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Sind ausgelagerte Arbeitsplätze die Zukunft der Werkstatt?

Rückblick auf die 53° NORD-Fachtagung in Kassel

Bild Sind ausgelagerte Arbeitsplätze die Zukunft der Werkstatt?
53° NORD-Fachtagung in Kassel

 14. Juli 2026 |  53°NORD | Textbeitrag

  Haltung, Wahlfreiheit und Selbsbestimmung, Weiterentwicklung der beruflichen Teilhabe, Werkstätten, Kostenfreie Artikel, Veranstaltungsrückblick

Am 30. Juni und 1. Juli 2026 trafen sich Fach- und Führungskräfte aus Werkstätten für behinderte Menschen im GDW Mitte in Kassel, um eine der derzeit drängendsten Fragen der Branche zu diskutieren: Sind ausgelagerte Arbeitsplätze die Zukunft der WfbM? Der Trend ist unübersehbar: Immer mehr Einrichtungen verlagern Arbeitsgruppen und Einzelarbeitsplätze in Betriebe des allgemeinen Arbeitsmarktes, bauen Cafés, Kantinen und Ladengeschäfte im Sozialraum auf und stellen damit ihr eigenes Selbstverständnis auf den Prüfstand.

Eröffnung: ein Wendepunkt wie vor vierzig Jahren?

Dieter Basener eröffnete die Tagung mit einem persönlichen Rückblick auf seinen Einstieg als Psychologe in einer Werkstatt im Jahr 1981, geprägt von Verpackungs- und Montageaufträgen hinter festen Werkstattmauern. Seitdem habe sich vor allem das Verständnis von Teilhabe grundlegend verändert: Ausgelagerte Einzel- und Gruppenarbeitsplätze, betriebsintegrierte Beschäftigung sowie Dienstleistungsangebote im Sozialraum prägten in vielen Werkstätten bereits das Profil. Die eigentliche Frage laute daher nicht mehr, ob sich Werkstätten öffnen, sondern wie sie diesen Wandel gestalten, gerade auch im Interesse der Beschäftigten mit höherem Unterstützungsbedarf.

Drei Praxisberichte, drei unterschiedliche Wege

Nach einer ersten Kleingruppenanalyse zur aktuellen Ausgangslage stellte Rolf Tretow gemeinsam mit Ulf Lübben-Lorenz von den Elbe-Werkstätten Hamburg die wohl konsequenteste Auslagerungsstrategie der Tagung vor: Bei rund 2.400 Beschäftigten sind bereits 38 % der Arbeitsplätze ausgelagert, bis 2028 soll die Quote auf 40 % steigen. Die Nachricht am Rande: Die ausgelagerten Gruppen- und Einzelplätze sind die profitabelsten Geschäftsfelder der Werkstatt. Sieben Thesen zur Zukunft der Werkstatt – von der Notwendigkeit, die eigene Komfortzone zu verlassen, bis zur wachsenden Bedeutung digitaler Assistenzsysteme – bildeten den Rahmen für ein ambitioniertes Zielbild: 10 % der Beschäftigten sollen bis 2030 in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt übergeleitet werden.

Am Nachmittag stellten Ingo Diederich und Susanne Schulz von der Lebenshilfe Werkstatt München das Projekt VARIabel vor, ein seit 2016 mit Mitteln von Aktion Mensch aufgebauter Fachbereich, der heute 46 individuelle Außenarbeitsplätze betreut. Die Werkstatt bietet aber auch ausgelagerte Gruppen an Orten wie dem Tierpark Hellabrunn oder im FC Bayern-Campus. Im Zentrum stand hier weniger die Quote als der individuelle Weg: Sprechstunden, Praxisphasen, Qualifizierung und eine passgenaue Vermittlung entlang von Anforderungsprofil und Fähigkeiten. Eine wesentliche Rolle für den Erfolg spielt auch die Markenbildung des Bereichs VARIabel mit eigenem Namen, Auftritt und zugehörigem Logo sowie Räumlichkeiten außerhalb der WfbM.

Den Tag beschloss Sabine Kohler, Geschäftsführung der Werkstatt Bremen, mit einem Bericht über die lange Tradition ausgelagerter Arbeitsgruppen im Martinshof, von den ersten Kooperationen in den späten 1980er-Jahren bis zum heutigen Fachdienst KwerWege, der mit einem multiprofessionellen Team Unterstützte Beschäftigung, Qualifizierungsmodule und Einzelaußenarbeitsplätze bündelt. Bemerkenswert war ihre differenzierte Bestandsaufnahme: Die Zahl der Beschäftigten in ausgelagerten Arbeitsgruppen sinkt, weil sich die Entwicklung zunehmend in Richtung Einzelarbeitsplätze und Budget für Arbeit verschiebt.

