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Mutmacher für kleine WfbM

Das ChancenZentrum Bad Kreuznach und der Aufbruch in den Sozialraum

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 20. April 2026 |  Dieter Basener | Textbeitrag

  Weiterentwicklung der beruflichen Teilhabe, Gute Praxis - die Reportage

Manche Entwicklungen in der Werkstättenlandschaft wirken zunächst unspektakulär und entfalten ihre Bedeutung erst auf den zweiten Blick. Das ChancenZentrum der Lebenshilfe Bad Kreuznach ist ein solcher Fall. Wer aus größeren Trägerstrukturen kommt, mag das ChancenHaus vorschnell einordnen: inklusives Café, Laden, Seminarräume – nichts grundsätzlich Neues. Doch dieser Eindruck greift zu kurz. Entstanden ist das Projekt in einer Organisation mit rund 360 Beschäftigten, die bis vor Kurzem noch als „Werkstatt für Behinderte" firmierte, ohne zusätzliche Ressourcen, parallel zum laufenden Betrieb.

Ein Name als Ausgangspunkt

Die Umbenennung war mehr als ein kosmetischer Schritt. Für viele Beschäftigte war der alte Name belastend geworden. Die neue Bezeichnung ChancenZentrum markiert einen programmatischen Neuanfang und den Beginn einer umfassenden Neuausrichtung.

Zentraler Impulsgeber ist Geschäftsführer Dr. Andreas Neumann, der 2023 die Leitung übernahm. Er traf auf eine Organisation mit unausgeschöpftem Potenzial und brachte Erfahrung in Organisationsentwicklung sowie strategische Klarheit mit. Im März 2025 legte eine mehrtägige Zukunftswerkstatt die Grundlage für die Transformation. Bereits im April öffnete ein erster Teil des ChancenHauses, im Januar 2026 war das Konzept vollständig umgesetzt – innerhalb von weniger als zwölf Monaten.

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Das ChancenHaus: Sichtbarkeit im Sozialraum

Das ChancenHaus befindet sich in einem ehemaligen Sparkassengebäude in der Fußgängerzone und vereint drei Funktionen: ein inklusives Café (die „KaffeeKasse"), einen Werkstattladen und Seminarräume für bis zu 80 Personen. Zwischen acht und zwölf Beschäftigte sind im gesamten ChancenHaus tätig, begleitet von einer Fachkraft.

Neumann beschreibt das Ziel in einem Zeitungsinterview so: „Das Herauskommen aus der Werkstatt, das Arbeiten im echten Leben, das ist für viele ein Highlight." Und weiter: „Es geht darum, die Sonderwelt Werkstatt zu verlassen und sichtbar zu werden im Alltag der Stadt." Dass die Adresse dabei bewusst gewählt ist, betont er ebenfalls: „Wir wollen dort sein, wo das Leben stattfindet. Die Stadt soll von uns profitieren, nicht nur durch Catering oder Veranstaltungen, sondern durch Präsenz und Begegnung."

Was dabei entsteht, ist nicht zuletzt ein gestalterisches Statement. Die umfunktionierten Geldautomaten der ehemaligen Sparkasse – einer als Spendenstation, einer als digitale Infostele – und der Name „KaffeeKasse" bewahren, wie Neumann erklärt, „den Geist des Hauses". Wo früher Kontoauszüge gezogen wurden, trinkt man heute Kaffee mit Menschen, die man in dieser Rolle vielleicht nicht erwartet hätte.

Die Resonanz ist deutlich positiv. Das Café ist gut besucht, viele Gäste werden zu Stammkunden. Entscheidend ist dabei ein spezifischer Effekt: Viele Menschen nutzen das Angebot, ohne es als „Werkstattprojekt" wahrzunehmen. Genau darin liegt die Qualität: Teilhabe wird zur Normalität im städtischen Alltag.

Das ChancenZentrum als Gesamtmodell

Das ChancenHaus ist Teil eines umfassenderen Ansatzes mit vier Säulen.

ChancenBilden umfasst den Berufsbildungsbereich mit 16 bis 19 Teilnehmenden. Der Theorieunterricht ist ins ChancenHaus verlagert, Bildung findet sichtbar im Sozialraum statt. Das Ausbildungskonzept ist dabei ungewöhnlich ambitioniert: Die Abschlüsse sollen sich an IHK-Standards orientieren und von den Kammern zertifiziert werden, als „Assistent" in Berufsfeldern wie Gastronomie, Einzelhandel, Hauswirtschaft oder Lagerlogistik. Der betriebliche Teil wird in der Werkstatt oder in Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarkts absolviert, der Theorieteil künftig im ChancenHaus. Nach zähen Verhandlungen konnten erste IHK-zertifizierte Lehrgänge nach dem Bamberger Modell etabliert werden.

