Zwischen Systemreform und konkreten Innovationen
Hamburger Innovationskongress entwickelt neue Perspektiven für die berufliche Teilhabe

Innovationskongress
Wie kann berufliche Teilhabe so weiterentwickelt werden, dass sie den unterschiedlichen Lebenswegen von Menschen mit Behinderung besser gerecht wird? Mit dieser Frage beschäftigte sich der Hamburger Innovationskongress am 22. und 23. Juni 2026. Vertreterinnen und Vertreter von Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM), Leistungsträgern, Selbstvertretungen und Fachorganisationen arbeiteten dort nicht nur an der Analyse bestehender Herausforderungen, sondern entwickelten gemeinsam konkrete Lösungsansätze.
Auffällig war dabei die Offenheit, mit der unterschiedliche Positionen diskutiert wurden. Immer wieder wurde deutlich, wie anspruchsvoll es ist, die Perspektiven anderer Akteure einzunehmen und zugleich die eigenen Strukturen kritisch zu hinterfragen. Gerade dieser Dialog führte zu einer Reihe konkreter Projekte.
Zwei Zukunftsmodelle
Besonders weit reichte der Vorschlag, im SGB IX eine eigenständige Leistungsform betrieblicher Teilhabe zu schaffen. Dahinter steht die Idee, das bestehende System um eine zweite Säule zu ergänzen: Es soll eine rechtlich abgesicherte und ausreichend finanzierte Unterstützung bei der Aufnahme betrieblicher Beschäftigung geben, die nicht über die WfbM führt. Ziel ist keine Konkurrenz zur Werkstatt, sondern mehr Wahlmöglichkeiten für Menschen, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig sein möchten. Eine Projektgruppe will dafür nun politische Partner gewinnen und konkrete gesetzgeberische Schritte vorbereiten.
Einen anderen Weg verfolgt das Projekt „Wir sind PINK“ („Perspektivgeber für Inklusion“). Es setzt auf eine Weiterentwicklung der Werkstätten selbst. Die Idee: Das dort vorhandene Know-how könnte künftig auch anderen benachteiligten Personengruppen zugutekommen und damit neue regionale Angebote zur Arbeitsmarktintegration schaffen.
Innovationen aus der Praxis
Die Fachvorträge zeigten, dass Innovation bereits vielerorts beginnt. Vorgestellt wurden unter anderem das Hamburger Trägerbudget mit seinen erweiterten Gestaltungsmöglichkeiten sowie erfolgreiche Modelle für den Übergang von der Schule in den Beruf.
Große Aufmerksamkeit erhielt ein neues Verfahren der Bedarfsermittlung des Landschaftsverbands Rheinland. Mithilfe Künstlicher Intelligenz soll die Dokumentation einfacher und gleichzeitig stärker personenzentriert werden. Digitalisierung wird damit nicht als zusätzliche Bürokratie verstanden, sondern als Chance für mehr Teilhabe.
Praxisbeispiele aus Werkstätten machten deutlich, wie individuelle Bildungs- und Entwicklungswege stärker in den Mittelpunkt rücken können. Eindrucksvoll zeigte auch das Arbeitgebernetzwerk der Perspektiva gGmbH in Fulda, welche Bedeutung langfristige Kooperationen mit Unternehmen für erfolgreiche Vermittlungen besitzen. Vorgestellt wurden außerdem erste Erfahrungen mit Peer-Beratung in der Eingliederungshilfe sowie der persönliche Berufsweg einer Beschäftigten, die mit Unterstützung der Hamburger Arbeitsassistenz ihren Platz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gefunden hat.
Ergänzt wurden diese Beispiele durch Überlegungen zur strategischen Weiterentwicklung der Werkstätten. Die Botschaft lautete: Innovation entsteht nicht nur durch große Reformen, sondern oft durch viele gut aufeinander abgestimmte Veränderungen.
Gemeinsam Zukunft gestalten
Den eigentlichen Kern des Kongresses bildete die Projektarbeit. In gemischten Arbeitsgruppen entwickelten Leistungsträger, Leistungserbringer und Menschen mit Behinderung neue Ideen für Qualifizierung, Vermittlung, personenzentrierte Unterstützung und die Zusammenarbeit mit Unternehmen. Für die Teilnehmenden war es eine neue und bereichernde Erfahrung, VertreterInnen der drei Akteure gleichberechtigt an einem Tisch zu haben. Diese Zusammenarbeit erwies sich als besondere Stärke der Veranstaltung. Unterschiedliche Interessen wurden offen ausgesprochen und kontrovers diskutiert. Nicht immer entstand Einigkeit, wohl aber ein besseres Verständnis für die Sichtweisen der jeweils anderen.
Der Hamburger Innovationskongress war damit weit mehr als eine Fachtagung. Er verband fachliche Impulse mit gemeinsamer Entwicklungsarbeit und machte deutlich, dass tragfähige Reformen dort entstehen, wo unterschiedliche Akteure gemeinsam Verantwortung übernehmen. Nicht jede Projektidee wird sich kurzfristig verwirklichen lassen. Der gewachsene Dialog und das entstandene Vertrauen bilden jedoch eine wichtige Grundlage dafür, die berufliche Teilhabe in den kommenden Jahren weiterzuentwickeln.
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