Warum sich der Weg nach Hamburg lohnte
Bericht über den bundesweiten Fachkongress der LAG WfbM Hamburg

Wenn es um positive Beispiele in der Weiterentwicklung der beruflichen Teilhabe geht, wird immer wieder Hamburg genannt. Auf Dauer führt die Pole Position der Hansestadt andernorts zu Ablehnung. Zu viel Perfektion kann ermüden, oder schlimmer, sie kann aggressiv machen. Beim Fachkongress der LAG WfbM Hamburg am 27. und 28. November wurden die Teilnehmer wieder mit einer geballten Ladung „Guter Praxis“ konfrontiert. Viele hatten ihre Skepsis überwunden und waren in den Norden gereist, der Kongress war mit 330 Teilnehmern gut besucht. Sie sollten ihr Kommen nicht bedauern, denn die Lösungen, die die Hamburger entwickelt haben, sind der Betrachtung wert.
Günstige Voraussetzungen für Innovation
Wer die Podiumsdiskussionen und Fachvorträge des Kongresses aufmerksam verfolgte, konnte die Ursachen erkennen, die Hamburg in vielen Feldern in eine Vorreiterrolle gebracht haben. Zum einen erzeugt das seit 2005 praktizierte Trägerbudget ein entspannt-kooperatives Verhältnis zwischen Behörde und Werkstätten und wirkt kreativitätsfördernd. Zum andern ist das „Vermittlungsdilemma“, das andernorts zu den bekannt niedrigen Übergängen von Werkstattberechtigten in Festanstellungen führt, in Hamburg längst aufgelöst. Die Werkstätten sind nicht allein für den Weggang ihrer leistungsfähigen Mitarbeiter verantwortlich. Sie überlassen die Vermittlung auch dem Team Hamburger Arbeitsassistenz und konzentrieren sich auf ihr eigentliches Geschäft. In diesem Wettbewerb haben die Werkstätten ihrerseits viele externe Angebote geschaffen und gehen auf 40 % betriebsintegrierter Arbeitsplätze zu.
Entspannt und kreativ, diese Attribute trafen auch auf die Ausgestaltung des Hamburger Fachkongress zu. Die Teilnehmer hatten die Auswahl zwischen über 60 Angeboten, mit Diskussionen, Vorträgen, Filmen und Aufführungen. Der Veranstaltungsort, die Design Offices im zentral gelegenen Hammerbrook, verfügt über eine Vielzahl von Seminarräumen, moderne Konferenztechnik und ausreichend Platz für informellen Austausch. Selbstorganisation war gefragt, um aus der Fülle das eigene Programm zuzuschneiden. Zum Glück wurden die meisten Fachvorträge ein zweites Mal angeboten. In unterschiedlichen Rollen waren auch Menschen mit Behinderung in das Programm involviert. Der Sänger Carsten Schnathorst von alsterarbeit übernahm gemeinsam mit seiner Partnerin Stella Edler die Rolle des Tagungsmoderators. Die Theaterkompanie Minotauros der Elbe-Werkstätten fungierte unter anderem in Ritterkostümen als Empfangskomitee, Informationsgeber, Einweiser und als Mikrofonträger in den Diskussionen. Die KünstlerInnen von Barner 16 erläuterten in Video-Beiträgen zentrale Begriffe der Tagung, erklärten dabei aber nicht wirklich, wie der Titel vorgab, die Welt, sondern entlarvten den häufig abgehobenen Sprachgebrauch. Den Veranstaltern gelang eine kommunikative und fokussierte Atmosphäre, fokussiert und ohne die kongressübliche Selbstdarstellung. Ein Teilnehmer kommentierte die Eröffnung überrascht: „Bei uns in Bayern würde das anders laufen.“


Schwerpunkt Werkstattreform
Durch die Diskussion um die Reform der Werkstätten wurde der Kongress hochaktuell. Der Titel „Inklusion ist Mehrwert“ deutete schon die Position der Veranstalter an. Sie traten ein für eine Öffnung der Bildungs- und Arbeitsangebote, für Vielfalt und Wahlmöglichkeiten. Diese Positionierung kann nicht verwundern, denn die LAG WfbM Hamburg hat Andere Leistungsanbietern als Mitglieder aufgenommen und umfasst neben den Elbe-Werkstätten und dem Werkstattträger alsterarbeit auch die Hamburger Arbeitsassistenz, das Rauhe Haus und den Bergedorfer Impuls. Zwei der fünf Diskussionsrunden im Plenum thematisierten die Zukunft des Werkstattsystems. Die eine war überschrieben mit „Zwischen Lohndumping und Sprungbrett“ und setzte sich mit den Vorschlägen aus der Studie der Entgelt-Kommission zu möglichen Gesetzesänderungen auseinander. Die andere Runde lautete „Mindestens Mindestlohn“ und widmete sich speziell der Reform des Entgeltsystems.
