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Digitale Teilhabe als Schlüssel zur Inklusion: Warum Werkstätten jetzt umdenken müssen

Ergebnisse, Potenziale und Perspektiven für Menschen mit kognitivem Unterstützungsbedarf

Bild Digitale Teilhabe als Schlüssel zur Inklusion: Warum Werkstätten jetzt umdenken müssen

 12. Januar 2026 |  Katrin Euler | Textbeitrag

  Berufliche Bildung, Arbeit 4.0

Die Digitalisierung durchdringt die Arbeitswelt mit rasanter Geschwindigkeit – und sie eröffnet neue Chancen für Menschen mit kognitivem Unterstützungsbedarf. Eine Studie von Matthias Hinrich Grote – 20 Jahre in Werkstätten tätig und heute Senior Berater der rosenbaum nagy unternehmensberatung GmbH in Köln - kommt zu einem klaren Ergebnis: Menschen mit kognitivem Teilhabebedarf verfügen über wesentlich mehr digitale Fähigkeiten, als ihnen oftmals zugetraut wird.

Alltagspraxis als unterschätzte Ressource

Grote zeigt in seiner Analyse, dass digitale Technologien für viele Menschen mit kognitiven Teilhabebedarfen längst zu einem festen Bestandteil des Alltags geworden sind. Diese alltagspraktischen Kompetenzen sind – so Grote - keineswegs nebensächlich, sondern bilden eine gute Grundlage für berufliche Lernprozesse.

Mehr als 90 Prozent der Befragten besitzen Smartphones, nutzen Apps, kommunizieren über Messenger und organisieren damit ihren Alltag – Kompetenzen, die im beruflichen Kontext längst unverzichtbar geworden sind.

Diese Erkenntnisse stehen im deutlichen Widerspruch zu gängigen Annahmen, die diese Zielgruppe vor allem über ihre Einschränkungen definieren. Stattdessen belegt die Studie ein hohes Maß an Lernbereitschaft, Medienaffinität und Selbstständigkeit. Viele Teilnehmende wünschen sich digitale Lernangebote, die verständlich, visuell unterstützt und flexibel zugänglich sind. Die Botschaft ist klar: Das Potenzial ist vorhanden – es wird nur nicht genutzt.

Bildungsauftrag neu verstehen

Das Bundesteilhabegesetz (BTHG) fordert von Werkstätten, individuelle Fähigkeiten zu fördern und berufliche Teilhabe systematisch zu stärken. Digitale Kompetenzen spielen dabei eine immer größere Rolle. Bildungskonzepte, die vorwiegend auf Basiskompetenzen und Schutzräume setzen, greifen angesichts der empirischen Befunde zu kurz. Stattdessen braucht es Lernformen, die dort ansetzen, wo die Menschen bereits kompetent sind: im digitalen Alltag.

Eine moderne berufliche Bildung muss deshalb flexibler, modularer und stärker personalisiert sein. Lernangebote sollten unterschiedliche Einstiegsniveaus berücksichtigen, adaptive Lernwege ermöglichen und konsequent mit digitalen Hilfsmitteln arbeiten – von barrierearmen Plattformen bis hin zu unterstützender Technologie wie Spracherkennung oder Symbolnavigation. Entscheidend ist zudem eine neue Rolle des Fachpersonals: weg von der reinen Wissensvermittlung, hin zur lernbegleitenden Unterstützung, die Orientierung gibt, Sicherheit vermittelt und individuelle Lernstrategien erkennt und Raum gibt.

Werkstätten an einem Wendepunkt

Wenn Werkstätten ihren gesetzlichen Auftrag ernst nehmen, müssen sie sich weit über technische Anschaffungen hinaus weiterentwickeln. Die Studie verdeutlicht, dass sie sich zu Lernorten wandeln sollten, die digitale Teilhabe nicht nur pädagogisch fördern, sondern strukturell verankern. Das bedeutet, digitale Kompetenzen als festen Bestandteil ihrer Bildungspläne zu verstehen und Lernumgebungen zu schaffen, die sowohl im institutionellen Rahmen als auch im Alltag der Beschäftigten funktionieren.

Doch dieser Wandel setzt Investitionen voraus – und genau hier wird das Spannungsfeld sichtbar, das viele Einrichtungen bremst.

