Hier heißen Werkstätten jetzt ABI-Zentren
Große Schritte für mehr Inklusion und Teilhabe beim Frankfurter Verein e.V.

Antje Bergmann - Frankfurter Verein
„Fachlich und inhaltlich sind wir bereits gut aufgestellt, aber unsere Verpackung war überholt“, schildert Antje Bergmann den Zustand der WfbM des Frankfurter Vereins vor gut einem Jahr. Im „Zukunfts-Seminar“ von 53° NORD identifizierten die Verantwortlichen im Januar 2025 drei wesentliche Bereiche, um ihre Werkstätten noch gezielter weiterzuentwickeln. Auch die Außendarstellung sollte, dem erreichten Status entsprechend, moderner, attraktiver und inklusiver werden.
Zahl der Beschäftigten war gesunken
Eine typische Äußerung: „Ich sage nicht, dass ich in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeite, das ist mir peinlich“, berichten Beschäftigte oft, denn dann würden sie gleich „abgestempelt“. Endstation Werkstatt? So fassen Außenstehende das vielfach auf, denen die Bedeutung und Notwendigkeit der WfbM nicht klar ist. „Diese verbreitete harte Kritik an den Werkstätten und die teilweise Forderung, sie abzuschaffen, haben wir deutlich gespürt“, blickt Bergmann zurück. Einhergehend mit dem demografischen Wandel war die Zahl der Beschäftigten in den Werkstätten gesunken. Dem wollte der Bereich Arbeit | Bildung | Inklusion (kurz ABI) des Frankfurter Vereins abhelfen, weitere Potentiale ausloten und die Außendarstellung weiterentwickeln.
Sprache ist mehr als Kosmetik
Man setzte unter anderem bei den alltäglichen Begriffen an: Werkstatt-Beschäftigte heißen im ABI-Verbund inzwischen Mitarbeitende, die Gruppenleitung heißt Arbeitsanleitung, und die fünf über das Stadtgebiet verteilten Werkstattstandorte nennen sich „ABI-Zentren | Nord, Ost, Süd, West und Mitte“. „Das ist vielmehr als nur Kosmetik“, betont Antje Bergmann, Bereichsleitung des ABI-Verbundes. „Denn Sprache bildet Realität ab.“ Ihre Erfahrung lautet: Die Mitarbeitenden würden viel lieber in Gebäuden arbeiten, an denen nicht in Großbuchstaben „Reha-Werkstatt“ steht, sondern von nun an ABI-Zentrum | Nord, Ost, Süd, West oder Mitte mit den dazugehörigen Arbeitsfeldern, die beim ABI-Verbund vielfältig gestaltet sind.
Info-Material und Webseite inklusiver gestaltet
In den ABI-Zentren arbeiten überwiegend Menschen mit einer psychischen Einschränkung, teilweise bestehen auch Doppeldiagnosen oder Schwerpunkte im Bereich einer geistigen Einschränkung. Menschen mit Behinderungen haben ohnehin mit Stigmatisierungen zu kämpfen. „Wir verstehen die Umbenennungen daher als großen Schritt zu mehr Inklusion und Teilhabe“, erklärt Antje Bergmann. Im Zuge des Wortewandels wurden auch das Informations-Material und die Webseite anschaulicher und inklusiver gestaltet. Und zwar intern von Mitarbeitenden des Bereichs Druck und Medien im ABI-Zentrum | West. „Das hat das Selbstwertgefühl und die Identifikation sehr gestärkt. Darauf sind wir sehr stolz“, freut sich Bergmann. Webseite und Flyer wurden ansprechender gestaltet, leichter verständlich formuliert und vereinheitlicht. Kontakt-Infos, etwa zur zentralen Aufnahme, sind nun auf Anhieb zu finden. „Unsere Homepage ist barriere-arm“, sagt Antje Bergmann. Der komplette ABI-Verbund hat zudem eine eigene ansprechende Webseite erhalten (www.abi-verbund.de).