Die Augen richteten sich besonders auf die Vertreterin des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Susanne Strehle kam, wie einige andere Teilnehmer auch, frisch von der Bundesdelegiertenkonferenz der BAG WfbM und agierte unter dem Eindruck der dort wie hier vorgebrachten Argumente erkennbar defensiv. In ihren Ausführungen wurde klar, dass die Einführung des Mindestlohns für das BMAS wohl vom Tisch ist und nur noch über eine moderate Anhebung der Arbeitsförderungsgelds nachgedacht wird. Frau Strehle begründet dies nicht mit der derzeit desaströsen Finanzlage der öffentlichen Hand, sondern mit dem altbekannten Argument des „notwendigen Schutzes vor den Anforderungen des Arbeitnehmerstatus“. Nicht vom Tisch ist offenbar die Ausschreibung des Berufsbildungsbereichs durch die Agentur für Arbeit. Allerdings, so Frau Strehle, sollten sich auch Werkstätten an dieser Ausschreibung beteiligen können. Die Ausschreibung diene der „Deinstitutionalisierung“ der beruflichen Bildung, der BBB solle nicht mehr ausschließlich an die Werkstatt gebunden sein. Generell ginge es, so Strehle, bei den Reformüberlegungen um mehr Durchlässigkeit, um die Stärkung der Übergänge und die Ermöglichung des Wunsch- und Wahlrechts. Der Auftritt der BMAS-Vertreterin ließ erahnen, dass von den Vorschlägen der Entgelt-Kommission eher kleinere und kostenneutrale Korrekturen des Werkstattrechts umgesetzt werden.
Dass die Plenumsdiskussionen dennoch lebhaft und facettenreich verliefen, lag an der vielschichtigen Besetzung. Die grüne Europaabgeordnete Katrin Langensiepen gab ein Videostatement ab. Die Hamburger Leistungsträger waren ebenso eingeladen wie Vertreter der BAG überörtliche Sozialhilfeträger, der BAG WfbM und der Werkstatträte. Auch die behindertenpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen von SPD, CDU und Grünen wurden über Video zugeschaltet. Und so lieferten die Diskussionen einen vielschichtigen Austausch der Argumente, die die aktuelle Diskussion bestimmen. Takis Mehmet Ali von der SPD sprach sich vehement für Mindestlohn und Arbeitnehmerrechte aus, Wilfried Oellers von der CDU gegen Mindestlohn, dafür sollten Sonderzahlungen nicht mehr angerechnet werden. Corinna Rüffer von den Grünen befürwortete eine kräftige Anhebung der Entgelte, warnte aber vor „Fehlanreizen“. Die vordringliche Aufgabe sei ohnehin der Zugang zum Arbeitsmarkt, der müsse stärker ermöglich werden.
Eine Fülle „Guter Praxis“
Der eigentliche Reiz dieses Kongresses lag aber in der Vielfalt der Fachvorträge, die im Stundentakt in sieben Veranstaltungsräumen liefen. Sie bezogen sich auf alle wesentlichen Themenfelder der beruflichen Teilhabe, etwa auf den Zugang zum Arbeitsmarkt für Menschen mit geistiger und psychischer Beeinträchtigung, auf die Organisation von Außenarbeitsgruppen, auf die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen, auf berufliche Bildung im BBB und Arbeitsbereich einschließlich der Nutzung von digitalen Hilfen, auf Methoden der Teilhabe- und Entwicklungsplanung, auf die Arbeit mit besonderen Zielgruppen wie den „jungen Wilden“, auf die Schulung und den Einsatz von Peers und Dozentendoppeln oder auf Angebote im Bereich Kunst, Kultur, Schauspiel und Tanz.