Finanzierung: Ein entscheidender Engpass

Während die pädagogische Notwendigkeit digitaler Bildungsangebote zweifelsfrei belegt ist, führt die gegenwärtige Refinanzierungslogik zu erheblichen Hemmnissen. Werkstätten finanzieren sich über pauschalierte Tagessätze der Eingliederungshilfe. In diesen Pauschalen ist jedoch kaum vorgesehen, was moderne digitale Bildung erfordert: zuverlässiges WLAN, aktuelle Hardware, barrierefreie Lernsoftware oder gezielte Fortbildungen für Fachkräfte. Viele Einrichtungen stehen damit vor der paradoxen Situation, dass sie zwar digitale Bildungsaufträge erfüllen sollen, ihnen jedoch die Mittel für grundlegende infrastrukturelle Voraussetzungen fehlen.

Diese strukturelle Unterfinanzierung trifft auf eine politische Großwetterlage, die zusätzliche Unsicherheit auslöst. Die Ankündigung der Bundesregierung, Sozialausgaben auf den Prüfstand zu stellen, sorgt in der Branche für spürbare Unruhe. Während Investitionen in Bildung und Digitalisierung grundsätzlich befürwortet werden, bleibt offen, ob dies auch für die Eingliederungshilfe gilt – ein Bereich, der traditionell nicht zu den politischen Prioritäten zählt. Sozialverbände warnen bereits vor einem Rückbau wichtiger Leistungen und betonen, dass digitale Teilhabe keine Kür sei, sondern eine Voraussetzung für gesellschaftliche Gleichberechtigung und Teilhabe.

Für Werkstätten entsteht damit ein Spannungsfeld zwischen notwendiger pädagogischer Innovation und finanzieller Realität. Viele Einrichtungen bemühen sich um alternative Finanzquellen, etwa durch Projektförderungen, Kooperationen mit Hochschulen oder Modellvorhaben. Doch diese Wege können strukturelle Rahmenbedingungen nicht dauerhaft ersetzen. Wenn Werkstätten zu inklusiven Lernorten der Zukunft werden sollen, braucht es innovative Konzepte verbunden mit einer verlässliche Finanzierung, die digitale Bildung nicht als Sonderfall, sondern als unverzichtbaren Bestandteil beruflicher Rehabilitation berücksichtigt.

Eine Frage der Chancen-Gerechtigkeit

Die Studie zeigt deutlich: Menschen mit kognitivem Teilhabebedarf bewegen sich eigenständig und selbstbewusst innerhalb der digitalen Welt – sie sind intrinsisch motiviert und entwickeln ihre Fähigkeiten eigenständig weiter. Was fehlt, sind Strukturen in Werkstätten, die diese Potenziale aufgreifen und fördern. Die notwendige digitale Bildungsoffensive ist deshalb weit mehr als ein technisches Modernisierungsprojekt. Sie ist ein Schritt zu mehr Selbstbestimmung, beruflicher Perspektive und echter Teilhabe.

Digitalisierung ist auch im sozialen Bereich längst keine Zukunftsvision mehr. Sie entscheidet darüber, wer Zugang zu Bildung, Kommunikation und Arbeitsmarkt erhält. Werkstätten stehen an einem Punkt, an dem sie diese Zukunft aktiv gestalten müssen – oder riskieren, dass bestehende Barrieren in neuer Form fortbestehen. Die Chancen sind groß. Damit sie genutzt werden können, müssen die politischen und finanziellen Voraussetzungen endlich nachziehen.

Die Studie gibt somit nicht nur einen umfassenden Überblick über die vorhandenen digitalen Kompetenzen von Menschen mit kognitiven Teilhabebedarf – sondern formuliert zugleich einen deutlichen Appell: Werkstätten müssen zusammen mit Politik und Kostenträger digitale Teilhabe als zentrale Zukunftsaufgabe anerkennen und entwickeln. Denn die Frage, wer Zugang zu digitaler Bildung erhält, entscheidet heute mehr denn je über berufliche Möglichkeiten und gesellschaftliche Teilhabe.

Studienergebnisse finden Sie hier:

Artikel BA - Ergebnisse und Befunde - Matthias Hinrich Grote

Artikel BA - Neuausrichtung und Empfehlungen - Matthias Hinrich Grote​​​​​​​

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