet neue Perspektiven und "Aufstiegsmöglichkeiten". Drei der fünf Beispiele zeigten unterschiedliche Varianten des Teamprinzips:

      • Die Murgtalwerkstätten übertragen Beschäftigten mit geistiger Behinderung Verantwortung nach dem Konzept der "teilautonomen Arbeitsgruppen".
      • In der Reha-Werkstatt Ost des Behindertenwerks Main-Kinzig organisieren Menschen mit psychischer Behinderung Aufträge mit einer zentralen "Verteilerfunktion".
      • Die Werraland-Werkstätten in Eschwege bilden Beschäftigte zu Produktionsassistenten aus, die Unterstützungsaufgaben in Produktion und Anleitung übernehmen.

      Zwei weitere Referententeams stellten einen übergreifenden Ansatz vor:

      • In den Lewitz-Werkstätten in Parchim übernehmen die Gruppen nach dem "Domino-Konzept" Verantwortung für alle eigenen Belange. Organisiert sind sie als "Dörfer", die ihre eigenen "Bürgermeister" wählen. Diese Form direkter Demokratie folgt feststehenden Spielregeln.
      • Die INTEG gGmbH in Bad Driburg fußte als Werkstatt von Beginn an nicht auf dem Förder-, sondern auf dem Bürgergedanken, bei dem behinderte und nichtbehinderte Menschen gleichberechtigt zusammenarbeiten und ein "konsumfähiges Entgelt" erzielen. Die Konsequenzen: Hochprofessionelle Arbeiten, hoher Anteil von gewerblichen Mitarbeitern, gleiche Regeln für alle, ein gemeinsames Vertretungsgremium für Mitarbeiter und Beschäftigte. Die Sozialarbeit versteht sich als "Betriebssozialarbeit für alle".

      Fazit

      In der Teilung von Produktionsverantwortung schlummern Entwicklungspotentiale, die noch gehoben werden können. Sie erfordern allerdings ein Umdenken der gesamten Organisation, Schulungen, Neustrukturierungen der Abläufe und eine Neudefinition der Gruppenleiterfunktion. Werkstätten, die dies auf sich nehmen, gewinnen nicht nur zufriedene Beschäftigte, sondern steigern auch ihre Produktivität. Werkstattleiterin Christa Hummel vom BWMK wies auf der Tagung aber darauf hin: "Wer das Teamprinzip realisiert, muss wissen: Ein solcher Prozess lässt sich nicht mehr zurückdrehen."

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