Besondere Aufmerksamkeit fand die Vorstellung des schon erwähnten Hamburger Trägerbudgets durch die Leitungen der Elbe-Werkstätten und alsterarbeit und zwei Behördenvertreterinnen. Das Trägerbudget startete 2005 mit damals noch vier Werkstätten. Heute gestaltet es die Leistungserbringung von sieben Trägern der Eingliederungshilfe in den Bereichen Arbeit, Wohnen und Tagesförderung. 60 Prozent der Gesamtausgaben der Eingliederungshilfe werden in Budgetform finanziert. Beim Trägerbudget legen Leistungsträger und Leistungserbringer gemeinsam für einen Zeitraum von fünf Jahren eine Platzzahl und die Leistungsentgelte fest, die unabhängig davon gezahlt werden, ob die Planzahl über- oder unterschritten wird. Nur bei unvorhersehbaren Sondereffekten kann nachverhandelt werden. Dieses Vorgehen erzeugt für beide Seiten Planungssicherheit und beseitigt die üblichen Reibungspunkte rund um die Finanzierung. Die Werkstätten profitieren nicht von Wachstum, sondern von einer Unterauslastung und unternehmen vermehrt Anstrengungen zur Vermittlung. Tatsächlich hat sich die Platzzahl der Elbe-Werkstätten im Arbeitsbereich allein in den letzten beiden Jahren um 200 Plätze reduziert.
Das Trägerbudget fördert zudem gezielte Innovationen. Für jede Budgetlaufzeit vereinbaren die Träger mit der Behörde Entwicklungsthemen, die in Projektform bearbeitet, zusätzlich finanziert und gemeinsam controlled werden. Damit ist der Träger der Eingliederungshilfe direkt in die Werkstattentwicklung und in die operative Tätigkeit der WfbM eingebunden. Zu den Entwicklungsthemen der Elbe-Werkstätten für die anstehende Budgetlaufzeit von 2024 bis 2028 gehört unter anderem die geplante Umwandlung von Außenarbeitsgruppen in betriebliche Inklusionsabteilungen unter Inanspruchnahme des Budgets für Arbeit. Die Unterstützung und Begleitung der Gruppe durch eine Fachkraft finanziert dauerhaft die Sozialbehörde. Alsterarbeit plant gemeinsam mit den Elbe-Werkstätten den Ausbau der Teilhabeberatung von Betrieben. Drei zusätzliche KollegInnen sollen Kooperationen mit 50 Unternehmen herstellen, sie über konkrete Anstellungs- und Einsatzmöglichkeiten behinderter Menschen informieren und darüber in den fünf Jahren 40 zusätzliche Vermittlungen möglich machen. Die Selbstverpflichtung für Vermittlungen im Budgetzeitraum liegt für beide Werkstätten bei 6,5%. Die enge Kooperation zwischen Behörde und Leistungserbringern war für die Teilnehmer in diesem Fachvortrag spürbar. Die Beteiligten sprachen von einer „Vertrauenskultur“.


Arbeit und Bildung für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf
Den Kongressabschluss bildete eine weitere Podiumsdiskussion. Sie nahm ein weiteres Schwerpunktthema des Kongresses auf: Die Schaffung von Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf. Das Netzwerk der Tages- bzw. Tagesförderstätten hatte sich mit seinen Forderungen an den Gesetzgeber schon in den Fachvorträgen vorgestellt, ebenso die bundesweit beachteten Bildungs- und Arbeitsprojekte Feinwerk und Auf Achse von Leben mit Behinderung Hamburg. Die Diskussion vertiefte diese Ansätze noch einmal und vermittelte zum Ende des Kongresses Kampfgeist und Optimismus. Kerrin Stumpf, meinungsstarke Juristin, Mutter eines Sohnes mit Behinderung und Geschäftsführerin von Leben mit Behinderung Hamburg gab zu Protokoll: „Unsere Rechtsansprüche sind Murks, sie exkludieren weiter. Da ist so viel Geld im System, da erwarten wir mehr.“ Dr. Caren Keeley von der Universität Köln setzte auf Bildung. „Sie ist der Schlüssel für Teilhabe, und zwar für alle Menschen.“ Detlef Boie, Leiter der Eingliederungshilfe des Rauhen Hauses in Hamburg, schloss sich an, stellte aber klar: „Bildung muss in der normalen Welt stattfinden, nicht im Labor. Wir sollten den Menschen etwas zutrauen und uns dabei an das Prinzip der ‚Liebevollen Überschätzung‘ halten.“ Und schließlich warnte Kerrin Stumpf vor überzogener Kritik: „Sonderwelten darf man nicht verteufeln. Sie sind ein Schatz von Fachlichkeit, Verstehen und Unterstützen. Das müssen wir nicht auflösen, sondern in eine neue Struktur bringen.“
Dies war auch ein gutes Schlusswort zum gesamten Kongress, der innovative Lösungen und Reformwillen verbreitete. Dass die Beispiele nahezu ausschließlich aus Hamburg stammten, schien die Teilnehmer diesmal nicht zu stören. Sie traten mit vielen neuen Anregungen und Aufbruchstimmung den Heimweg an.
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