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40 Jahre BAG Inklusionsfirmen – 40 Jahre soziales Unternehmertum

Ein Rückblick von Anton Senner und Claudia Rustige

Bild 40 Jahre BAG Inklusionsfirmen – 40 Jahre soziales Unternehmertum
Vorstand und Geschäftsführung der BAG IF (Quelle bag if)

 17. März 2026 |  Anton Senner und Claudia Rustige | Textbeitrag

  Weiterentwicklung der beruflichen Teilhabe, Werkstätten

Im vergangenen Jahr feierte die BAG if ihr 40-jähriges Wirken. Getragen waren die PionierInnen von der Vision, Menschen mit Behinderung ein gutes Sein in der Mitte der Gesellschaft zu ermöglichen und diese so um neue Begegnungen und humane Arbeitswelten zu bereichern.

Gleichwohl verließ die Gründergeneration eingefahrene Wege, wandte sich im Geiste der damaligen Psychiatrie-Reform von den großen Reha-Institutionen ab und bemühte sich zu beweisen, dass Stimmen hören und Brote backen, dass Gefühlsüberschwang und elektrische Schaltgruppen montieren zusammenpassen können.

Akteure waren Leute, die keine Ahnung vom Wirtschaften hatten: Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen, Psychologen und Psychologinnen, Erzieher und Erzieherinnen, Soziologen und Soziologinnen wurden zu Unternehmern. Länger als gewollt hielt sich der Mythos von den „Selbsthilfe“-Firmen, als welche sich die Bewegung anfangs definierte. Wir erinnern noch, wie das Sozialistische Patientenkollektiv auf einer Veranstaltung des sog. Mannheimer Kreises das Podium stürmte und dieses Etikett anprangerte.

1983 wurden die ersten Firmen gegründet. 1984 veranstaltete die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie eine erste Firmenklausur und 1985 gab es das erste Firmentreffen in Gütersloh (dem Wirkungsort des Reformpsychiaters Klaus Dörner).

Am 15. Juli 1985 dann der offizielle Startschuss: Wir gründen die FAF (Fachberatung für Arbeits- und Firmenprojekte e.V.) - unterstützt vor allem von der Freudenberg-Stiftung, ohne deren finanzielles Engagement die weitere Entwicklung nicht möglich gewesen wäre. 1987 sind wir Mitbegründer des europäischen Netzwerks CEFEC und führen deren Büro. Ein Jahr später werden die Firmen durch eine Novellierung der Ausgleichsabgabenordnung förderfähig. Ein Riesenschritt!

Mit der Wende öffnet sich ein ganz neues Kapitel. 1990 organisierte die FAF ein „DDR-Gründerseminar“ (so der Titel), um die ehemals „geschützten Betriebsabteilungen“ zu retten. 1992 verfasst die Arbeitsgemeinschaft der Hauptfürsorgestellen ein erstes Grundsatzpapier „Selbsthilfefirmen für Behinderte“ – ein wichtiges Signal aus der Verwaltung: Wir sehen und schätzen euch!

1995 gründen wir die FAF gGmbH aus und trennten Interessenvertretung (BAG IF e.V.) von Beratungsfirma. Fortan entwickelte sich die FAF zu einem breit aufgestellten und hochgeschätzten Consulting-Unternehmen. Und das BMAS veröffentlicht im gleichen Jahr eine erste Förderrichtlinie für Integrationsfirmen. Neue Finanzierungsquellen eröffnen sich - wir gewinnen an Stärke und Bedeutung.

1998 wird mit Götz Graumann ein erster bezahlter Referent eingestellt, Anton Senner übernimmt den Vorsitz. 2000 werden Integrationsfirmen endlich im Schwerbehindertengesetz rechtlich verankert. Möglicherweise der wichtigste Erfolg.

2001 dann ein besonderer Moment: Mit Bundesarbeitsminister Walter Riester spricht erstmals ein Bundesminister auf unserer Jahrestagung. In diesem Jahr erlangen wir Sitze im „Beirat zur Teilhabe behinderter Menschen“ im BMAS und im beratenden Ausschuss der Aktion Mensch. Letzteres wird zu einer der wichtigsten Verbindungen überhaupt: Wir können Programme mitentwickeln – Integrationsfirmen und Zuverdienstbetriebe werden zum Förderschwerpunkt der Lotterie. In den folgenden Jahren werden schätzungsweise 250 Millionen Euro ausgekehrt.

2002 übernimmt Arnd Schwendy den Vorsitz und Anton Senner wird erster Geschäftsführer des Verbands. 2006 wird im Kontakt mit dem KfW-Vorsitzenden der erste Zugang in die Wirtschaftsförderung geöffnet. Leider versiegt dieser später wieder.

2009 gelingt die Bildung eines Beirats mit den behindertenpolitischen SprecherInnen der Bundestagsfraktionen. Wir verfassen auf Bitten der Politik eine Vorlage für die Förderung von benachteiligten Langzeitarbeitslosen (SGB II, § 16). Und last not least: Der Deutsche Städte- und Gemeindetag entwickelt mit uns eine umfängliche Broschüre mit Handlungsempfehlungen zur bevorzugten öffentlichen Auftragsvergabe an Inklusionsfirmen.

Im gleichen Jahr erfolgt der Zugang zum Bundeskanzleramt. Die Kanzlerin Angela Merkel fliegt mit dem Hubschrauber von Berlin zu einem Inklusionsbetrieb in Schleswig-Holstein, besichtigt diesen und nimmt sich anschließend Zeit für ein umfängliches Vieraugengespräch. Es folgt eine Gegeneinladung in das Kanzleramt.