sozialraum-orientierte Bildungs- und Arbeitsbereiche
Der ABI-Verbund des Frankfurter Vereins lege starken Wert darauf, sich stets zeitgemäß zu entwickeln, noch inklusiver zu werden und den Mitarbeitenden eine Fülle attraktiver Angebote zu unterbreiten, hebt Antje Bergmann hervor. „Um das zu garantieren, sind unter anderem interne Klausuren und ein reger Austausch - auch mit anderen regionalen Trägern - bei uns selbstverständlich. So können wir das Angebot in der Region passend und nachhaltig gestalten“. Wie im letzten Jahr wird es auch in 2026 wieder einen Fachtag für die Arbeitsanleitung geben. Die Bildungs- und Arbeitsbereiche der Zentren seien sozialraum-orientiert, auch in Form von kleinen „Außensatelliten“ der fünf ABI-Zentren, so unter anderem in Wohn- und Industriegebieten sowie in Bezirken mit Schwerpunkt in Einzelhandel oder Gastronomie. Wie etwa das bekannte Kaffee- und Veranstaltungs-Haus „frankfurtersalon“ mitten in der Altstadt. Ein weiterer wichtiger Schritt: „Wir haben im Spätsommer 2024 das Eingangsverfahren und den Berufsbildungsbereich zentralisiert und diesen physisch an einen neuen, eigenen Standort ausgelagert. Wir nennen es Zentrum für Ausbildung und Qualifizierung – kurz ZAQ.“
Seminar unterstützte bei Transformations-Prozess
Um weitere innovative Ideen zu entwickeln und sich den unvoreingenommenen Blick von außen zu verschaffen, besuchten acht Führungskräfte des ABI-Verbundes des Frankfurter Vereins das zweitätige Seminar „Die eigene Werkstatt zukunftsfest machen“ von 53° NORD. Das bewährte Seminar zielt darauf ab, WfbM bei ihrem Transformations-Prozess vom geschützten und teils isolierten Raum hin zu mehr Öffnung in den Sozialraum, fortschrittlicheren Bildungs- und Arbeits-Angeboten sowie gelingenden Übergängen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt mit Expertise zu unterstützen. Zum Change-Management-Prozess, den wohl alle WfbM heute brauchen, gehören außerdem Themen wie Entgeltregelungen, Teilhabe von Menschen mit komplexen Behinderungen, Wahlrecht, Selbstbestimmung und Personen-Zentrierung.
„Es hat uns total viel gebracht.“
„Das Seminar hat uns total viel gebracht“, lautet Antje Bergmanns Fazit. „Die Dozenten, Herr Umsonst und Herr Zobeleiy, waren kompetent, ehrlich und locker. Wir waren vollauf zufrieden.“ Zunächst gab es fachlichen Input, dann hieß die Analyse-Frage „Wo stehen wir?“. „Im dritten Schritt haben wir drei strategische Handlungsfelder identifiziert“, erläutert Bergmann: 1. die Arbeits- und Bildungs-Angebote, 2. die Personalentwicklung und 3. das Akquise- und Beschäftigungs-System. Abschließend wurden zu allen Handlungsfeldern einzelne Ziele und Umsetzungs-Konzepte erarbeitet. „Als ein wichtiges Projekt ergab sich das Projekt ‚Wording‘ – also die Anpassung der Begrifflichkeiten“, so Antje Bergmann. Die Projektgruppe ‚Wording‘ machte sich daran, andere Bezeichnungen und eine zeitgemäßere Sprache zu ersinnen, „um der Problematik der Stigmatisierung entgegenzutreten“.
Passgenaue Fortbildungen sind wichtig
Der Veränderungs-Prozess in den drei festgelegten Handlungsfeldern läuft kontinuierlich weiter. „Das Große und Ganze steht“, ist Bergmann überzeugt. „In den Team-Sitzungen schauen wir darauf, was wir noch umsetzen müssen“. So liegt unter anderem ein Fokus auf der Rolle und der Professionalität der Arbeitsanleitung (vormals: Gruppenleitung). „Das ist unsere größte Berufsgruppe, die ganz nah an den Mitarbeitenden dran ist. Passgenaue Fortbildungen sind sehr wichtig, um die sich verändernden Herausforderungen meistern zu können.“ Die Mitarbeitenden mit Einschränkungen seien zwar zumeist „kognitiv gut aufgestellt“, aber ihre psychischen Erkrankungen würden heutzutage oftmals heftiger, erläutert Antje Bergmann. Für diese Menschen zwischen etwa 20 und Mitte 50, die vom regulären Arbeitsmarkt in die WfbM wechseln müssen, bedeutet das eine enorme Belastung und Unsicherheit. Umso mehr sind die Personen gefordert, die sie anleiten. „Was brauchen diese tagtäglich?“ sei eine wichtige Frage, führt Antje Bergmann aus.