Die anschließende Podiumsdiskussion bündelte die Erkenntnisse des Tages und leitete über zur praktischen Arbeit des zweiten Tages.

Tag 2: Von der Analyse zur eigenen Umsetzung

Der zweite Tagungstag stand ganz im Zeichen der eigenen Praxis. In drei Arbeitsgruppenphasen tauschten die Teilnehmenden zunächst ihre Erfahrungen zu den Themen Aufbau ausgelagerter Arbeitsgruppen, Aufbau von Einzelarbeitsplätzen und Aufbau externer Dienstleistungsangebote aus. Am Nachmittag entwickelten sie dann konkrete Vorhaben für ihre jeweilige Einrichtung, zunächst in Einzelarbeit und danach im kollegialen Austausch miteinander. Die Ergebnisse stellten sie im Plenum vor. Die präsentierten Flipcharts zeigen die ganze Bandbreite der Branche. Manche hatten ihren nächsten Schritt bereits konkretisiert und sogar terminiert, mit dem Start einer neuen Außenarbeitsgruppe zum 1. Januar 2027 samt Klausurtagung und Vertragsabschluss. Andere entwickeln neue Geschäftsfelder wie ein Gebäudemanagement-Angebot oder ein Kompetenzteam Lager und Logistik. Wieder andere arbeiten an Haltungsfragen: mehr Sichtbarkeit für das Thema Außenarbeit, ein eigenes Logo und positives Wording, oder die Sensibilisierung des Werkstattrats für Belange der Außenarbeit.

Atmosphäre: intensiv, offen, verbindend

Über den fachlichen Ertrag hinaus war die Tagung von einer außergewöhnlich guten Arbeitsatmosphäre geprägt. Die Teilnehmenden nutzten nicht nur die offiziellen Programmpunkte, sondern auch die Pausen und den gemeinsamen Abend intensiv für den kollegialen Austausch. Viele Kontakte und Ideen für Kooperationen über Einrichtungsgrenzen hinweg entstanden gerade in diesen informellen Gesprächen. Beim Abschluss des zweiten Tages fiel die Bewertung der Tagung durchweg sehr positiv aus: Teilnehmende hoben besonders die Praxisnähe der Beiträge, die konstruktive Arbeitsweise in den Kleingruppen und die Möglichkeit hervor, mit konkreten Ideen für die eigene Einrichtung nach Hause zu fahren.

Fazit

Sabine Kohler brachte es im Fazit ihres Vortrags auf den Punkt: Auf die Frage, ob ausgelagerte Arbeitsplätze die Zukunft der Werkstatt seien, antwortete sie mit einem klaren „Jein“. Im Martinshof Bremen werde es zunehmend schwieriger, Beschäftigte für ausgelagerte Arbeitsgruppen zu gewinnen, stattdessen verschiebe sich die Entwicklung in Richtung Einzelarbeitsplätze und von dort wiederum weiter zum Budget für Arbeit oder zurück in die Werkstatt. Ausgelagerte Arbeitsplätze blieben aber in jedem Fall ein wichtiges Sprungbrett auf den allgemeinen Arbeitsmarkt und erhöhten durch ihre Vielfalt die Attraktivität der Werkstatt insgesamt. Zugleich sei absehbar, dass die künftig veränderte Zielgruppe, Menschen mit höherem Unterstützungsbedarf, für dieses Modell voraussichtlich seltener infrage komme und die Werkstatt vor andere Herausforderungen stelle.

Genau diese Ambivalenz zog sich durch die gesamte Tagung: Es gibt nicht den einen Weg in die Zukunft der Werkstatt, sondern viele parallele Entwicklungspfade, von der konsequenten Auslagerungsstrategie der Elbe-Werkstätten über die individuelle Vermittlungsarbeit von VARIabel bis zur differenzierten Bestandsaufnahme aus Bremen. Was alle Beiträge und die zwölf Projektskizzen aus den Arbeitsgruppen eint, ist die Überzeugung, dass Öffnung kein Selbstzweck ist, sondern immer daran zu messen ist, wie sie allen Beschäftigten – auch und gerade denen mit höherem Unterstützungsbedarf – tatsächlich zugutekommt.

Die Werkstatt der Zukunft wird sich daher vermutlich weniger über ihre Gebäude als über ihre Fähigkeit definieren, passgenaue Wege für ganz unterschiedliche Beschäftigte anzubieten, innen wie außen. Die Fachtagung in Kassel hat dafür wichtige Impulse und, nicht zuletzt durch den intensiven kollegialen Austausch, viele neue Kontakte für die weitere Zusammenarbeit geliefert.

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