"You can!" – Ein neues Format mit viel Potenzial
Aus der Werkstätten:Messe wird ein Fachkongress. Was steckt dahinter – und hat es funktioniert?

Jahrzehntelang war die Werkstätten:Messe in Nürnberg das, was ihr Name versprach: ein Marktplatz. Werkstätten präsentierten Produkte und Dienstleistungen, Käufer informierten sich, Kooperationen entstanden. Der wirtschaftliche Austausch stand im Mittelpunkt, die Fachvorträge waren ein Zusatznutzen.
Mit dem Umzug nach Leipzig und der Umbenennung zu „You can! – Der Fachkongress für Inklusion im Arbeitsleben" hat die BAG WfbM mehr gewollt als einen Standortwechsel. Das neue Format versteht sich als Netzwerkplattform und Kongress zugleich: Nicht mehr Anbieter und Kunden stehen im Vordergrund, sondern Fach- und Führungskräfte, Werkstattbeschäftigte, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft als gemeinsame Diskussionspartner. Ein hoher Anspruch – und ein richtiger.
Wo ist das Konzept aufgegangen? Beim Austausch. Die Ausstellungsfläche mit ihren Projekten und Kooperationsmodellen hat sehr gut funktioniert: lebhafte Gespräche, viele Begegnungen, über 3.000 Besucher und Besucherinnen. Besonders positiv: Menschen mit Behinderung waren sichtbar präsent – an den Ständen, in Diskussionen, auf der Bühne. Das war sichtbar und spürbar und das war richtig so.
Auch das Themenspektrum des Vortragsprogramms – von „Arbeitsmarkt & Übergänge" über „Selbstbestimmung & Beteiligung" bis „Digitalisierung & Technologie" – las sich vielversprechend. Leider blieb es für viele beim Lesen. Die Entscheidung, Plätze erst vor Ort zu vergeben, ist nicht aufgegangen. Beliebte Räume waren schnell überfüllt, kleinere Säle von vornherein zu eng für das Interesse. Das Ergebnis: Wer wirklich in einen Vortrag wollte, hatte oft Pech.
Damit entstand ein strukturelles Dilemma: Fachprogramm oder Netzwerken? Beides lockte, beides kam dadurch zu kurz. Wer die Stände aufsuchen wollte, verpasste Vorträge – und umgekehrt.
Das sind lösbare Probleme. Für die nächste You can! könnte ein schlankeres, aber vollständig zugängliches Vortragsprogramm ein möglicher und sinnvoller Änderungsvorschlag sein – kombiniert mit mehr Raum und Zeit für Austausch und strategische Impulse. Dazu würde auch eine breitere Einladungspolitik passen: Arbeitgeber, Inklusionsfirmen, Wirtschaftsverbände. Denn Inklusion gelingt nicht unter sich. Wichtig ist, dass die BAG aktiv und konstruktiv mit den erkannten Schwachstellen und Erfahrungen aus dem ersten Fachkongress umgeht und dies für eine erfolgreiche You can! 2027 korrigiert.
Und noch ein Gedanke zum Schluss, der zum Format passt: Veränderung braucht nicht nur gute Projekte und Erfolgsstorys. Sie braucht auch den Mut, die eigenen Schwächen offen zu benennen. Die You can! hat den richtigen Geist. Beim nächsten Mal darf er auch selbstkritischer werden.
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