Personal macht eigene begleitende Angebote
Der Bereich der sogenannten arbeitsbegleitenden Maßnahmen wird ebenfalls aufgefrischt. „Neu ist, dass sich unser Personal mit eigenen Angeboten daran beteiligt“, informiert Bergmann. Zur Auswahl stehen Kurse zu Gesundheit, Bewegung, Sprachen, digitaler Bildung und kultureller Teilhabe, darunter auch Museumsbesuche. Das hauseigene Fortbildungs-Management organisiert die Termine, und es gibt eine ansehnliche Broschüre dazu, die Lust auf die Teilnahme machen soll. Sie wurde selbstverständlich ebenfalls vom Bereich Druck und Medien des ABI-Zentrum | West erstellt.
Sehr verschiedene Perspektiven einbringen
„In unseren gesamten Weiterentwicklungs-Prozess fließen sehr verschiedene Perspektiven ein“, betont die Führungskraft des Frankfurter Vereins. Es gebe sehr konkrete Themen wie die Konzeption anspruchsvoller Arbeitsangebote, aber auch das Überdenken und Optimieren der bereits vorhandenen Arbeitsbereiche gehöre dazu. Doppel-Strukturen darin sollen abgebaut werden. Die Zahl der Anfragen hat sich inzwischen stabilisiert. „Wir haben die Wirtschaftlichkeit selbstverständlich im Blick, aber ebenso wichtig ist uns die Kultur, die wir hier leben, nämlich dass wir alle Menschen zufriedenstellen, die bei uns arbeiten“, hebt Antje Bergmann hervor. So ist es etwa gängige Praxis, Mitarbeitenden einen neuen interessanten Arbeitsbereich anzubieten, wenn sie eine Veränderung wünschen oder brauchen. Die Zufriedenheit der Mitarbeitenden mit ihrer Tätigkeit und den Rahmenbedingungen ist wiederum die Voraussetzung, um gute Leistungen zu erzielen und attraktive Aufträge aus der freien Wirtschaft und dem Dienstleistungssektor zu erhalten.
53°NORD als externer Impulsgeber
Das vor gut einem Jahr mit dem Führungsteam besuchte Seminar „Die eigene Werkstatt zukunftsfest machen. Ideen und konkrete Ansätze für eine erfolgreiche Weiterentwicklung“ versteht Bergmann als wichtigen externen Impulsgeber dafür, die eigenen Werkstätten (beziehungsweise die ABI-Zentren) sattelfest für eine herausfordernde Zukunft zu machen. Der Experten-Blick von außen helfe dabei, eigene Stärken und Schwächen zu erkennen, sowie Veraltetes und bereits Zeitgemäßes. Auf Basis der systematischen Analyse im Seminar wird an vorhandene Ressourcen angeknüpft, lösungsorientierte Wege wurden angestoßen. Weil das Tagesgeschäft in WfbM enormen Einsatz verlangt, ist die Umsetzung eines gründlichen Transformations-Prozesses obendrauf eine Mammut-Aufgabe, die oft lange dauert. 53° NORD bietet ein fortlaufendes Prozess-Coaching an, um eine zielführende Umsetzung zu gewährleisten. Der Frankfurter Verein nimmt dies nicht in Anspruch, da man mit dem Seminar und den daraus entwickelten Aufgaben gut alleine zurechtkomme, „aber wer weiß, was die Zukunft noch bringt“, sagt Antje Bergmann.
Kontakt
Antje Bergmann
Frankfurter Verein
antje.bergmann(ät)frankfurter-verein.de