ChancenSchaffen ist die Abteilung für Arbeitsmarktintegration: Zwei Mitarbeitende, die aktiv auf Unternehmen zugehen, ausgelagerte Arbeitsplätze anbahnen, Praktika vermitteln und Übergänge begleiten. Unternehmen kommen inzwischen eigenständig auf den Fachdienst zu und fragen nach Kooperationsmöglichkeiten, ein Indikator für gelingende Netzwerkarbeit.

Die ChancenWerke, die klassischen Werkstätten, bleiben bestehen, verändern sich aber kulturell. Skepsis gegenüber externen Einsätzen weicht zunehmend Offenheit. Die Öffnung der Kantine für externe Gäste unterstreicht den Wandel. Das ChancenHaus schließlich verbindet alle Bereiche sozialräumlich und schafft die nach außen sichtbare Klammer.

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Die Fähre als Beispiel gelebter Inklusion

Ein weiteres Projekt verdeutlicht den Ansatz besonders anschaulich: Die Übernahme der historischen Huttental-Fähre in Bad Münster am Stein, einer über 300 Jahre alten Tradition und der letzten seilgezogenen Fähre ihrer Art in Süddeutschland. Sechs Beschäftigte betreiben sie gemeinsam mit einem Gruppenleiter, stehen im direkten Kontakt mit Besucherinnen und Besuchern, erklären Naturschutzregeln und übernehmen Verantwortung im öffentlichen Raum, ohne besondere Kennzeichnung oder pädagogische Rahmung für die Gäste. Werkstattbeschäftigte agieren hier schlicht als das, was sie sind: Menschen, die einen Dienst leisten, den andere nutzen. Intern gilt das Projekt als einer der eindrücklichsten Belege dafür, was Sozialraumorientierung in der Praxis bedeuten kann.

Implikationen für die Werkstättenlandschaft

Das ChancenZentrum ist kein isolierter Sonderfall. Die Rahmenbedingungen mögen spezifisch sein, die zugrunde liegenden Prinzipien sind übertragbar.

Sozialraumorientierung ist kein Merkmal fortschrittlicher Großträger, sondern gesetzlicher Auftrag: § 219 SGB IX formuliert klare Erwartungen. Bad Kreuznach zeigt, dass auch kleinere Träger diesen Auftrag umsetzen können, ohne Innovationsabteilung, ohne Sonderbudget. Was den Unterschied macht, ist nicht die Ressourcenlage, sondern der Wille zur Veränderung und eine Führung, die Tempo macht, ohne die Organisation zu überfordern.

Kulturwandel braucht zudem Praxisorte, keine Konzeptpapiere. Sichtbare Arbeitsorte im Sozialraum wirken auf Beschäftigte und Fachkräfte gleichermaßen. Und Transformation bedeutet hier Erweiterung, nicht Ersatz: Die Werkstatt wird nicht in Frage gestellt, sondern ergänzt und geöffnet. Es entsteht ein differenziertes System, das unterschiedliche Bedarfe abdecken kann.

Leitend, so betont Dr. Neumann, war dabei eine einfache, aber anspruchsvolle Frage: Wer sind die Menschen in unserer Region, wie leben und arbeiten sie? Wer diese Frage ernstnimmt, muss die eigene Organisation konsequent daran ausrichten. Und das erfordert Mut, Ausdauer und die Bereitschaft, auch intern Widerstände auszuhalten.

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Fazit

Das Beispiel Bad Kreuznach zeigt: Innovation muss nicht aus großen Strukturen kommen. Sie kann auch aus Organisationen entstehen, die sich aus eigener Kraft neu erfinden, und dabei einen Weg in die Mitte der Gesellschaft finden. Manchmal braucht es dafür nicht mehr als einen leerstehenden Sparkassensaal, eine klare Haltung und Menschen, die bereit sind, beides ernstzunehmen.

Das ChancenHaus ist Gastgeber der Veranstaltung „Gemeinsam Zukunft gestalten: Wie Werkstätten sich öffnen und sichtbar werden" am 8. und 9. Juli 2026 in Bad Kreuznach. Weitere Informationen und Anmeldung:

Wie Werkstätten sich öffnen und sichtbar werden

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