Artikel

Mehr als ein begleitendes Angebot

Wie Werkstätten Kunst und Kultur zum Beruf machen

Bild Mehr als ein begleitendes Angebot
Theater Augenblick, Würzburg

 01. Juni 2026 |  Dieter Basener | Textbeitrag

  Weiterentwicklung der beruflichen Teilhabe, Kostenfreie Artikel

Vielleicht haben Sie schon einmal einen Blick in ein Atelier oder einen Probenraum Ihrer Werkstatt geworfen – und sich gefragt, was dort passiert und warum das zum Angebot einer WfbM gehören soll. Dieser Bericht bietet eine Auswahl des breiten Spektrums an Kunst-, Kreativ- und Kulturmodellen, die bundesweit in Werkstätten entstanden sind. Er richtet sich an Kolleginnen und Kollegen, die nicht im Kulturbereich arbeiten, aber wissen möchten, was diese Angebote leisten, wie sie finanziert werden und warum sie für die gesamte Werkstatt wichtig sind.

Kunst als Kernaufgabe

Kunst und Kultur in Werkstätten für behinderte Menschen sind längst kein Begleitendes Angebot mehr, sondern in vielen Einrichtungen ein professioneller Arbeitsbereich mit eigenem Auftrag, eigener Infrastruktur und wirtschaftlichen Strukturen. Menschen mit Behinderung arbeiten hier als Künstlerinnen, Schauspieler, Musiker oder Gestalter. Ihre Werke werden ausgestellt, verkauft und öffentlich wahrgenommen.

Der Bericht stellt exemplarisch Ateliers und Kulturwerkstätten aus Hamburg, Münster, Köln, Braunschweig, Berlin, Würzburg und München vor, jedes mit eigener Prägung und Antwort auf die Frage: Was kann Kunst in einer Werkstatt bewirken?

Hamburg: Die Kulturorte von alsterarbeit und die Angebote der Elbe-Werkstätten

Die Schlumper – Kunst ohne Grenzen

Seit den 1980er Jahren sind Die Schlumper eine Institution der deutschen Outsider-Art. Entstanden als freies Projekt, gehören sie heute zu alsterarbeit. Das Atelier gilt als integrierte Betriebsstätte mit Arbeitsplätzen im Förderbereich, Berufsbildungsbereich und in der WfbM. Die Künstlerinnen und Künstler verstehen sich als „Schlumper von Beruf“. Ihre Werke hängen in internationalen Galerien, einige werden am freien Markt gehandelt. Grundlage des Modells ist künstlerische Freiheit, ohne pädagogische Vorgaben. Infos: schlumper.de

Meine Damen und Herren – Bühnenkunst mit Haltung

Das Ensemble steht für selbstbestimmte darstellende Kunst: Menschen mit Behinderung agieren als Performer mit eigenem Ausdruck. Regelmäßige Auftritte, Kooperationen mit Theaterhäusern und Teilhabe am Hamburger Kulturleben zeigen professionelles Niveau. Infos: meinedamenundherren.de

Barner 16 – Kreativwerkstatt mit Außenwirkung

Barner 16 bündelt alle Kunst- und Kulturangebote von alsterarbeit und ist zugleich ein Kulturzentrum in Hamburg-Altona. Hier entstehen Musik, Film, Grafik-Design. Kooperationen und Veranstaltungen verankern die Arbeit im öffentlichen Raum. Bekannt ist die inklusive Band Station 17, die überregional auftritt und zwölf Alben veröffentlicht hat, u. a. mit Fettes Brot und Michael Rother. Infos: alsterarbeit.de, barner16.de

Galerie der Villa – Kunst im repräsentativen Rahmen

Die Galerie der Villa ist ein professionell geführtes Atelier der Elbe-Werkstätten - mit einem Ausstellungsraum, der Werke von Beschäftigten zeigt und verkauft. Die Galerie arbeitet wie ein kommerzieller Kunstbetrieb mit Vernissagen und Katalogen. Botschaft: Diese Kunst steht für sich selbst. Infos: galeriedervilla.de

Atelier Freistil – offene künstlerische Entwicklung

Hier steht persönliche Ausdrucksfähigkeit im Vordergrund. Kunstpädagogische Begleitung ermöglicht individuelle Bildsprachen, viele Künstlerinnen und Künstler finden Anerkennung weit über die Tagesstätten und Werkstatt hinaus. Die Besonderheit: Das Atelier Freistil wird sowohl als WfbM-Angebot der Elbe-Werkstätten als auch als Tafö-Angebot des Trägeres Leben mit Behinderung Hamburg betrieben. Infos: atelier-freistil.de

Minotaurus Kompanie – Theater als Beruf

Das Theaterensemble der Elbe-Werkstätten vereint professionelle Theaterarbeit mit Werkstattstruktur. Proben, Aufführungen und Regiearbeit auf Bühnenstandard machen Theater zum Arbeitsalltag. Infos: minotaurus-kompanie.de

Weitere prägende Modelle

Geyso 20, Braunschweig – Lebenshilfe mit Kunstraum

Seit 1992 betreibt die Lebenshilfe Braunschweig ein inklusives Atelier, offen für Menschen mit und ohne Behinderung. Es verknüpft Werkstatt und Stadtöffentlichkeit durch Ausstellungen und Kooperationen. Infos: geyso20.de