2010 markierte den Beginn einer neuen Ära: Zwei prägende Persönlichkeiten, Arnd Schwendy und Anton Senner, verabschieden sich. Fritz Baur und Claudia Rustige übernehmen. Mit dem Vortrag von Karl-Josef Laumann (Minister NRW und Vorsitzender CDA – Arbeitnehmerflügel der CDU) „Integration unternehmen zeigt das Herz der Gesellschaft“ begann diese Ära mit einer starken Botschaft.

Es folgten intensive Jahre: 2013 das gemeinsame Positionspapier mit der BIH, die „Weinheimer Erklärung“ - ein übergreifendes Bündnis für den Zuverdienst – getragen von bag if, Aktion Psychisch Kranke, DGSP und der Freudenberg Stiftung.

2015 wechselt Claudia Rustige vom Vorstand in die Geschäftsführung. Die erste Tat: das zentrale Positionspapier „Inklusion durch Arbeit“, das zur Richtschnur für alle weiteren Positionierungen wurde. Das erste große Buch über Inklusionsunternehmen erscheint, ebenso startete mit den Informationswochen der Inklusionsunternehmen eine Tradition, die Türen öffnete und Abgeordnete in die Firmen holt.

2016 - Ein Wumms: Das Sonderprogramm AlleImBetrieb bringt 150 Millionen Euro für Inklusionsunternehmen – mit besonderem Dank an den damaligen fachpolitischen Beirat, der das Programm initiiert hat.

2017 folgt die Umbenennung: Aus der BAG Integrationsfirmen wird die BAG Inklusionsfirmen. Ein kleiner Schritt auf dem Papier – ein großer in der öffentlichen Wahrnehmung. Mit der Imagekampagne „Inklusionsunternehmen – MehrWert für alle“ machen wir sichtbar, was unsere Unternehmen leisten. Ganz nebenbei wird Ulrich Adlhoch, vormals BIH-Vorsitzender, neuer Beiratsvorsitzender – ein echter Glücksgriff.

Und dann kam Corona. Eine nie dagewesene Herausforderung. Doch statt zu resignieren, kämpften wir. Wirtschaftshilfen, Corona-Teilhabe-Fonds, Online-Kongress, digitale Mitgliederversammlung – wir waren sichtbar, hartnäckig und vor allem erfolgreich.

Aber 2020 war auch der Moment des Abschieds von Fritz Baur – Standing Ovations für zehn Jahre Vorsitz. Ein bewegender Moment. Ulrich Adlhoch übernahm den Vorsitz – ein nahtloser und gelungener Übergang.

2022 bis 2024 haben wir uns mit unseren Projekten vor allem zukunftsgewandt aufgestellt. Mit der Studie „MehrWirkung“ wurde die gesellschaftliche Wirkung von Inklusionsunternehmen nachgewiesen. Über Vergabekongress und Ausbildungsprojekt wurden neue Netzwerke geknüpft. Ein Highlight des Jahres 2023: die Einladung des Bundespräsidenten zum Bürgerfest im Schloss Bellevue mit eigenem Stand und hoheitlichem Besuch.

2024: Ein Durchbruch – endlich Klarheit beim ermäßigten Umsatzsteuersatz für gemeinnützige Inklusionsunternehmen. Auch das Ergebnis jahrelanger Überzeugungsarbeit unseres fachpolitischen Beirats. Und ganz aktuell: Wir setzen neue Maßstäbe mit „KIWI“, der KI-gestützten Wirkungsmessung für Inklusionsunternehmen. Hier geben wir geprüfter Qualität buchstäblich Brief und Siegel.

2025: Dr Helga Seel, bis dato Geschäftsführerin der BAR Bundesarbeitsgemeinschaft Rehabilitation, wird neue Vorsitzende des fachpolitischen Beirats, dem neben den behindertenpolitischen SprecherInnen der Bundestagsfraktionen auch der Bundesbehindertenbeauftrage Jürgen Dusel, Thomas Niermann vom Vorstand der BIH und der BAGüS-Vertreter Michael Wedershoven angehören.

In den 40 Jahren der Verbandsarbeit sind 1.000 Firmen mit ca. 30.000 Arbeitsplätzen entstanden. Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten hier in Firmen des allgemeinen Arbeitsmarktes gleichberechtigt zusammen, regulär sozialversicherungspflichtig beschäftigt, nach Tarif- oder Branchenstandards entlohnt. Ein Ort von Inklusion, der weiter zunehmend Anerkennung findet und als Modell umfassender gesellschaftlicher Teilhabe – auch und gerade von Verbänden Betroffener – gesehen wird.

Fazit

Wir waren zu Beginn ein Supermini-Verein, und in den folgenden 40 Jahren wuchsen wir zum geachteten Verband Sozialer Unternehmen. In den Anhörungen des Bundestages sitzen wir selbstverständlich zwischen BDA (30 Millionen Beschäftigte), DGB (sechs Millionen), CARITAS (0,75 Millionen). Wir wurden wiederholt in die Bund-Länder-Gruppe zur Entwicklung des BTHG berufen, Termine mit BDI und BDA folgten. Man war angetan von dem, was wir wollten und wie wir das taten.

Die BIH war und ist unser wichtigster Partner, Aktion Mensch öffnete Herz und Schatzkammer und etliche Politiker aus Bundes- und Landtagen unterstützten uns. Mit den KollegInnen in den Verbänden fanden wir ein solidarisches Miteinander. Wir hatten das große Glück, in eine Zeit zu fallen, die reif und offen war für unsere Vision. Es gelang uns, Ressourcen für die Entwicklung eines Firmentypus zu erschließen, in dessen Maschinenraum der Arbeitsmensch ein Mensch ist.

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