Kunsthaus Kannen, Münster – überregionale Strahlkraft

Atelier, Tonwerkstatt und Museum zugleich. Hier entstehen Werke von Werkstattbeschäftigten und Psychiatriebewohnern, die international Beachtung finden. Das Kunsthaus vereint Sammlung, Ausstellungen und künstlerische Förderung und ist eines der bedeutendsten Outsider-Art-Zentren Deutschlands. Infos: kunsthaus-kannen.de

KAT 18, Köln – Atelier der Alexianer

Das Atelier bietet Raum für freie Malerei, Zeichnung und Druckgrafik. Die Arbeiten werden in der Galerie gezeigt und im Kunstmarkt gehandelt. KAT 18 ist fester Bestandteil der Kölner Kunstszene und steht für professionelle inklusive Kunstproduktion. Infos: kunsthauskat18.de

Thikwa und RambaZamba, Berlin – Theater auf Augenhöhe

Beide Ensembles sind Pioniere inklusiven Theaters. RambaZamba arbeitet mit der Werkstatt VIA Blumenfisch zusammen und ist seit den 1990er Jahren international präsent. Thikwa, mit der Nordberliner Werkgemeinschaft verbunden, kombiniert darstellende und bildnerische Kunst. Beide Ensembles zeigen, dass Menschen mit Behinderung als professionelle Bühnenkünstler wirken können. Infos: rambazamba-theater.de; thikwawerkstatt.com

Theater Augenblick, Würzburg – Werkstatttheater in Franken

Das Ensemble der Lebenshilfe Würzburg besitzt eigene Räume, entwickelt eigenständige Stücke und überzeugt durch künstlerische Qualität. Aufführungen richten sich an ein breites Publikum. Inklusive Teilhabe in Reinform. Infos: theater-augenblick.de

Atelier Augustinum, Oberschleißheim – Kunst im Münchner Umland

Im professionell ausgestatteten Kunstatelier des Heilpädagogischen Centrums Augustinum entstehen Werke, die regelmäßig ausgestellt werden. Das Atelier fördert handwerkliches und freies Arbeiten und stärkt Selbstbild und Motivation der Beschäftigten. Atelierleiter Klaus Mecherlein initiierte den euward, den Europäischen Kunstpreis für KünstlerInnen mit Behinderung. Infos: augustinum.de

Wirkung von Kunst und Kultur

Für Beschäftigte sind diese Angebote oft eine neue Erfahrung von Arbeit: Sie werden als Produzierende sichtbar und erfahren öffentliche Wertschätzung. Das stärkt Selbstbild, Initiative und soziale Anerkennung. Forschung zeigt: Kreative Arbeit fördert kognitive Flexibilität, Kommunikation und emotionale Stabilität.

Für Werkstätten prägen diese Angebote ein neues Selbstverständnis nach außen. Sie zeigen, dass Werkstätten mehr sind als Produktionsbetriebe – Orte, an denen Menschen gestalten und auftreten. Das verändert den öffentlichen Blick auf Menschen mit Behinderung.

Finanzierung – ein komplexes Geflecht

Kulturelle Werkstattarbeit steht meist auf mehreren finanziellen Säulen. Verkäufe von Kunstwerken oder Tickets decken selten die Kosten. Wichtig sind zusätzliche Quellen: öffentliche Kulturförderung, Projektmittel (z. B. Aktion Mensch, Kulturstiftung des Bundes), Sponsoren oder Kooperationen mit Kulturinstitutionen. Manche Werkstätten haben sich zu gemeinnützigen Kulturbetrieben entwickelt, die gezielt Drittmittel einwerben.

Grundsätzlich gilt: Kulturarbeit trägt sich selten selbst. Sie erfordert eine strategische Entscheidung der Träger, Ressourcen bereitzustellen – und die Einsicht, dass kulturelle Arbeit Teil des Kernauftrags ist, nicht ein „schönes Extra“.

Fazit

Ob Die Schlumper, Kunsthaus Kannen oder RambaZamba – alle Modelle zeigen: Kunst ist keine Beschäftigungstherapie, sondern ein eigenständiger Arbeitsbereich mit gesellschaftlichem Wert.

Wer Kunst- und Kulturarbeit in Werkstätten erlebt, erkennt, wie sie Perspektiven verändern – auf Kolleginnen und Kollegen, auf die Einrichtung und auf die Rolle, die Werkstätten in der Gesellschaft spielen können.

Wer nun Lust bekommen hat, in eines der genannten Projekte tiefer eizutauchen, der hat die Gelegenheit:

Theaterarbeit mit Menschen mit Behinderung – kreativ und professionell
Theaterworkshop im Theater Augenblick, Würzburg

Mehr Informationen hier

Zurück zur Artikelübersicht

Bleiben Sie informiert

Abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter und bleiben Sie auf dem neusten Stand

Logo Evangelische Bank eGClaim Evangelische Bank eG

53° NORD wird gefördert durch Evangelische Bank

Die Evangelische Bank unterstützt die Inklusion von Menschen mit Behinderung, weil Diversität eine Bereicherung für unsere Gesellschaft und Ausdruck unserer christlich, nachhaltigen Grundeinstellung ist.

Erfahren Sie mehr